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Mindestlohn : Die „Generation Praktikum“ lebt noch

Einfach mal ausprobieren: Der Weg in den Beruf führt häufig über ein Praktikum. Bild: Werner Bachmeier / VISUM

Werden Praktikanten zu teuer? Das fürchteten viele bei der Einführung des Mindestlohns. Heute sehen das Unternehmer und Gewerkschafter in der Region differenziert.

          Hübsche Unternehmerbroschüren konzipieren, Geschäftsberichte entwerfen, Internetseiten animieren, dazu noch ein Büro nahe der angesagten Berger Straße - die Frankfurter Werbeagentur Baxter & Baxter hat für angehende Grafiker und Werber offenbar einiges zu bieten. Wer das Unternehmen kennenlernen und bei ihm anfangen wollte, der probierte es nicht selten zunächst als Praktikant. Doch auf der Internetseite der Agentur finden Interessenten ernüchternde Informationen: „Freie Stellen haben wir aktuell nicht“, heißt es dort unter dem Stichwort Praktikum. Der Grund: der gesetzliche Mindestlohn, der seit Jahresbeginn 8,84 Euro pro Stunde betragen muss und auch für Praktikanten gilt. Das aber könne sich sein Unternehmen „schlicht nicht leisten“, sagt Fred Schubert, Geschäftsführer von Baxter & Baxter, der Werbeagentur, die acht Mitarbeiter beschäftigt. Seit der Einführung des Mindestlohns biete seine Agentur nur noch eine einzige Stelle für ein Praktikum an, das höchstens drei Monate dauert. Denn bei dieser Dauer gilt der Mindestlohn nicht.

          Marlene Grunert

          Redakteurin in der Politik.

          Ob weniger Praktika im Sinne des Gesetzgebers waren? Jahrelang hatten Medien und Politik das Phänomen „Generation Praktikum“ debattiert, 2006 landete der Begriff auf dem zweiten Platz bei der Wahl zum „Wort des Jahres“: Immer mehr junge Menschen, so hieß es, müssten sich nach ihrer Ausbildung oder dem Studium von einem unbezahlten Praktikum zum nächsten hangeln, ohne Kündigungsschutz und Entlohnung nach Tarifverträgen. Im Sommer 2014 hatte Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) dann angekündigt, das Modell der Generation Praktikum durch die Einführung des Mindestlohns auch für diesen Teil des Arbeitsmarktes beenden zu wollen. Am 1. Januar 2015 traten die Neuregelungen in Kraft. Seitdem müssen auch Praktikanten grundsätzlich in Höhe des Mindestlohns vergütet werden. Freiwillige Praktika während eines Studiums und Pflichtpraktika, welche die Studienordnung vorschreibt, sind allerdings von der Regelung weiterhin nicht erfasst, sofern sie höchstens drei Monate dauern.

          Für Hochschulabsolventen ist es schwieriger geworden

          Nun, gut zwei Jahre nach der Einführung, fühlt sich das Arbeitsministerium bestätigt. Der Mindestlohn habe die „unter dem Begriff Generation Praktikum zusammengefassten Missstände“ beendet, teilt das Ministerium mit. Gleichzeitig mehren sich jedoch die Anzeichen, wonach der Mindestlohn sich negativ auf das Praktikumsangebot auswirkt. Mehrere Studien kommen zu diesem Ergebnis. Das Münchener Ifo-Institut etwa hatte im vergangenen Jahr die Personalleiter aus 1000 Unternehmen befragt. Deren Angaben zufolge ging das Praktikumsangebot im Jahr 2015 zurück. Während vor der Einführung des Mindestlohns noch 77 Prozent der befragten Unternehmen angaben, entsprechende Plätze anzubieten, waren es danach nur noch 43 Prozent. Etwa jeder fünfte Personalleiter gab an, der Mindestlohn habe das Praktikumsangebot verringert. Die Unternehmensberatung Clevis hatte Praktikanten zu ihren Erfahrungen befragt. Demnach stieg der Anteil der Praktika, die höchstens drei Monate dauern, nach der Einführung des Mindestlohns auf 30 Prozent.

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