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Pharma : Mittelständler mit „Blockbuster“

Alzheimermittel, Badezusätze und Schönheitspillen im Angebot: Merz in Frankfurt Bild: F.A.Z. - Rüchel

Über eine Arznei mit einem Umsatz von einer Milliarde Dollar verfügen in der Regel nur Weltkonzerne. Doch der Frankfurter Mittelständler Merz reiht sich bald in die Riege ein.

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          Wenn Arzneimittelhersteller von einem „Blockbuster“ reden, meinen sie ein Mittel mit einem Umsatz von mehr als einer Milliarde Dollar. In der Regel stehen Branchenriesen hinter solchen Verkaufsschlagern, zu denen auch das in Frankfurt-Höchst entwickelte Diabetesmittel „Lantus“ von Sanofi-Aventis zählt. Doch nun schickt sich der Frankfurter Pharma-Mittelständler Merz KGaA an, in diese Riege einzubrechen.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das an der Eckenheimer Landstraße ansässige Unternehmen verfügt über ein Alzheimermittel, das in Europa zum Teil weiter konkurrenzlos ist und stark wachsende Umsätze beschert: Anders als in Amerika ist hier bisher kein zweites Produkt gegen schwere Formen dieser Demenzerkrankung zugelassen. Das hierzulande unter dem Markennamen „Axura“ vertriebene Medikament ist gleichsam wesentlicher Wachstumstreiber und Erfolgsgarant.

          „Axura“ gegen Alzheimer-Demenz

          Das zeigt sich anhand der jüngsten Geschäftszahlen von Merz. Gemeinsam mit den Lizenznehmern Forest Laboratories und Lundbeck steigerte Merz den Umsatz um mehr als ein Drittel auf gut 840 Millionen Dollar; 750 Millionen Dollar davon entfielen auf die Vertriebspartner. Das Alzheimermittel ist damit „der Blockbuster-Zielmarke von einer Milliarde Dollar nähergekommen“, wie es im Bericht zum Geschäftsjahr 2005/06 heißt.

          Der Merz-Konzern, der außer Arzneimitteln auch Gesundheitsprodukte der Marken „Tetesept“ und „Merz Spezial Dragees“ sowie Schreibgeräte herstellt und vertreibt, konnte seine Erlöse um fast 14 Prozent auf 474,5 Millionen Euro steigern. Die Arzneimittelsparte verzeichnete vor allem dank des Alzheimermittels ein Plus von gut einem Drittel auf 305,6 Millionen Euro. Dagegen musste Merz bei den Gesundheitsprodukten ein Minus von gut 13 Prozent auf 103,6 Millionen Euro und bei den Schreibgeräten einen Rückgang von fast fünf Prozent auf 65,3 Millionen Euro hinnehmen.

          Die Eigenentwicklung „Axura“ ist der einzige Wirkstoff, der in Europa von moderaten bis zu schweren Verlaufsformen der Alzheimer-Demenz zugelassen ist. In Amerika erzielte Forest mit dem Mittel nach Angaben von Merz bei den Neuverschreibungen einen Marktanteil von mehr als 30 Prozent nach 28 Prozent im Vorjahr. In Deutschland deckt „Axura“ demnach 37 Prozent des Marktes ab.

          „Xeomin“ mildert Bewegungsstörungen

          Von fachmedizinischer Seite wird dem Medikament bescheinigt, in den schweren Stadien der Krankheit das Fortschreiten der Symptome zu verzögern. „Das Mittel ist sehr gut verträglich und eine wichtige Ergänzung des Behandlungsspektrums“, heißt es am Alzheimer-Zentrum an der TU München. Bei der Deutschen Alzheimer-Gesellschaft wird aber bezweifelt, dass alle für die Gabe von „Axura“ in Frage kommenden Patienten das Mittel auch verschrieben bekommen. Die Therapie schlägt laut Merz mit weniger als drei Euro am Tag zu Buche.

          Sehr zufrieden zeigt sich der Konzern auch mit einem seit Juni 2005 auf dem deutschen Markt erhältlichen Mittel gegen chronische Bewegungsstörungen; das Medikament „Xeomin“ habe für deutlich mehr Umsatz gesorgt als erwartet, hieß es, ohne dass Merz genaue Zahlen nannte. Die Zulassung von „Xeomin“ in Europa und Amerika treibt der Konzern voran, wie er im Geschäftsbericht hervorhebt.

          Die Gesundheitsprodukte-Sparte hat sich aus Sicht des Konzerns, der von einem immer härter werdenden Preiskampf spricht, „behauptet“. Allerdings will Merz diese Sparte strategisch neu ausrichten und hat zu diesem Zweck gerade Erich Nobis zum Geschäftsführer bestellt.

          Nächster Meilenstein scheint zum Greifen nahe

          Im abgelaufenen Geschäftsjahr hat die Merz-Gruppe auch die Erträge weiter gesteigert. Vor Zinsen und Steuern stieg das Ergebnis um 26,6 Prozent auf 94,8 Millionen Euro, unter dem Strich stand ein Gewinn von 58 Millionen Euro - ein Plus von gut elf Prozent. Nicht zuletzt ist die Zahl der Mitarbeiter um annähernd ein Zehntel auf 1915 Beschäftigte gestiegen.

          Der Konzern will nach den Worten seines Chairman und Vorsitzenden des Gesellschafterrats, Jochen Hückmann, entweder mit neuen Produkten oder in neuen Märkten wachsen. Vor diesem Hintergrund hat er die Forschungsausgaben zuletzt um gut 70 Prozent auf insgesamt 50,6 Millionen Euro erhöht; auf die Pharma-Sparte entfielen knapp 48 Millionen Euro. Gleichzeitig hat sich der Konzern internationaler ausgerichtet, indem er eine italienische Tochtergesellschaft gegründet und die ebenfalls auf Erkrankungen des Zentralen Nervensystems spezialisierte britische Denfleet Pharma erworben hat. Zudem baut er eine Tochtergesellschaft in Frankreich auf.

          Die Merz-Gruppe will bis 2015 ihren Umsatz mehr als verdoppeln. Aus Sicht Hückmanns ist das Unternehmen im jüngsten Geschäftsjahr einen guten Schritt auf dem Weg zum erklärten Ziel vorangekommen. Und der nächste Meilenstein, der „Blockbuster“-Status von „Axura“, scheint zum Greifen nahe: Selbst wenn sich das Erlöswachstum bei dem Aushängeschild auf 20 Prozent abschwächen sollte, würde die Umsatzmilliarde im laufenden Geschäftsjahr erreicht und sogar überflügelt.

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