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Rhein-Main : Im Möbelhandel bricht die Mitte weg

Den Jingle der Radiowerbung noch gut im Ohr: Möbelcity Wesner in Frankfurt-Höchst schließt trotzdem. Bild: Anna Jockisch

Die Pläne Segmüllers für Bad Vilbel zeigen, wie dramatisch sich die Möbelbranche ändert. Die Zukunft scheint den großen Häusern zugehören – und den Spezialisten. Die Mitte hat es schwer.

          Die Möbelcity Wesner in Frankfurt-Höchst war solch ein Fall, Möbel Thomas im Stadtteil Riederwald auch. Traditionsreiche Häuser, gutsortiert, mit kundigen Verkäufern – und doch Geschichte. Zu klein für den harten Kampf in der Branche. Oder zu groß? Peter und Ralf Heinemann, Eigentümer von Wesner, verkaufen inzwischen wieder Möbel. Auf 500 Quadratmetern, nicht mehr auf 25 000. Nicht mehr in Höchst, sondern in einem Gewerbegebiet Kriftels. Und nicht mehr das ganze Sortiment, sondern nur noch Sessel, Sofas und Teppiche – von ausgesuchten Lieferanten.

          Manfred Köhler

          Stellvertretender Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und verantwortlicher Redakteur des Wirtschaftsmagazins Metropol.

          Fürchtet man bei Wesner-Wohnkomfort, wie der neue Name lautet, ein Riesen-Möbelgeschäft in Bad Vilbel? Grundsätzlich schon, sagt Ralf Heinemann. Aber: „Wir sind klar und deutlich positioniert. Ins große Haus geht niemand, der ernsthafte Beratung will. Unsere Kunden besuchen diese Häuser zwar – kaufen aber dann bei uns ein.“ Als Spezialist habe man „mehr als eine Chance“ zu überleben, fügt er selbstbewusst hinzu.

          Die Kunden wollen es so

          Groß und Klein, dazwischen immer weniger: Bei Möbeln geht es genauso zu wie anderswo im Einzelhandel. Auch bei Büchern prägen zunehmend die großen Ketten wie Thalia und Hugendubel das Bild – und die Spezialisten, die nur Krimis oder Kinderbücher im Angebot haben. Bei Textilien lässt sich derlei ebenfalls erkennen, nur zeigen sich angesichts der Vielzahl der Anbieter die Konturen dieses Wandlungsprozesses nicht so deutlich.

          Die Kunden wollen es so. Samstag- nachmittag in Weiterstadt: Auf beiden Abbiegespuren zum Parkplatz von Segmüller stauen sich die Autos. Vor dem Haus ein bisschen Volksfeststimmung. In der Zuckerbude liegen Mandeln und Magenbrot aus, gegenüber im Biergarten kostet das Spießbratenbrötchen nur 3,20 Euro. Auf vier Etagen werden Möbel und allerlei Artverwandtes angeboten, auch Badezimmerteppiche und Bettwäsche, Kochtöpfe und Kochbücher. Mit 40 000 Quadratmetern Verkaufsfläche hat sich das 2004 eröffnete Haus des bayerischen Familienunternehmens ganz nach vorne gespielt. Bei Segmüller nennt man sich selbst stolz das umsatzstärkste Möbelgeschäft in Deutschland.

          Keine Überversorgung

          Flächenwachstum trotz Umsatzrückgängen – so lässt sich die Entwicklung der Möbelbranche in den vergangenen zwei Jahrzehnten zusammenfassen (siehe Grafik). Auch damit steht die Möbelbranche nicht allein. Der verwöhnte Kunde will überall eine große Auswahl, er will sie in weitläufigen Räumen präsentiert sehen. Auch Textilfilialisten, Buchhandlungen und sogar Lebensmittelmärkte fallen immer größer aus. In einem Land, in dem nahezu jeder nahezu alles längst hat, muss man Einkaufen zum Erlebnis machen, bevor der Kunde zum Portemonnaie greift.

          Dass Segmüller seinen Erfolg jetzt in Bad Vilbel wiederholen will, kann ein Branchenkenner wie Sebastian Deppe von der BBE Handelsberatung in München verstehen. Zum einen lasse sich von einer Überversorgung Frankfurts und seiner engeren Umgebung mit Möbelhäusern keineswegs sprechen. Von Ikea abgesehen, finde sich mit Mann Mobilia in Eschborn derzeit nur ein einziger starker Anbieter. Zum anderen könne Segmüller mit einem zweiten Haus in der Region neben dem in Weiterstadt Kosten sparen.

          Einige mächtige Familien

          Deppe rät gleichwohl beim Bau neuer Möbelhäuser grundsätzlich zu Achtsamkeit. „Es ist eine gewisse Gigantomanie zu beobachten, auf Dauer kann es bei dem Flächenwachstum nicht bleiben.“ Die Investoren müssten genau rechnen, damit keine „Problemhäuser“ entstünden. „Es sind auch schon Entscheidungen aus dem Bauch heraus getroffen worden.“

          Vielleicht liegt das daran, dass in der Möbelbranche einige mächtige Familien den Ton angeben. Hans, Peter und Paul Segmüller aus dem bayerischen Friedberg, Platz 5 im deutschen Möbelhandel, stehen gegen Kurt Krieger, Inhaber von Möbel Höffner (Platz 2), und gegen die österreichische Lutz-Gruppe mit Mann Mobilia und Mömax, ebenfalls in Familienbesitz (Platz 3) – ebenso wie Porta aus Ostwestfalen (Platz 4). Nur Branchenprimus Ikea gehört inzwischen einer Stiftung, deren Aufsichtsrat freilich der Gründer Ingvar Kamprad angehört.

          Keine Zukunftsmusik

          Wachsen wollen sie alle, und es wird kein Zufall sein, dass die Geschäftsgebiete der Unternehmen auf den Plätzen 2 bis 5 ausgerechnet im Rhein-Main-Gebiet aneinanderstoßen. Neben dem Raum um München ist es die kaufkraftstärkste Region Deutschlands, der Hochtaunuskreis liegt sogar noch vor dem Landkreis Starnberg. So sind auch weitere Investitionsvorhaben absehbar. Kurt Krieger hat Ackerland vor Hofheim-Diedenbergen gekauft, Ikea plant ein viertes Haus in der Region.

          BBE erwartet einen weiteren Konzentrationsprozess. Noch ist die Branche sehr zersplittert (siehe Grafik). Die zehn größten Händler kamen 2008 auf 38 Prozent Marktanteil, 2020 werden es nach einer Prognose der Berater 51 Prozent sein. Bei den Handelsformen sieht BBE vor allem für die Wohnkaufhäuser mit mehr als 20 000 Quadratmetern Wachstumspotential, ferner für Spezialisten, sei es für Küchen oder Polstermöbel, schließlich auch für Flagshipstores der Hersteller, wie man sie aus dem Modegeschäft kennt.

          Für Frankfurt ist das alles keine Zukunftsmusik. Während Vollsortimenter wie Wesner und Thomas schließen mussten, sind neue Möbelgeschäfte entstanden: Kontrast, Leptien 3, Ikarus etwa, kleiner in der Verkaufsfläche, designorientiert, zwei von ihnen an der Hanauer Landstraße, der Trendmeile Frankfurts. Wenig verbindet solche Anbieter mit einem Wohnkaufhaus wie die in Weiterstadt und Eschborn. In einem reichen Ballungsraum wie dem Rhein-Main-Gebiet sollte der Markt auf Dauer für beide Formen des Handels reichen.

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