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PwC-Studie : Staat soll Forschung von Pharmafirmen fördern

Naturnah: Fertigung von Arzneien mit Efeuextrakt bei Engelhard in Niederdorfelden - das Unternehmen forscht auch selbst Bild: Rüchel, Dieter

Kein Industriezweig erzielt in Hessen mehr Pro-Kopf-Umsätze als die Pharmabranche. Sie gilt auch als wichtiger Arbeitgeber. Aber ausgerechnet beim Nachwuchs hapert es in dieser Hinsicht.

          Die vielzitierte „Apotheke der Welt“ steht längst nicht mehr in Frankfurt. Konzerne aus den Vereinigten Staaten geben mittlerweile den Ton in dem einst von der Hoechst AG geprägten Markt an. Gleichwohl spielt die Arzneimittelbranche für die Industrie in Hessen und das Land weiter eine große Rolle. Dessen scheint sich auch die Mehrheit der hessischen Bevölkerung bewusst zu sein – jedenfalls legen das Ergebnisse einer Umfrage im Auftrag der Beratungsfirma PwC nahe, die der Rhein-Main-Zeitung vorab vorliegt. Die Pharmabranche gilt demnach als besonders innovativ und wichtig als Arbeitgeber. Fast zwei Drittel der rund 1000 befragten Frauen und Männer befürworten eine staatliche Forschungsförderung. Auf einen solchen Schritt hat sich die Koalition im Bund zwar geeinigt, vorerst sollen aber nur kleine und mittelgroße Unternehmen profitieren.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          22 .000 Frauen und Männer arbeiten für Mittelständler und Großkonzerne aus diesem Wirtschaftszweig, wie Zahlen des Statistischen Landesamts zeigten. Diese Belegschaften erzielten demnach zuletzt einen Jahresumsatz von annähernd zwölf Milliarden Euro. Zum Vergleich: Die Metallindustrie kam auf 36.000 Mitarbeiter und Gesamterlöse von 6,6 Milliarden Euro. Gemessen am Umsatz je Mitarbeiter hat die Arzneimittelindustrie klar die Nase vor allen anderen Industriezweigen. Die Hessen sehen laut PcW-Studie die Arzneimittelhersteller an vierter Stelle der bedeutendsten Wirtschaftszweige in Hessen nach der Finanzbranche einschließlich der Versicherungen, Verkehr und Logistik mit Fraport und Lufthansa und der Informationstechnik nebst Telekommunikation. Die klassische Chemieindustrie folgt nur auf Platz sieben, obwohl sie mehr Beschäftigte zählt und mehr Umsatz erwirtschaftet.

          Hinter Banken und Flughafen

          Bei der Innovationskraft sehen die Befragten die Arzneimittelhersteller auf Platz zwei hinter der Informationstechnik- und Telekom-Branche sowie vor dem Maschinen- und Fahrzeugbau. Nur die Finanzwelt und die Logistiker lassen die Pharmaindustrie in der Liste der wichtigsten Arbeitgeber hinter sich. Hierbei dürfte sich die Strahlkraft der Großbanken und des Flughafens widerspiegeln, die deutlich stärker im Blickpunkt der Öffentlichkeit stehen.

          Auffällig ist: Die Pharmaindustrie fällt vielen jungen Frauen und Männern nicht als wichtiger Arbeitgeber ein. Von den Befragten im Alter von 18 bis 29 Jahren billigen nur 23 Prozent den Arzneimittelherstellern als Arbeitgeber eine entscheidende Rolle in Hessen zu - in der Gruppe der Frauen und Männer von 50 bis 65 Jahren sind es aber 47 Prozent. Dabei hat die Branche gerade Nachwuchs für gewerbliche Berufe wie Pharmant und Chemielaborant durchaus nötig.

          Zum Image der Pharmabranche befragt, meinten die Teilnehmer der Studie mit großer Mehrheit, die Unternehmen profitierten von der Nähe zu den Hochschulen und Forschungsinstituten. Vier von fünf billigen Hessen zu, besonders gute Standortbedingungen zu bieten. Fast so viele meinen, Hessen profitiere von den Arzneimittelfirmen. Allerdings gibt es auch Minuspunkte. Zwei Drittel sind der Meinung, diese Betriebe belasteten mit der Produktion Gewässer und Umwelt in hohem Maße. Ein gutes Drittel sieht Imageschäden zu Lasten Hessens durch Skandale in der Arzneimittelbranche. In etwa ebenso viele vertreten die Ansicht, die Pharmafirmen würden im Vergleich zu Vertretern anderer Wirtschaftszweige bevorzugt.

          Hoffnung auf bessere Arzneien

          Mit Blick auf Investitionen sehen die Befragten die Aufwendungen für die Wirkstoffforschung und die Entwicklung neuer Medikamente als am wichtigsten an. Danach folgt die Suche nach Alternativen zu Tierversuchen. Die in der jüngeren Vergangenheit stark aufgekommene personalisierte Medizin wie etwa auf den Patienten zugeschnittene Krebsmittel oder Diagnostika landeten nur auf Platz fünf. Wichtiger wären den Befragten niedrigere Medikamentenpreise.

          Von einer staatlichen Förderung von Forschungsausgaben versprechen sich die Hessen laut Studie vor allem bessere Aussichten für den Kampf gegen Krankheiten und den Erhalt von Arbeitsplätzen in diesem Bundesland. An dritter Stelle werden Wettbewerbsnachteile gegenüber Unternehmen im Ausland genannt.

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