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Regionale Wikipedia-Autoren : Für Pingel und Besserwisser

Wikipedia-Administrator Thomas Glintzer aus Frankfurt Bild: Linda Dreisen

An diesem Samstag wird das Online-Lexikon Wikipedia zehn Jahre alt. Auch im Rhein-Main-Gebiet gibt es einige Autoren, die ihr Wissen mit der Welt teilen wollen.

          Wer an diesem Mittag den Wikipedia-Artikel zu „Pop Art“ liest, kann Erstaunliches erfahren: „Mathe ist ein Arschloch“, heißt es da direkt nach einer Aufzählung der berühmtesten Maler. Der Kommentar eines genervten Schülers zwischen Schulglocke und Mittagessen. Thomas Glintzer verdreht die Augen, als er sich an andere Schülersprüche in Wikipedia-Artikeln erinnert – es geht um Geschlechtsteile, Geschwister und Liebesbotschaften. Glintzer ist einer von 300 Administratoren bei Wikipedia, Hausmeistern, wie er es nennt. Er und seine Kollegen räumen auf, verteilen Verweise und schlichten Streits. Ähnlich wie ein echter Hausmeister. Nur heißt ihr Schulhof Internet.

          Mona Jaeger

          Redakteurin in der Politik.

          Warum braucht es Menschen, die sich um ein öffentliches Lexikon kümmern, an dem jeder mitschreiben kann und das nicht auf eine bestimmte Anzahl an Büchern beschränkt ist? Weil es eben nicht nur gelangweilte Schüler um die Mittagszeit gibt, sondern auch hinter den Artikeln handfeste Diskussionen unter den Wikipedianern. So wird beim Artikel „Pop Art“ auch ernsthaft darüber gestritten, ob zwischen die beiden Wörtchen nicht eigentlich ein Bindestrich gehöre.

          Er kann auch Nutzer sperren

          Solche Meinungsverschiedenheiten kann Glintzer entspannt laufen lassen, bei anderen muss er aktiv werden. „Wenn es um gesellschaftspolitische Themen geht, zum Beispiel um die Soziale Marktwirtschaft, dann beginnt schnell ein Kampf um Lebensansichten“, sagt Glintzer. Ein Autor schreibt etwas zu dem Thema, ein anderer nimmt es wieder heraus, woraufhin es einige Sekunden später wieder im Artikel erscheint. Edit wars, Bearbeitungskriege, wird das etwas martialisch genannt. Um dem Ganzen ein Ende zu bereiten, kann ein Administrator die Bearbeitung an einem Artikel sperren. Bei Fehlverhalten wie Beleidigungen kann er sogar einzelne Nutzer sperren. Wenn Glintzer Glück hat, kühlen sich die Gemüter ab – oder aber sie machen nach Ende der Sperrfrist genau da weiter, wo sie aufgehört haben.

          Das Reich von Wikipedia betrat Glintzer vor einigen Jahren durch die Pforte einer kleinen Kirche. Über die gab es nämlich noch keinen Artikel – so dass er ihn verfasste. Zwei bis vier Tage sitze er in der Uni-Bibliothek, um sich in ein Thema einzulesen, sagt er. Glintzer will nur qualitativ gute und faktenbasierte Artikel veröffentlichen. So entstanden immer mehr Artikel zu sakralen Bauten. Über welche genau, will er nicht sagen, da man so herausfinden könne, unter welchem Wikipedia-Pseudonym er schreibe. Der eine oder andere von ihm einmal zur Ordnung gerufene Benutzer könnte ihm dann einen unfreundlichen Besuch abstatten. Das will er vermeiden.

          Ein beliebter Aufreger sind auch die Relevanzkriterien, die bestimmen, wann ein Artikel im Online-Lexikon bleibt und wann nicht. „Wir müssen auswählen, sonst wären wir Google“, sagt Glintzer. Zwar ist alles relevant, aber nicht „lexikabel“. Ob ein ganzer Artikel oder einzelne Passagen eines Textes im Netz bleiben, entscheidet die Wikipedia-Gemeinschaft mit beeindruckender Schnelligkeit. Ein Fehler werde binnen Minuten entdeckt, sagt Glintzer. Wikipedia ist ein Projekt für Besserwisser und Pingel – oder, um es positiv auszudrücken, ein Ort, an dem Wissen besser recherchiert und pingelig redigiert wird.

          „Ich war richtig stolz“

          Ein Lächeln huscht über Glintzers ernstes Juristengesicht, als er sich daran erinnert, dass seine ersten Bearbeitungen einfach so stehen blieben. „Ich war richtig stolz.“ Was man selbst als wichtig empfindet, interessiert auch andere. Glintzer: „Das ist auch eine Form der Selbstbestätigung.“

          Artmax, ebenfalls Administrator aus Frankfurt, der nicht seinen richtigen Namen in der Zeitung lesen will, kennt dieses Gefühl. Angefangen hat er mit einer Fußnote im Artikel zu Gerhard Richter. Dann traute er sich an ganze Artikel, heute löscht er mittags oft die Blödsinnseinträge der Schüler. Mit Glintzer verbindet ihn der Wunsch, über Dinge zu schreiben, die nicht so sehr dem besonders schnellen Zeitgeist des Internets zum Opfer fallen. Mona Jaeger

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