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Pharma-Haus geplant : Frankfurt soll wieder „Apotheke Europas“ werden

Die Merck KGaA in Darmstadt hat einen „Letter of Intent” mit Blick auf das geplante „House of Pharma” in Frankfurt unterzeichnet Bild: F.A.Z. - Foto Wolfgang Eilmes

Zu Zeiten der Hoechst AG galt Frankfurt als „Apotheke der Welt“. An diese Rolle wollen Wissenschaftler und Unternehmen anknüpfen - mit einem „House of Pharma“, dessen Kern ein Fraunhofer-Institut für Arzneimittelforschung bilden soll. Merck und Biotest sind interessiert.

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          Das Ziel könnte kaum ehrgeiziger sein. Nicht weniger als die „Apotheke Europas“ soll in den nächsten Jahren in Frankfurt entstehen – rund um das geplante „House of Pharma“. Wenn hierzulande die Chance besteht, eine solche Institution ins Leben zu rufen und der deutschen Arzneimittelforschung neuen Auftrieb zu geben, dann in Frankfurt, wie Manfred Schubert-Zsilavecz, Vize-Präsident der Goethe-Universität, und der klinische Pharmakologe Gerd Geisslinger meinen. Galt Frankfurt mit der Hoechst AG doch einst als „Apotheke der Welt“.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Als Kern des Pharma-Hauses schwebt beiden Wissenschaftlern ein neues Fraunhofer-Institut für Angewandte Arzneimittelforschung und -entwicklung vor. In etwa drei bis fünf Jahren könnte es eingerichtet sein, schätzt Schubert-Zsilavecz, der auf Mittel aus dem sogenannten Loewe-Programm des Landes für die Anschubfinanzierung setzt.

          Schwerpunkt an der Hochschule

          Frankfurt bietet sich aus Sicht der beiden Professoren aus einer Reihe von Gründen als Sitz eines Pharma-Hauses an, das dem Beispiel des „House of Finance“ an der Goethe-Universität folgte: So stelle die Arzneimittelforschung einen Schwerpunkt an der Hochschule dar. Zahlreiche Forschungsstätten im Rhein-Main-Gebiet wie die Max-Planck-Institute für Hirnforschung, für Biophysik sowie für Herz- und Lungenforschung oder auch das Frankfurter Innovationszentrum Biotechnologie (FIZ) kommen hinzu.

          Auch an möglichen Partnern aus der Industrie herrscht kein Mangel: Mehr als ein halbes Dutzend großer forschender Arzneimittelhersteller sowie mehrere kleinere Unternehmen sitzen in der Region. Alle diese Institutionen sollen verschiedene Säulen des Pharma-Hauses bilden. Für Unternehmen sieht Geisslinger zwei wesentliche Anreize, um sich am Pharma-Haus zu beteiligen. Zum einen soll diese Institution dereinst als Magnet auf Nachwuchsforscher wirken, die sich im weiteren Sinne mit Medikamenten befassen. Zweitens verweist der Direktor des Instituts für Klinische Pharmakologie auf die hohen Kosten, die forschende Arzneimittelhersteller schultern müssen.

          Steigende Entwicklungskosten

          Die Steigerungsraten sind in der Tat erheblich: Hieß es vor einem Jahrzehnt, bis zur Markteinführung verschlinge die Entwicklung eines Medikaments rund 500 Millionen Dollar, so werden in der Branche derzeit 800 Millionen Euro genannt.

          Geisslinger gibt zudem zu bedenken: „Die Forschung der Unternehmen bringt immer weniger Ergebnisse.“ Vor diesem Hintergrund stellt Sanofi-Aventis auch in Frankfurt-Höchst seine Forschung um, indem der Konzern mehr Forscher einbezieht, die außerhalb des Unternehmens tätig sind. Und: Selbst wenn es eine Innovation auf den Markt schafft, kommt die Zulassung noch keiner Garantie gleich, dass die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten auch übernehmen.

