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Rente mit 63 : „Plötzlich in die entgegengesetzte Richtung“

Arbeitet seit fast 45 Jahren: Norbert Schreibweis, Bürokaufmann bei der Radeberger Gruppe. Er wird die neue Regelung der Rente mit 63 in Anspruch nehmen. Bild: Wonge Bergmann

Mit der Einführung der Rente mit 63 dürften viele Unternehmen in der Region kurzfristig wichtige Fachkräfte verlieren. Die Kammern fürchten, dass kleine Betriebe die Lücken nicht schließen können.

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          Die von der Bundesregierung geplante abschlagsfreie Rente mit 63 trifft viele Unternehmen in der Rhein-Main-Region überraschend. Vor allem kleine Betriebe befürchten einen massiven Verlust von Fachwissen, wenn viele Mitarbeiter früher als erwartet in Rente gehen.

          Jochen Remmert

          Flughafenredakteur und Korrespondent Rhein-Main-Süd.

          Tim  Kanning

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          In der gerade im Rhein-Main-Gebiet stark vertretenen chemischen Industrie einschließlich der Arzneimittelhersteller gilt die angekündigte Rente mit 63 als ein falsches Signal an die in Frage kommenden Arbeitnehmer. Die Branche hat sich schon im Jahr 2008 einen sogenannten Demographie-Tarifvertrag gegeben. Dieses Regelwerk sieht verschiedene Möglichkeiten vor, wie Mitarbeiter möglichst lange im Betrieb bleiben und bis zum Alter von 67 Jahren weiterarbeiten können. Zu diesem Zweck haben Unternehmen mit den Betriebsräten etwa Vereinbarungen über Arbeitszeitkonten, Altersvorsorge und Altersteilzeit getroffen. Die Unternehmen zahlen derzeit pro Kopf 320 Euro in einen entsprechenden Topf, aus dem diese Angebote finanziert werden.

          Geringe Fallzahlen in der Region

          „Jetzt schlägt das Pendel plötzlich in die entgegengesetzte Richtung aus“, sagt ein Sprecher des bundesweiten Arbeitgeberverbands BAVC in Wiesbaden. Die Vereinbarungen würden zwar nicht hinfällig, aber konterkariert. Der Landesarbeitgeberverband Hessen-Chemie äußert sich gleichlautend. Wie viele Mitarbeiter in den Genuss der abschlagsfreien Rente mit 63 kommen könnten, können die Verbände nicht genau sagen. Sie gehen aber von 5500 Mitarbeitern im Bund und etwa 1000 in Hessen aus. Laut Bundesagentur für Arbeit waren in hessischen Chemie- und Pharmafirmen Ende 2013 rund 950 Männer und Frauen im Alter von 62 bis 64 Jahren beschäftigt. Umfragen, wie viele von ihnen die Rente mit 63 in Anspruch nehmen könnten und wollten, gibt es nicht, wie beide Verbände mitteilten. Grundsätzlich seien Mitarbeiter der chemischen Industrie aber vergleichsweise lange in den Betrieben. Viele hätten mit 16 oder 17 Jahren ihre Ausbildung begonnen oder als Hilfsarbeiter angefangen und seien der Firma treu geblieben.

          Befragt man die großen Unternehmen in der Region, sind die jeweiligen Fallzahlen gering, Verbände warnen aber auch eher vor den negativen Folgen für kleinere Betriebe, in denen das plötzliche Ausscheiden einzelner Mitarbeiter nicht so leicht ausgeglichen werden kann. „Das frühere Ausscheiden älterer Arbeitnehmer fügt besonders der mittelständisch geprägten Wirtschaft schweren Schaden zu“, warnt Ulrich Spengler, der in der Arbeitsgemeinschaft der hessischen Industrie- und Handelskammern für die Arbeitsmarktpolitik zuständig ist. Denn bei ihr könnten die großen Konzerne im Notfall mit besserer Entlohnung, höherer Reputation und vermeintlich besserer Arbeitsplatzsicherheit die ausgebildeten Fachkräfte abwerben.

          Bei Sanofi nur zwei Betroffene

          Im Fall des Frankfurter Arzneimittelherstellers Sanofi etwa, in dem 1999 die Hoechst-Pharmasparte aufging, gibt es laut einem Sprecher derzeit in der gut 7000 Beschäftigte starken Belegschaft am Standort lediglich 25 Mitarbeiter, die 63 oder älter sind und sich nicht in Altersteilzeit befinden. Nur zwei von ihnen haben demnach die von der Politik geforderten 45 Dienstjahre im Betrieb hinter sich.

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