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Persönliches : Oberster Wirtschaftsförderer will Hessen zu Qualitätsmarke machen

Österreicher Kreuziger: „Ich möchte, daß die Hessen wieder stolz auf ihr Land sind.” Bild:

Noch führt Dieter Kreuziger die Geschäfte des Industriepark-Betreibers Infraserv. Künftig soll er Hessens Wirtschaft fördern. Kreuziger plädiert für die Abschaffung der Gewerbesteuer. Sein Ziel ist, Hessen bis 2008 zu einer anerkannten Marke zu machen.

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          Gemeinhin verströmt Dieter Kreuziger gute Laune. Der Geschäftsführer des Höchster Industrieparkbetreibers Infraserv erzählt gerne mal einen Witz und bezeichnet sich angesichts der Aufgaben, die Infraserv für andere Unternehmen wahrnimmt, augenzwinkernd als „Hausmeister“. Doch dieser Tage weicht die Fröhlichkeit hin und wieder Nachdenklichkeit.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Es neigt sich seine Tätigkeit in Höchst dem Ende zu: Offiziell verabschiedet er sich im Februar, aber faktisch wird er nur noch bis Jahresende der Infraserv dienen. Nicht, daß der 1945 in Graz geborene Volkswirt anschließend zur Untätigkeit verurteilt wäre. Er wird von Januar an mit dem früheren Eschborner Bürgermeister Martin Herkströter die neugeschaffene Hessen-Agentur GmbH leiten. Auf diese Aufgabe freut er sich als begeisterter Wahl-Hesse. Zudem hat er klare Vorstellungen, was die Hessen-Agentur alles erreichen soll. Aber er sieht auch Hürden, die zu nehmen sind. Das fängt beim Namen der Institution an.

          „Ob man in Amerika nach dem Begriff Agentur sucht...?“

          In der Hessen-Agentur werden die Aufgaben der Forschungs- und Entwicklungsgesellschaft Hessen, der Technologiestiftung, des Hessen Touristik Service und Teile der Investitionsbank verschmolzen. Das neue Staatsunternehmen soll die Wirtschaftsförderung effektiver vorantreiben als das zuvor getrennt wirkende Quartett. So weit, so gut. „Aber ob etwas ,Agentur´ heißen muß, darüber wird man sich noch mal Gedanken machen müssen“, sagte Kreuziger schon im August dieser Zeitung. Schließlich ist der Begriff stark mit der früheren Bundesagentur für Arbeit verbunden, also einer als schwerfällig geltenden umgebauten Behörde. Doch es ist bei Hessen-Agentur geblieben, wie er mit einem Stirnrunzeln bestätigt.

          Dabei verbindet Kreuziger mit den Aufgaben der neuen Institution eher Begriffe wie Netzwerk oder „Business Promotion“. Da Hessen im Ausland bekannter gemacht werden soll, wäre ihm etwa „Hessen Business Networks“ als Name lieber. Der Anglizismus wäre aus seiner Sicht angebracht: „Wir müssen ja einen Internetauftritt haben. Und ob man in Amerika nach dem Begriff Agentur sucht...?“

          „Der Aufbau der Hessen-Agentur wird nicht einfach“

          Aber es ist nicht der Name allein. „Der Aufbau wird nicht einfach“, sagt Kreuziger. Je mehr er sich mit seinem künftigen Tätigkeitsfeld beschäftigte, desto stärker werde ihm dies bewußt. In den vier zusammenzuführenden Teilen leisteten gute Leute gute Arbeit. Aber eine Herausforderung bestehe darin, Aufgaben bestmöglich zu organisieren. Dazu sieht er eine Tarifverträgen geschuldete „sehr formalisierte Einteilung von Aufgaben und Kompetenzen“. Aus seiner Sicht müssen die rund 150 Mitarbeiter der Agentur „zu einem gemeinsamen Club werden, unabhängig vom bisherigen Arbeitsplatz“.

