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Reeder aus Frankfurt : Der Mann vom Main

Mit Herzblut: Anton Nauheimer, Besitzer der Primus Linie, ist lieber immer in der Nähe seiner Schiffe. Denn falls es einmal Probleme gibt, will der Reeder schnell zur Stelle sein. Bild: Cornelia Sick

Seit fünf Generationen betreibt die Familie von Anton Nauheimer Schiffe. Sie bringen Ausflügler in Frankfurt über den Main. Ein Geschäft mit wenig Konkurrenz.

          Falls es einer noch nicht weiß, was er beruflich macht, hat Anton Nauheimer keine Schwierigkeiten, es zu erklären. Er sagt dann, dass ihm die Schiffe gehören, die unten am Eisernen Steg liegen. Das genügt. Wäre Nauheimer Reeder in Hamburg oder auch nur in Köln, dann hätte er das nicht für sich allein: Besitzer von fünf Ausflugsschiffen zu sein, die jetzt, da Winter ist, tatsächlich beinah die ganze Zeit am Eisernen Steg liegen.

          Denise Peikert

          Freie Autorin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Aber Frankfurt ist nicht gerade eine maritime Stadt, und deshalb ist Reeder sein hier besonders, schon immer. „Die Frankfurter Kaufleute waren Händler, keine Spediteure“, sagt Anton Nauheimer. Aber eigentlich habe er noch gar nicht darüber nachgedacht, was Frankfurt etwa von Wörth oder Würzburg unterscheide. Beides seien ebenfalls Mainstädte, vielleicht etwas schöner gelegen. Damit allein lasse sich aber nicht erklären, weshalb es dort mehr Flussschifferei gebe. Für Frankfurt reichte ein kurzes Rendezvous, das Nauheimers Urgroßvater mit dem Fernweh hatte, um die Schifffahrt in die Stadt zu bringen, wie Nauheimer berichtet.

          „Kaffeefahrten“ und Charterausflüge

          Die Primus-Linie beschäftigt 40 festangestellte Mitarbeiter, im vergangenen Jahr hat das Unternehmen rund 250.000 Passagiere befördert und etwa fünf Millionen Euro Umsatz gemacht, etwas mehr als im Jahr zuvor. Die Geschäfte laufen gut, auch wenn die Nauheimers im Prinzip Kaffeefahrten anbieten, also ein nicht besonders anziehendes Produkt. Die Geschäfte laufen gut, weil es in Frankfurt so viel Tagesgäste gibt: Tagesreisen ist das größte touristische Marktsegment der Stadt. Und weil Anton Nauheimer schon lange das Wort „Kaffeefahrt“ meidet und einen beträchtlichen Teil seines Umsatzes mit Angeboten wie den gut besuchten After-Work-Fahrten und Charterveranstaltungen erwirtschaftet. Letztere machen fast die Hälfte des Umsatzes der Primus-Linie aus.

          Das Geschäft von Nauheimers Urgroßvater war noch ein ganz anderes. 22 Monate hatte dessen Reise zur Insel Java in Indonesien und zurück gedauert, dann wollte er sesshaft werden am Main. Ein bisschen Schifffahrtsromantik aber wollte er mitbringen in die Stadt, und am Anfang war es auch nur ein sehr kleines bisschen: Peter Nauheimer betrieb die Fähre zwischen Schwanheim und dem Griesheimer Ufer, bevor er mit Hilfe der Schwanheimer ein Marktschiff baute und die Marktfrauen damit regelmäßig zum Römerberg fuhr. Er legte an, wo auch heute die Nauheimerschen Schiffe ankern, setzte sich in eine Weinstube, abends brachte er die Frauen wieder zurück. Dann kam die Waldbahn. Sie fuhr die Schwanheimerinnen zum Lokalbahnhof, mehrmals am Tag und in kürzerer Zeit.