          Neuordnung des Pharma-Marktes verschärft Lage

          So prüft das Kölner Institut für Wirtschaftlichkeit und Qualität im Gesundheitswesen regelmäßig, ob Arzneimittel einen Mehrnutzen im Vergleich zu anderen, im Zweifelsfall günstigeren Medikamenten haben. Ist das aus Sicht des Instituts nicht der Fall, empfiehlt es, die Kosten nicht mehr zu erstatten. Dies wiederum kann für den Hersteller erhebliche Umsatz- und Gewinneinbußen bedeuten. Die von der Bundesregierung gerade auf den Weg gebrachte Neuordnung des Pharma-Marktes verschärft die Lage. Denn die Hersteller dürfen künftig die Preise für neue Mittel nicht mehr selbst festsetzen.

          Das Pharma-Haus als Schnittstelle von Hochschulforschung und Unternehmen soll einmal den Unternehmen helfen, aus diesem Dilemma herauszufinden: indem sich Wissenschaftler verschiedener Seiten in einem frühen Forschungsstadium austauschen und mögliche Fallstricke auf dem Weg zu einem neuen Medikament entdecken. Ziel müssen laut Geisslinger und Schubert-Zsilavecz letztlich Methoden sein, die Schwierigkeiten in der Arzneimittelentwicklung erkennen lassen, bevor große Summen ausgegeben worden sind. Nach dem Motto: „Wenn es scheitert, dann frühzeitig.“

          „Verschiedene Kulturen der Forschung“

          Viel versprechen sich die Initiatoren des „House of Pharma“ auch davon, die „verschiedenen Kulturen der Forschung“ an der Hochschule einerseits und in den Unternehmen andererseits zusammenzuführen. Denn Firmen forschten meist auf eine Krankheit bezogen und suchten gezielt nach Mitteln etwa gegen Alzheimer oder Krebs – die universitären Forscher gingen dagegen mehr der Frage nach, was eine Substanz alles leisten könne. Letztlich könne aus einer Zusammenarbeit ein Wissenstransfer folgen, der Pharmaunternehmen zu niedrigeren Kosten zu neuen erfolgreichen Arzneimitteln verhilft, den wissenschaftlichen Ruf der Hochschule mehrt und ihr Forschungsgelder bringt und der nicht zuletzt die Gesundheitsversorgung verbessert.

          Mit diesem Konzept haben Schubert-Zsilavecz und Geisslinger schon den Merck-Konzern aus Darmstadt auf ihre Seite gezogen. Auch die Biotest AG in Dreieich, die ihr Geld mit Blutplasma-Produkten verdient, ist interessiert, wie das börsennotierte Unternehmen auf Anfrage mitteilte. Mit anderen Konzernen in der Region und darüber hinaus wollen die Professoren nach und nach sprechen. Auf ihrer Liste stehen außer Sanofi-Aventis in Höchst, wo Schubert-Zsilavecz am 15. Juli vorspricht, und der Frankfurter Merz Pharma unter anderem Boehringer Ingelheim, Bayer und der Impfstoffehersteller Novartis Behring in Marburg. „Wir müssen um die Bedürfnisse der Industrie wissen, sonst hat das Fraunhofer-Institut keinen Erfolg“, sagt Geisslinger.

          Ein Haus für das „House of Pharma“

          Das Fraunhofer-Institut für Arzneimittelforschung würde eine Lücke schließen, verfügt die als Verein organisierte Fraunhofer-Gesellschaft in München als größte Organisation für anwendungsorientierte Forschung in Europa doch bisher nicht über eine solche Institution. Den Weg zur Gründung soll das Projekt „Anwendungsorientierte Arzneimittelforschung“ der Goethe-Universität und dem Aachener Fraunhofer-Institut für Molekularbiologie ebnen. Es zählt zu jenen zehn Projekten, die in der vierten Runde des Loewe-Wettbewerbs in der engeren Wahl sind und bis 1. Dezember eine ausführliche Bewerbung abgeben können.

          Im Sommer 2011 fällt dann die Entscheidung, ob von 2012 an Geld vom Land fließen wird. „Es wird nicht ausbleiben, dass sich Land und Universität maximal einbringen werden“, gibt sich Schubert-Zsilavecz zuversichtlich. Auch müsse es über Loewe-Mittel hinaus Geld geben, auch weil das „House of Pharma“ eine Immobilie brauchen werde. Andernfalls könnte die Fraunhofer-Gesellschaft auf die Idee kommen, Hessen sei es nicht ernst mit dem Ziel der „Apotheke Europas“.

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