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Radeberger Gruppe : Binding schrumpft – aber Schöfferhofer wächst

Führt seit einem Jahr die Radeberger Gruppe aus Frankfurt: Albert Christmann Bild: F.A.Z. - Foto Wolfgang Eilmes

Der Radeberger-Konzern aus Frankfurt kann mit einigen Marken im schrumpfenden Biermarkt wachsen – etwa mit Schöfferhofer. Dies macht den Ausbau des Stammsitzes notwendig. Die laufenden Verhandlungen nennt der neue Konzernchef Christmann konstruktiv.

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          Es gibt gewiss schönere Zeiten als eine Durststrecke für den Aufstieg auf den Chefposten eines Brauereikonzerns. Schrumpft der Biermarkt doch schon seit Jahren. Weil viele Biertrinker in die Jahre kommen und mit zunehmendem Alter tendenziell weniger zu Pils und Export oder zum Weizen greifen. Weil junge Leute Mischgetränke dem Bier vorziehen. Auch die Zuwanderung spielt den Brauereien nicht in die Karten: Meiden viele Muslime doch Alkohol, während Menschen aus Osteuropa eher Hochprozentigem wie Wodka zusprechen. So hat die Branche im vergangenen Jahr wieder Mengen und Umsätze verloren. Letzteres auch wegen des Preiskampfs im Handel. Gleichwohl wirkt Albert Christmann gut ein Jahr nach der Übernahme des Vorstandsvorsitzes der Frankfurter Radeberger Gruppe guter Dinge.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Deutschlands größter Brauereikonzern mit Sitz im Stadtteil Sachsenhausen hat zwar zuletzt auch Mengen abgegeben – aber nicht jedem Liter weint Christmann eine Träne hinterher. Nach seinen Worten hat Radeberger sich nach dem Neubau der Tucher-Braustätte in Nürnberg von zuvor dort gebrauten unwirtschaftlichen Handelsmarken getrennt – macht ein Minus von 0,3 Millionen Hektolitern oder 30 Millionen Litern. In etwa die gleiche Menge musste die Oetker-Tochter bei den günstigen Marken Hansa und Sternburg streichen, aber aus anderen Gründen: Weil zuvor teurere Biere billiger angeboten wurden, nachdem der Preis für Sternburg heraufgesetzt geworden war, blieben Käufer aus. Und die Frankfurter Traditionsmarke Binding litt unter dem allgemein schwächelnden Absatz in Gaststätten. Die Umsätze im Konzern jedoch sind, wie der in einem Winzerbetrieb groß gewordene Wirtschaftsingenieur hervorhebt, weitgehend stabil geblieben.

          Leitlinie „Marge vor Menge“

          Wie im Vorjahr hat die Gruppe rund 1,6 Milliarden Euro Umsatz gemacht. „Das sagt mehr über die Strategie aus als alles andere“, meint Christmann unter Verweis auf die schon unter seinem Vorgänger Ulrich Kallmeyer ausgegeben Leitlinie „Marge vor Menge“. Wobei er kein Hehl daraus macht, am liebsten „Marge mit Menge“ zu erwirtschaften. Zum Ertrag schweigt sich der bundesweite Bierprimus mit einem Marktanteil von 15 Prozent dagegen traditionell aus.

          In die Zukunft schaut der verheiratete Vater zweier Kinder als Konzernlenker selbstbewusst. Ungeachtet des im Herbst erfolgten Einstiegs bei der Limonadenmarke Bionade habe der Konzern eine Brauereistrategie. „Das ist unser Kerngeschäft – und da wollen wir wachsen.“ Dass dies auch in einem schrumpfenden Markt gelingen kann, hat Radeberger 2009 bewiesen. Wie die Marktforscher von AC Nielen ermittelt haben, sind 2009 gerade einmal acht Pilsmarken hierzulande gewachsen. Vier davon gehören zum Portfolio der Frankfurter, wie Christmann erläuterte: Freiberger, Radeberger und Ur-Krostitzer aus Ostdeutschland sowie das ehedem mit Musketieren beworbene Wicküler aus Dortmund.

          Schöfferhofer-Absatz binnenn vier Jahren verdoppelt

          Vorwärts geht es weiterhin mit Schöfferhofer, nicht zuletzt dank der Grapefruit-Variante. „Binnen vier Jahren haben wir den Absatz fast verdoppelt und den Umsatz verdreifacht“, skizziert Christmann den Erfolg. Das ebenso in Frankfurt gebraute Clausthaler Alkoholfrei hat nach seinen Worten das Vorjahresniveau erreicht – dank eines Zuwachses im Handel und des stabilen Exports in umliegende Staaten und nach Nordamerika.

          Angesichts dessen und der Absicht, die bisher nur bei Dresden produzierte Flaggschiffmarke Radeberger künftig auch in Frankfurt abzufüllen, muss der Konzern eine Lösung für den Stammsitz finden. Die Binding-Mutter will an der Darmstädter Landstraße erweitern, nachdem sie im November überraschend Abstand vom geplanten Neubau in Bad Vilbel genommen hatte. Allein für eine Abfüllanlage und eine Verpackungseinheit müsste der Konzern mit 20 Millionen Euro rechnen. Wie groß die gesamte Investition in Sachsenhausen werden wird, mag Christmann nicht sagen. Erst müsse mit der Stadt und der Actris AG als Eigentümerin des benachbarten Henninger-Areals, wo Wohnungen geplant sind, eine Lösung gefunden werden. Der Bebauungsplanentwurf ist derzeit in der Stadtverordnetenversammlung zurückgestellt.

          Henninger nur noch in der Gastronomie bedeutend

          Im Kern geht es dabei um die Logistik und den damit zusammenhängenden Betriebslärm. Einzelheiten zum Stand der Verhandlungen nennt er nicht, spricht aber von „konstruktiven Gesprächen“. Zudem gibt er zu, die seit Jahre währende Hängepartie „hilft uns im Markt nicht“.

          Die 2001 gekaufte Marke Henninger ist laut Christmann für den Konzern nur noch in der Gastronomie bedeutend. „Das Handelsgeschäft machen wir nur noch für die Freunde von Henninger, die die Marke aus alter Verbundenheit lieben“.

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