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Kommentar zu Fernbahntunnel : Die saturierte Region

Niemand muss ob der Pläne für einen Fernbahntunnel in Frankfurt in Begeisterungsstürme verfallen, obwohl die Vorteile des Milliardenprojekts auf der Hand liegen. Aber die unverhoffte Möglichkeit könnte schon ein etwas größeres Echo auslösen.

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          Kann es sein, dass eine Region satt und damit träge wird, wenn der Erfolg überhandnimmt? Vielleicht ist das so im Rhein-Main-Gebiet, in dem das Wirtschaftswachstum nicht aufhört, sich der Wohlstand ausbreitet und Arbeitslosigkeit zu einer Randerscheinung wird. Anders jedenfalls sind die bescheidenen Reaktionen auf den Vorschlag des Bundesverkehrsministeriums für den Bau eines Fernverkehrstunnels unter der Frankfurter Innenstadt nicht zu deuten.

          Jahrelang ist in Hessen bedauert worden, dass der Bund beim Ausbau des Schienennetzes vor allem an andere Teile Deutschlands gedacht hat, namentlich Bayern, woher auch viele Verkehrsminister stammten. Auch der derzeitige Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer hat ein CSU-Parteibuch, aber während er beim Thema Diesel keine gute Figur macht, treibt er den Ausbau des Eisenbahnnetzes in Deutschland mit großem Tempo voran, und anders als seine Vorgänger nicht nur mit Blick auf seine Heimat.

          Mit 5,5 Milliarden Euro an der Stadtgrenze

          Scheuer hat kürzlich den Deutschlandtakt auf die Tagesordnung gesetzt, der den Bahnverkehr erheblich attraktiver machen würde, und er hat nun zahlreiche Ausbauvorhaben angestoßen, darunter ebendie Modernisierung des Eisenbahnknotens Frankfurt. Es steht also, wenn man so will, ein Minister mit 5,5 Milliarden Euro an der Stadtgrenze von Frankfurt und fragt, ob er damit wohl eingelassen werden dürfe.

          Und wie ist die Reaktion? Kein Wort vom Ministerpräsidenten dazu, eine sehr zurückhaltende Einschätzung des hessischen Verkehrsministers („erfreulich“); dass sich der Frankfurter Oberbürgermeister nicht geäußert hat, wundert einen schon gar nicht mehr. Auch von der Wirtschaft kommt wenig. Die IHK Frankfurt hat ein Lob ausgesprochen, immerhin. Der Regionalverband und der RMV wenigstens heißen das Vorhaben gut.

          Niemand muss in Begeisterungsstürme verfallen, obwohl die Vorteile des Milliardenprojekts auf der Hand liegen. Aber die unverhoffte Möglichkeit, dass der Stadt und der Region die Lösung jahrzehntealter Probleme auf dem Silbertablett serviert wird, könnte schon ein etwas größeres Echo auslösen.

          Die Saturiertheit der Region droht zu einer Gefahr für diesen Standort zu werden. Denn nicht weniger schwer, als einen guten Platz im Wettbewerb der Ballungsräume zu erringen, ist es, einen solchen Platz zu verteidigen.

          Manfred Köhler

          Stellvertretender Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und verantwortlicher Redakteur des Wirtschaftsmagazins Metropol.

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