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RFID-Funkchips : So hilft ein Hesse den Amerikanern beim Wäsche waschen

Expansion nach Amerika: Karsten Otto mit mobilem Funkchip-Scanner Bild: Röth

Das kleine Frankfurter Start-up Otto ID soll für den Nasdaq-Konzern Cintas die Abläufe in Großwäschereien digitalisieren und optimieren. Für Gründer Karsten Otto liegt die ungewöhnliche Zusammenarbeit nahe.

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          Wenn Wachleute, OP-Schwestern, Paketboten und Köche in den Vereinigten Staaten sich saubere Arbeitskleidung überstreifen können, dann liegt das bald auch an einem Frankfurter Start-up. Das 2018 gegründete Unternehmen Otto ID Solutions hilft nun dem amerikanischen Nasdaq-Konzern Cintas, Dutzende Großwäschereien mithilfe von RFID-Funkchips zu digitalisieren und zu optimieren.

          Falk Heunemann
          Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Dass ein Konzern aus Cincinnati, Ohio, mit 41.000 Beschäftigten und einem Jahresumsatz von fast acht Milliarden Dollar ausgerechnet bei einem Frankfurter Gründer mit aktuell sieben Mitarbeitern Rat sucht, findet Otto-ID-Gründer Karsten Otto aber nicht ungewöhnlich: „Wir wissen, wie Wäschereien funktionieren.“

          Dabei hatte Otto seine RFID-Technik, die er nun bei Cintas einsetzt, eigentlich für ganz andere Einsatzzwecke konzipiert: Der gebürtige Hanauer und ehemalige Rettungssanitäter hatte vor vier Jahren nach einem Weg gesucht, wie die lästigen, weil langwierigen Inventuren in Rettungswagen beschleunigt werden könnten. Wie viele Mullbinden wurden verbraucht, wie viele Kanülen sind übrig, wie lange sind Medikamente haltbar – all das manuell zu kontrollieren dauere jedes Mal ein bis zwei Stunden, erklärt er.

          Das könne doch mit kleinen RFID-Radiotranspondern deutlich schneller gehen, dachte er sich. Die flachen, briefmarkengroßen Funkstreifen lassen sich auf nahezu alle Verbrauchsgüter anbringen und mit einem Lesegerät sofort auslesen. Die Inventur im Rettungswagen gelingt so in 45 Sekunden statt in vielen Stunden. Für diese Geschäftsidee wurde Otto 2019 bei dem Frankfurter Gründerpreis mit dem ersten Platz ausgezeichnet, dafür gab es ein Preisgeld von 12.500 Euro.

          Wäschereien als Nischenbranche

          Der Kontakt zum Nasdaq-Konzern sei zufällig entstanden. Als Otto in den USA einen Geschäftstermin bei einem Schmutzmattenhersteller hatte, hätten Cintas-Manager mit am Tisch gesessen, da der Konzern an dem Mattenhersteller beteiligt ist. „Die waren neugierig, zu erfahren, was dieser Deutsche von ihnen will“, erzählt Otto. Das Gespräch mit dem Gründer, der zuvor zeitweise für den Arbeitskleidungshersteller Eurodress (heute CWS Boco) in Lauterbach tätig war, scheint die Amerikaner beeindruckt zu haben.

          Sie vereinbarten mit ihm, dass er die Konzern-Wäschereien mit Funkchips ausrüstet und optimiert: Hemden, Hosen, OP-Mäntel oder auch Wischmops werden mit RFID-Chips ausgestattet, durch die dann ihr Weg durch die Wäscherei nachverfolgt werden kann, vom Trockner bis zur Auslieferung. So lässt sich jederzeit erfassen, wo sich Waschladungen stauen oder wo sie abgeblieben sind.

          Nach pandemiebedingter Pause kann Otto das Konzept nun in zunächst 20 Cintas-Standorten umsetzen, im nächsten Jahr sollen 300 weitere Betriebe dazukommen. Dafür will Otto ID demnächst ein amerikanisches Tochterunternehmen gründen.

          Wäschereien seien eine Nischenbranche, erklärt Karsten Otto die ungewöhnliche deutsch-amerikanische Kooperation. „Dass sich in dieser Nische jemand mit RFID auskennt, dürfte weltweit einmalig sein.“ Das Besondere sei dabei nicht, die Funkchips herzustellen oder einzubauen, das übernähmen ohnehin Dienstleister. 

          Weitere Branchen im Blick

          Otto sagt, er wisse aber, wie sich die Technologie in Abläufe und Prozesse solcher Nischenbranchen integrieren lasse, um Kosten und Zeitaufwand zu senken. Seine ursprüngliche Zielgruppe, die Rettungskräfte, hat Otto dabei allerdings nicht aus den Augen verloren. Für sie hat er einen Lagerschrank konzipiert, der seine Inhalte jederzeit digital erfassen und automatisch fehlende Waren nachbestellen kann. 

          Nach dem Marktstart in diesem Jahr hofft Otto, im Jahr 2023 mehrere Hundert dieser digitalen Schränke verkaufen zu können. Dafür kooperiert er mit dem Ausrüster Hestomed und Helbig. Mittelfristig will er das Konzept auf weitere Branchen ausweiten. Derzeit sei er in Gesprächen mit Krankenhäusern, Medizintechnikherstellern und Luftcargo-Unternehmen.

          Die geplanten Umsätze von 600.000 Euro in diesem und einer Million Euro im nächsten Jahr werde er darum wohl verdoppeln können. Um das Wachstum zu finanzieren, hat Otto, dem das Unternehmen komplett gehört, mittlerweile erste Investoren gewonnen. Mit weiteren potentiellen Geldgebern in der aktuellen Finanzierungsrunde will er zudem noch verhandeln.

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