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Interview zu Recycling : „Bauschutt ist kein Abfall, sondern ein Rohstoff“

Blick auf das Gelände von dem Entsorgungsunternehmen Blasius Schuster. Bild: Lucas Bäuml

Ob Erdaushub oder Abrissmaterial – auf Baustellen fällt tonnenweise Abfall an, der quer durchs Land gefahren wird. Daraus ließe sich neues Baumaterial gewinnen, sagt Daniel Imhäuser vom Entsorgungsunternehmen Blasius Schuster.

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          Herr Imhäuser, der Bauindustrieverband Hessen-Thüringen fordert, die Recyclingquote für Baustoffe zu erhöhen, um Energie und Ressourcen zu sparen. Das können Sie bestimmt nur unterstützen?

          Inga Janović
          Redakteurin im Regionalteil der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und verantwortliche Redakteurin des Wirtschaftsmagazins Metropol.

          Unbedingt. Wir sind ein Unternehmen, das die Kreislaufwirtschaft mit mineralischen Stoffen im Fokus hat. Aber die Impulse, diese Rohstoffe im Wertkreislauf zu halten, müssen aus der Politik und natürlich von den Bauherren kommen. Auch Architekturbüros spielen hier eine entscheidende Rolle. Sie könnten die Entscheidung für mehr Recycling mit ihrer Art der Planung befördern.

          Über welche Materialien und Mengen reden wir genau?

          Die Hauptquellen für mineralische Abfälle oder Rohstoffe – die Bezeichnung ist eine Frage der Perspektive – sind der Tiefbau für Gebäude, Straßen und Bahn und natürlich der Hochbau, am meisten fallen dabei Erdaushub und Bauschutt an. Und zwar sehr, sehr viel: Diese Baurestmassen bilden den größten und schwersten Rohstoffstrom in Deutschland. Jeder dritte Lkw auf unseren Straßen transportiert Schüttgüter, also meist mineralische Rohstoffe.

          Laut Verband wird ein wachsender Anteil dieser Ladungen auf Deponien verbracht. Üblich ist auch, Erdmassen und Bauschutt für den Straßenbau oder zur Rekultivierung von Tagebauen einzusetzen. Das ist wohl nicht der Kreislauf, den Sie sich vorstellen?

          Nein, das Verfüllen gilt zwar als Verwertung, aber wenn man Bauschutt nur verfüllt, wird das seinem Rohstoffpotential nicht gerecht. Besser für die Wirtschaftlichkeit wäre es, wenn etwa der Beton wieder in den Hochbau käme, die Wertschöpfung also hoch bliebe.

          Kann man Beton denn wieder zu Beton machen?

          Man kann daraus Betonzuschlagstoffe als Alternativen zu Sand und Kies gewinnen. Wir planen im Frankfurter Osthafen eine Großanlage, in der Bauschutt gebrochen, gewaschen und sogar farblich sortenrein in einen Zuschlagstoff umgewandelt wird. Und das dort, wo der Schutt anfällt und der Beton später wieder verbaut wird. Für die Klimabilanz von Gebäuden müsste man unbedingt die Transportwege der mineralischen Rohstoffe mit einrechnen, denn oft werden Kies und Sand über Hunderte Kilometer transportiert. Das macht den Transport teurer als die Ladung und ist natürlich nicht ressourcenschonend.

          Die technischen Möglichkeiten für das Recycling von Baustoffen gibt es also. Wo ist dann das Problem?

          Jeder der Beteiligten, vom Bauherrn über die Genehmigungsbehörde bis hin zu unserem Unternehmen, muss über unverhältnismäßig hohe Hürden, weil die gesetzlichen Vorgaben defizitär sind. Es geht immer um Umwelthygiene, Wirtschaftlichkeit und natürlich bautechnische Fragen. Alles drei hat seine Berechtigung, aber der Aufwand wird dadurch so groß, dass es keine Anreize gibt, die Potentiale der Rohstoffe tiefgreifend zu nutzen. Daran ändert leider auch die für 2023 geplante Verordnung wenig, mit der die Verwertung von mineralischen Abfallstoffen im Straßen- und Tiefbau geregelt werden soll.

          Die Verordnung verspricht bundesweit einheitliche Regeln. Noch hat jedes Bundesland eigene Vorgaben, ob etwa Erdaushub oder verbrauchter Gleisschotter wiederverwendet werden dürfen oder ob sie als Abfall auf die Deponie gehören?

          Ja, da gibt es große Unterschiede. Die neue Verordnung sieht allerdings eine Öffnungsklausel vor, sodass die Chance auf eine endlich einheitliche Regelung wahrscheinlich verpasst wird. Was wir bräuchten, wäre auch eine klare Definition, nach welcher Stufe der Aufbereitung diese mineralischen Stoffe nicht mehr als Abfälle gelten, sondern wie normale Baustoffe behandelt werden können. Das würde vieles erleichtern.

          Will mehr recyceln: Daniel Imhäuser
          Will mehr recyceln: Daniel Imhäuser : Bild: Lucas Bäuml

          Wie sind denn die Regelungen in Hessen, wie weit sind wir hier mit der Wiederverwertung?

          Hessen hat da viel Nachholbedarf. Mein Vorschlag wäre, eine Mindestrecyklatquote zu definieren, wobei die öffentliche Hand als größte Bauherrin sich aber zu einem höheren Anteil verpflichten und bei Auftragsvergaben die Anbieter bevorzugen sollte, die viel Material wiederverwerten und dafür nur kurze Transportwege brauchen. Das abzufragen sollte Standard sein. Ein solches Vorgehen hätte eine enorme Förderwirkung und wäre ein wirklicher Anreiz, um nach ökologischen und wirtschaftlichen Wegen für die Wiederverwertung zu suchen.

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