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Mindestlohn : Die „Generation Praktikum“ lebt noch

Die Mindestlohnkommission des Arbeitsministeriums, die sich paritätisch aus Vertretern von Arbeitgebern und Arbeitnehmern zusammensetzt, hält beide Studien allerdings nicht für repräsentativ. In ihrem ersten Bericht aus dem vergangenen Jahr heißt es, belastbare Informationen zur Entwicklung der Anzahl von Praktikanten lägen nicht vor. Zwar gebe es eine Tendenz zu kürzeren Praktika, dies könne aber mehrere Gründe haben, sagt ein Sprecher des Ministeriums. Auch die Gewerkschaften, die sich für den Mindestlohn eingesetzt hatten, halten die Kritik für nicht gerechtfertigt. Einen Rückgang von Praktikumsplätzen in Hessen nehme er nicht wahr, sagt Fabian Wagner, Bezirksjugendsekretär des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) Hessen-Thüringen, der Studenten bei der Stellensuche berät. „Für Hessen liegen uns noch keine Zahlen vor, ich habe aber nicht den Eindruck, dass es da einen Einbruch gab“, sagt er. Anders sei das bei Hochschulabsolventen. Für sie sei es tatsächlich schwieriger geworden, einen Praktikumsplatz zu bekommen, weil sie Anspruch auf den Mindestlohn hätten. Den hält Wagner aber für richtig. Der DGB fordert sogar die Abschaffung der Ausnahmeregelungen.

Nicht überall wirkt sich der Mindestlohn negativ aus

Doch längst nicht alle Arbeitgeber in der Region sehen den Mindestlohn so kritisch wie noch zu dessen Einführung. So etwa Agonist, eine andere Frankfurter Werbeagentur. Das Praktikumsangebot seines Unternehmens habe sich in den vergangenen Jahren „überhaupt nicht verändert“, meint Geschäftsführer Eltahmash Israr. Gerade in der Kreativwirtschaft sind Praktika weit verbreitet, um Erfahrungen zu sammeln und um die eigenen beruflichen Vorlieben zu klären, und können dazu dienen, eine Festanstellung zu ergattern. Doch auch in anderen Branchen sind sie durchaus üblich. In der in Frankfurt starken Finanzbranche scheint das Bild jedoch einheitlich: Dort scheint die Einführung des Mindestlohns kaum Auswirkungen gehabt zu haben. Bei der Commerzbank hätten sich die Einstellungszahlen nicht verändert, sagt eine Sprecherin. Die Bank entlohne Praktikanten ohnehin besser als gesetzlich vorgeschrieben. Auch die Deutsche Bank hat einer Sprecherin zufolge in den vergangenen Jahren eine „vergleichbare Anzahl“ an Praktikumsplätzen“ angeboten. Die meisten Praktikanten blieben mindestens drei Monate, und vergütet würden sie „mindestens auf Basis des Mindestlohns“. Auch in der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PWC ist von „signifikanten Veränderungen“ keine Rede, wie es aus der Personalabteilung heißt.

Selbst dort, wo finanzielle Mittel knapper sind, scheint der Mindestlohn nicht überall zum Rückgang von Praktikumsplätzen geführt zu haben. „Bei uns ist die Anzahl der vergebenen Plätze gleich geblieben“, sagt der Sprecher des Schauspiels Frankfurt. In erster Linie biete das Theater allerdings nur Hospitanzen für acht Wochen an, also für die Dauer einer Theaterproduktion. Das sei auch schon vor Einführung des Mindestlohns so gewesen. Seit der Gesetzesänderung könnten Hospitanten aber anschließend keine weitere Produktion mehr betreuen, was oft gewünscht sei. Im Städel-Museum und im Liebieghaus Skulpturensammlung wiederum hat der Mindestlohn „durchaus Einfluss“ auf die Art und Zahl der Praktikumsplätze gehabt, wie es heißt. Seit der Gesetzesänderung biete man „nur noch vereinzelt“ Pflichtpraktika mit einer maximalen Dauer von drei Monaten an, sagt ein Sprecher. So gilt für den Mindestlohn für Praktikanten offenbar das Gleiche wie für den Mindestlohn insgesamt: Die Antwort auf die Frage, ob er wirkt, hängt auch in der Region sehr davon ab, wen man fragt.

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