          Für den Betriebsübergang ist ein Jahr vorgesehen. In dieser Zeit seien grundlegende Veränderungen nur im Einvernehmen mit den Personalvertretern möglich. Etwaigen Gerüchten vorbauend, sagt Kreuziger: „Es besteht nicht die Absicht, die Hessen-Agentur stetig schrumpfen zu lassen.“ Vielmehr müßten Leistungsvereinbarungen getroffen werden, damit die Agentur etwa Unternehmen beraten und Gutachten für Ministerien schreiben könne und so Geld in die Kasse bekomme. Auch sieht er die Agentur im Wettbewerb mit Unternehmensberatern und Hochschullehrern, die Kommunen beraten. „Deshalb muß unsere Arbeit so gut sein, daß wir in der Konkurrenz bestehen können.“

          Hessen sollen mehr Stolz auf Land empfinden

          Die Qualität des eigenen Schaffens soll einem hohen Ziel dienen: „Ich möchte, daß die Hessen wieder stolz auf ihr Land sind.“ Denn Stolz sei angebracht. Warum? Der Wahl-Hesse muß nicht lange überleben: Hessen biete eine schöne Landschaft; eine Fülle wissenschaftlicher und technologischer Leistungen und Einrichtungen; die Fähigkeit, mit der geographisch begünstigten Lage wirtschaftlich etwas anfangen zu können; nicht zuletzt „das Multikulturelle“ und die Toleranz.

          Auch die unterschiedlichen Stärken der einzelnen Regionen Hessens gefallen ihm. Deshalb hält er das aus anderen Landesteilen öfter vernehmbare Klagen über die wirtschaftliche Dominanz des Rhein-Main-Gebiets für ebenso verfehlt wie den Wettlauf um Investoren: „Nicht jeder Ort braucht ein Gewerbegebiet. Wo die Natur heil ist, soll man sie heil lassen.“ Den Einwand, jeder Ort müsse sich aber gerade über Gewerbesteuern finanzieren, pariert er: „Ich würde am liebsten die Gewerbesteuer abschaffen. Dafür würde ich sogar auch die Mehrwertsteuer erhöhen.“ Dies würde den Druck von Orten nehmen, neue Gewerbegebiete auszuweisen und Landschaft zu zersiedeln. „Zudem würde der Anreiz wegfallen, etwa aus Frankfurt in umliegende Gemeinden umzuziehen, wo bisher die Gewerbesteuern niedriger sind.“

          Reibungsverluste mit der neuen Standortmarketing-Gesellschaft für Rhein-Main sieht er nicht. Vielmehr beschreibt er das Verhältnis als „konstruktiv-kooperativ“. Beide Institutionen verfolgten grundsätzlich gleiche Ziele, wobei die Hessen-Agentur die übergeordneten Belange im Auge habe. Kreuziger: „Wir ergänzen uns sehr gut.“

          WM 2006 als Plattform nutzen

          „Schöne Chancen“ sieht der Agenturchef für den Fremdenverkehr: Hessen eigne sich für themenbezogenen Tourismus, also: spezielle Angebote für Weinliebhaber, für Golfer, für Kulturbeflissene oder Wellness-Begeisterte. Aus seiner Sicht muß die Hessen-Agentur dazu beitragen, „gesunde Entwicklungen zu fördern“. Und ein Leitmotto dazu hat Kreuziger schon parat: „Hessen, Heimat für Innovationen.“ Da ist alles drin, wie er meint: das Land, das Menschliche, die Fähigkeit, Handwerklichkeit und Ingenieurskunst zu verbinden.

          Viel Zeit, um nachprüfbar erfolgreich zu sein, gibt Kreuziger sich nicht: In drei Jahren soll Hessen eine international anerkannte Marke sein, die für hohe Qualität steht. So wie Leica-Kameras oder Sinn-Uhren. Ein Forum, das der Agenturchef nutzen möchte, ist die Fußball-WM 2006. Schließlich wird Frankfurt ein Spielort sein, und die meisten ausländischen Fans, die nach Deutschland fliegen, werden auf dem Rhein-Main-Flughafen landen.

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