          Im Winter liegen die Schiffe am Eisernen Steg

          Bis heute hat die Primus Linie kaum Konkurrenz, ein kleiner Beweis dafür, wie groß der Funken gewesen sein muss, der damals zwischen Nauheimers Urgroßvater und der Schifffahrt übergesprungen ist. Zwar schickt auch die Reederei Köln Düsseldorfer ein Schiff den Main auf und ab, auch sie startet vom Eisernen Steg aus. Aber das Unternehmen hatte sich lange aus Frankfurt zurückgezogen und war 2009 auch deshalb wieder gekommen, weil die Stadt ansonsten ihm das Anlegehäuschen weggenommen hätte.

          Wahrscheinlich war die Zeit, in der Anton Nauheimers Urgroßvater auf die Ausflugsschifffahrt umschwenkte, die noch bessere für dieses Geschäft: Die Leute arbeiteten in der Stadt, sehnten sich in ihrer Freizeit nach der Natur, die S-Bahnen fuhren noch nicht so zahlreich wie heute, und so schipperte Peter Nauheimer mit seinem ehemaligen Marktschiff in den Schwanheimer Wald. Im Winter zog sein Schiff die Schleppkähne, die damals noch keinen eigenen Motor hatten.

          Anton Nauheimer macht heute nur noch Ausflüge, und im Winter liegen seine Schiffe am Ufer. Früher reichte es, die inzwischen vom Image der Veräppelungsfahrten in Mitleidenschaft gezogenen Ein-Tages-Fahrten anzubieten: alle rauf aufs Schiff, dann ablegen, dann Kaffee und Kuchen, dann lange nichts, nur Landschaft. „Heute fragen die Leute, was gibt es noch?“, sagt Nauheimer. Deshalb gibt es in diesem Jahr das Casino-Schiff und volle vier Tage Oktoberfest auf dem Main in Frankfurt, denn „Oktoberfest boomt ja irgendwie“, sagt Nauheimer.

          Anton Nauheimer war eine Art natürlicher Nachfolger für das Familienunternehmen. Er wuchs direkt am Main auf, in den ersten Jahren nach dem Krieg noch auf einem Wohnschiff ohne Motor direkt am Flussufer. Später zog die Familie in die Räume am Mainkai, wo heute die Primus-Linie ihren Sitz hat. Nauheimer machte eine Banklehre und arbeitete dann auf den Schiffen des Vaters. In den ersten Jahren, in denen er das Unternehmen übernommen hatte, fuhr er die Kähne noch häufiger selbst über den Main. „Das Schifffahren macht Spaß, aber es muss nicht jeden Tag sein“, sagt er. Die Tätigkeit sei doch recht gleichförmig und er mehr so der Typ für Abwechslung.

          Heute lenkt Nauheimer nur noch selten die Flotte, er ist mehr Unternehmer als Schiffer, das habe sich so entwickelt, sagt er. Und es gibt ja auch genug zu tun. Der Unternehmenschef legt Wert darauf, nah an seinen Schiffen und da zu sein, wenn es ein Problem gibt. Das ist auch der Grund, warum Nauheimer nie in den Markt eingestiegen ist, der in der Binnenschifffahrt in den letzten Jahren am meisten gewachsen ist: Die Primus-Linie veranstaltet keine Flusskreuzfahrten. Da brauche man im Zweifel einen halben Tag, bis man vor Ort sei, wenn etwas ist, sagt Nauheimer. Außerdem koste ein Kabinenschiff heute schnell einmal fünfzehn Millionen Euro. Deshalb, und das passt nicht zur familiengeführten Primus-Linie, gehören die meisten Flusskreuzer auch Beteiligungsgesellschaften.

          68 Jahre ist Nauheimer alt, und wenn er gefragt wird, wie lange er sein Unternehmen noch führen will, sagt er immer: „Ich mache noch ein paar Jahre.“ 2012 ist seine Tochter Marie in das Unternehmen eingestiegen, im Mai vergangenen Jahres ist sie zum zweiten Mal Mutter geworden. Und da ist es ganz gut, dass sie sich die Arbeit noch mit ihrem Vater teilen kann.

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