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Pharma : Konzerne und Zuckerkranke streiten für Langzeitinsuline

Streit um Zusatznutzen: das Diabetesmittel Lantus von Sanofi-Aventis Bild: dpa/dpaweb

Das Langzeitinsulin Lantus von Sanofi-Aventis ist das weltweit meistverkaufte Diabetesmittel. 1500 Stellen in Frankfurt-Höchst hängen an der Produktion des Wirkstoffs. Ein Kölner Institut hat nun den Zusatznutzen des Präparats in Frage gestellt.

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          Beim Arzneimittelhersteller Sanofi-Aventis hängen im Industriepark Frankfurt-Höchst rund 1500 Arbeitsplätze an Entwicklung und Produktion von Medikamenten für Zuckerkranke. Eine wichtige Rolle spielt dabei das Langzeitinsulin Lantus. Das weltweit meistverkaufte Diabetesmittel spielte 2007 zwei Milliarden Euro Umsatz ein, ein Drittel davon in Europa – doch der Anteil in Europa könnte unter Druck geraten. Denn der besondere Nutzen von Lantus wird in einer neuen Bewertung durch das Kölner Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen in Frage gestellt.

          Thorsten Winter
          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Bei dem Pharmakonzern herrscht angesichts dessen Unverständnis. Und: „Es ist fast eine Unverschämtheit, Patienten so entgegenzutreten“, schimpft Heinz Windisch, Vorsitzender des Deutschen Diabetiker-Bunds, über die Nachricht aus Köln. Demnach fehlen bisher Belege für Vorteile langwirksamer Diabetesmittel gegenüber Humaninsulin bei der Behandlung des Altersdiabetes, wie das Institut unter Verweis auf 15 Studien meint. Sollte diese Sicht Bestand haben, könnten gesetzliche Krankenkassen die Kosten für Langzeitinsuline künftig nicht mehr erstatten.

          Sanofi-Aventis und Novo Nordisk sehen Zusatznutzen verkannt

          Das Institut bezieht sich dabei auf das von Sanofi-Aventis in Höchst entwickelte und produzierte Mittel Lantus sowie das Konkurrenzprodukt des Pharmakonzerns Novo Nordisk, der den Deutschland-Vertrieb von Mainz aus steuert; es untersucht im Auftrag des Bundes und der Selbstverwaltung von Kliniken, Krankenkassen und Ärzten den Nutzen medizinischer Leistungen für Patienten. Wie es weiter aus dem Institut heißt, lassen sich Nachteile der modernen Insuline nicht ausschließen, da diese nicht ausreichend untersucht seien.

          Aus Sicht von Sanofi-Aventis spricht aber die medizinische Praxis gegen die Einschätzung des Instituts. „Wenn es keinen Nutzen haben soll, warum verschreiben es Ärzte dann?“, fragte ein Sprecher mit Blick auf Lantus. „Das Institut beansprucht den Stein der Weisen für sich und ignoriert internationale Standards“, fügte er hinzu. Weltweit gebe es rund 1000 Studien zu Lantus, nur sieben seien in die Bewertung einbezogen worden, sagte er und sprach von einer „eigenwilligen Art der Begutachtung“.

          Ein Sprecher von Novo Nordisk sagte, das Institut habe die vom Unternehmen eingereichten Studien berücksichtigt – „aber die Bewertung unterscheidet sich deutlich“. Im Gegensatz zu den Kölnern gestehe die europäische Arzneimittelbehörde dem hierzulande von etwa 110.000 Zuckerkranken genutzten Lantus-Konkurrenten Levemir ausdrücklich Zusatznutzen im Vergleich mit Humaninsulin zu.

          Langzeitinsuline werden über Coli-Bakterien gewonnen

          So sinke die Zahl der gefürchteten nächtlichen Unterzuckerungen, zweitens wirke sich Levemir vorteilhaft auf das Gewicht von Altersdiabetikern aus. Zwar habe das Institut die Folgen für das Gewicht als signifikant bezeichnet – aber gleichzeitig als klinisch nicht erheblich. Dies wiederum sei merkwürdig, weil Altersdiabetiker in aller Regel übergewichtig seien, mit dem Produkt von Novo Nordisk aber etwas leichter würden. Zur Frage von Langzeitvergleichen bei dem seit Herbst 2004 erhältlichen Mittel meinte der Sprecher, solche Daten habe die Arzneimittelbehörde bisher nie gefordert.

          Dessen ungeachtet berücksichtige das Kölner Institut die Versorgungssituation nicht. Dabei müsse bei der Bewertung von Arzneimitteln auch der Alltag von Zuckerkranken gesehen werden und nicht nur die Versorgung im klinischen Umfeld. Die Entscheidung, ob Langzeitinsuline weiter von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt werden, stehe noch nicht unmittelbar an. „Wir haben Hoffnung, dass unsere Argumente noch gehört werden“, sagte der Sprecher mit Blick auf die vier Wochen, die für eine Stellungnahme bleiben.

          Auch der Diabetiker-Bund will diese Zeit nutzen, um für die Langzeitinsuline zu werben, die wie Humaninsulin über Coli-Bakterien gewonnen werden. Sein Vorsitzender hält dem Kölner Institut vor, in die Bewertung nicht die Frage der Lebensqualität einbezogen zu haben. Dabei könnten Zuckerkranke mit solchen modernen Mitteln viel aktiver am Leben teilhaben, als wenn sie nur Humaninsulin benutzten. „Sie müssen dann nicht zu einer bestimmten Zeit eine bestimmte Menge zu sich nehmen und die entsprechende Insulindosis spritzen“, erläuterte Windisch. Dabei sei noch zu beachten, dass ein mit Humaninsulin behandelter Diabetiker eine Unterzuckerung riskiere, falls sein Essen unerwartet ausfalle, er sich Insulin aber schon gegeben habe. Mithin wäre es für Zuckerkranke „ein ganz gravierender Einschnitt“, falls die Kosten für Langzeitinsuline künftig nicht mehr erstattet würden, warnt er.

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