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Plagiate auf der Automechanika : Ein kurzer, kritischer Blick genügt

Zwei Zollbeamte beschlagnahmen einen Laster-Kühlergrill Bild: dapd

Rund 4500 Aussteller aus der Autoindustrie stellen ihre Produkte derzeit auf der Automechanika in Frankfurt vor. Doch nicht alle zeigen ihre eigenen Entwicklungen. Der Zoll findet tausende Plagiate. Auch gefährliche Fälschungen sind darunter.

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          Gegen elf, zur besten Messezeit, gibt es einen kleinen Aufruhr in Halle 4.1. Die Tore der Automechanika sind seit zwei Stunden geöffnet, die Menschen strömen zufrieden durch die engen Gänge. Nur an dem kleinen Stand, der auf grasgrünen Stellwänden für Scheibenwischer wirbt, wird ein chinesischer Aussteller laut. „You must show me evidence“, ruft er immer wieder. Dann, etwas versöhnlicher: „Come on, guys.“

          Katharina Iskandar

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die „guys“, das sind fünf Zöllner und drei Patentanwälte, die von großen Automobilherstellern und Zuliefererfirmen beauftragt worden sind, auf der Automechanika nach Plagiaten zu suchen. Und bei dem chinesischen Aussteller bleiben sie eisern, denn er ist nicht zum ersten Mal verdächtig, gefälschte Ware auszustellen. Am Ende werden sie in einem verschlossenen Schrank fündig: Dort lagern etwa zwei Dutzend Scheibenwischer, deren Halterungen fast exakte Kopien von etablierten Autozulieferern sind.

          Patentanwalt und Zoll gemeinsam auf der Pirsch

          Der Handel mit Plagiaten macht auch vor der Automobilindustrie nicht halt. Es gibt fast nichts, das nicht gefälscht wird - vom Scheinwerfer bis zum schweren Karosserieteil ist alles dabei. Das hat vor allem Auswirkungen auf die Qualität, was nicht zuletzt die Sicherheit des Fahrzeugs gefährdet. Gefälschte Scheibenwischer seien schon seit einigen Jahren der große Trend, sagt Patentanwalt Bernhard Pfleiderer, der den Automobilhersteller Volvo vertritt und gemeinsam mit dem Zoll nach Plagiaten sucht. Gefälscht werden vor allem die Halterungen, für die die Hersteller ihre jeweils eigene ausgeklügelte Technik entwickelt haben. „Wenn sich ein Scheibenwischer während der Fahrt löst, weil ein gefälschter Adapter eingesetzt ist, ist das aus Sicherheitsgründen fatal“, sagt Pfleiderer. Und letztlich schade es dem Originalhersteller, der zu Unrecht einen enormen Imageschaden erleide.

          Plagiat gefunden? Zöllner untersuchen einen Scheibenwischer nebst Verpackung

          Um zu verhindern, dass die gefälschte Ware in den Handel gelangt, wird an diesem zweiten Messetag intensiv kontrolliert - und es werden massenhaft Plagiate sichergestellt. Am frühen Nachmittag schon ist der große Wagen, den die Zöllner durch die Gänge schieben, bis oben hin voll. Die Beamten suchen vor allem jene Stände auf, an denen die Patentanwälte schon Verstöße festgestellt haben oder vermuten. Die Anwälte und Sachverständigen kennen die Produkte mittlerweile in- und auswendig. Und in der Tat genügt oft ein kurzer, kritischer Blick, und Pfleiderer und seine Kollegen sind sich einig.

          „Wiederholungstäter“ aus Taiwan

          Kurz nach der Sicherstellung an dem Stand mit den grünen Stellwänden entdecken sie weitere Verstöße bei anderen Anbietern. Ein Aussteller etwa hatte sich mit Scheibenwischern angemeldet, nun aber hängen an den Stellwänden undefinierbare lackierte Eisenteile. Auf die Frage, wo denn die Produkte geblieben seien, zuckt der Aussteller nur mit den Schultern. Wenige Minuten später stellt sich heraus, dass der Mann offenbar einen Tipp bekommen hat und die Produkte kurz vor der Zollkontrolle schnell in einem Schrank hat verschwinden lassen - einem Schrank mit doppeltem Boden. Im Gegensatz zu anderen Ausstellern, die behaupten, sie hätten nicht gewusst, dass die Fabrik ihnen Fälschungen geliefert habe, kann sich dieser Mann nicht herausreden.

          Wenigstens bleibt er ruhig - anders als ein Aussteller aus Taiwan, der als „Wiederholungstäter“ bekannt ist. Als er die Zöllner sieht, fängt er an zu schreien und haut mit der Faust mehrmals auf einen Tresen, so dass die Messebesucher in der Halle erschrocken stehen bleiben. Die Flüche, die er ausspricht, übersetzt die Dolmetscherin, die die Zollbeamten begleitet, lieber gar nicht erst.

          Am Ende sind es mehr als 2400 Artikel, die an 39 Ständen sichergestellt worden sind. Heute wird weiter kontrolliert. Und auch dann wird der große Wagen der Zöllner aller Voraussicht nach wieder gut gefüllt sein.

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