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Patient in Terminnot : Rücken? Freitags besser nicht

Freitagsnachmittag erreichen Patienten in so mancher Praxis keinen Arzt mehr Bild: AP

Wegen akuter Rückenschmerzen freitags kurzfristig einen Arzttermin zu bekommen, ist für einen gesetzlich Krankenversicherten ein aussichtsloses Unterfangen. Herr T. wusste sich dennoch zu helfen. - Das Verbraucherthema.

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          Der Rücken hatte schon länger gemurrt. Beim Heben der Tochter passierte es dann: ein Stich in der Lendenwirbelsäule. Herr T. war mehr oder weniger bewegungsunfähig - „ich hatte höllische Schmerzen“. Auf dem Teppich liegend, versuchte der Familienvater, der im Raum Gießen mit guter Ärztedichte wohnt, wie er sagt, vier Orthopäden telefonisch zu erreichen, um seine missliche Lage zu schildern und Hilfe zu bekommen. Es war bereits später Vormittag, das Wochenende so gut wie eingeläutet. Herr T. wollte sichergehen, dass er an Ort und Stelle auch noch jemanden erreicht, bevor er sich ins Auto quält. In drei Praxen lief bereits das Band, bei einer vierten Nummer hatte er insofern Erfolg, als das Telefon noch besetzt war. Gleichwohl: Einen regulären Termin konnte die Praxis erst in sieben Wochen anbieten, einen Termin „mit einfach Reinsetzen“ und langer Wartezeit vier Tage später.

          Petra Kirchhoff

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Herr T. erinnerte sich daran, dass sich eine Orthopädin, die früher einmal als Kassenärztin sein Knie behandelt hatte, in seinem Wohnort mit einer Privatpraxis niedergelassen hatte. Er sprach dort auf Band mit dem Hinweis, er sei zwar gesetzlich krankenversichert, würde die Rechnung aber privat begleichen. Innerhalb einer Stunde wurde Herr T. zurückgerufen, zwei Stunden später hatte er einen Termin. „Das war meine Rettung an dem Tag.“

          55,44 Euro für fast eine Stunde Behandlung

          Eine knappe Stunde nahm sich die Ärztin für ihn Zeit. Auf eine lange Befragung folgte eine gründliche Untersuchung und schließlich eine Schmerzpunktmassage an Punkten der Wirbelsäule „von denen ich gar nicht wusste, dass sie wehtun können“, erinnert sich der Patient. Nach der Behandlung sei es ihm deutlich besser gegangen. Er bekam noch ein Medikament zur Muskelentspannung verschrieben, und das war's. Kostenpunkt für die Behandlung: bescheidene 55,44 Euro. „Das habe ich gern gezahlt“, sagt Herr T. Er versucht nun, sich einen Teil des Geldes von seiner Krankenkasse zurückzuholen. „Schließlich war ich ein Notfall und bekam von Kassenärzten keine Hilfe.“

          Ganz so einfach ist es allerdings nicht. „Die Frage, wo ein Notfall beginnt, ist schwer zu beantworten“, sagt Riyad Salhi, Sprecher der AOK Hessen. Im Zweifelsfall entscheide der Arzt. Ein wichtiger Filter sei auch das geschulte Praxispersonal. Aus diesem Grund empfiehlt Karl Roth, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Hessen, in Fällen wie dem von Herrn T. immer direkt in die Praxis zu fahren und sich nicht am Telefon „abwimmeln“ zu lassen. „Der akute Behandlungsbedarf ist so besser zu vermitteln.“

          Auf gut Glück eine Praxis aufsuchen

          Die Kassenärztliche Vereinigung stellt klar: Grundsätzlich dürfe ein Arzt oder sein Personal einen dringend behandlungsbedürftigen Patienten nicht abweisen, andernfalls mache er sich womöglich eines Verstoßes gegen seine vertragsärztlichen Pflichten schuldig.

          AOK-Sprecher Salhi geht ohnehin davon aus, dass ein Versicherter bei einem akuten Problem auf gut Glück eine Praxis aufsucht und sich ins Wartezimmer setzt. „Das dürfte bei einer Praxis mit offener Sprechstunde kein Problem sein“, meint er. Grundsätzlich habe ein Patient kein Anrecht darauf, noch am selben Tag einen Termin zu bekommen. Eine sichere Empfehlung des AOK-Sprechers lautet daher auch, bei akuten Problemen die Notfallambulanz im Krankenhaus oder in einer Uniklinik aufzusuchen. „Dort kommt man in jedem Fall dran.“

          Laut einer Befragung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung vom vergangenen Jahr sind Patienten mit der Terminvergabe in Arztpraxen in der Regel zufrieden. Nahezu die Hälfte der Befragten bekam entweder sofort einen Termin (32 Prozent) oder innerhalb von ein bis drei Tagen. Laut einer Studie der Techniker Krankenkasse sind acht von zehn Versicherten mit der Wartezeit auf einen Arzttermin zufrieden.

          „Quersubventionierung der kassenärztlichen Tätigkeit“

          Allerdings müssen Bürger nach der KV-Umfrage für einen Besuch beim Facharzt wesentlich längere Wartezeiten einplanen als beim Hausarzt. Außerdem ist es so, dass Privatversicherte bei der Terminvergabe als auch in der Praxis schneller zum Zug kommen als gesetzlich Versicherte. Und so kommt es, dass Kassenpatienten sich am Telefon immer mal wieder als Privatversicherte ausgeben, wie Sprechstundenhilfen berichten.

          Der Grund für die Bevorzugung liegt klar auf der Hand: Kassenärzte dürfen für Privatpatienten deutlich mehr abrechnen. Die KV sieht darin eine „finanziell manchmal notwendige Quersubventionierung der kassenärztlichen Tätigkeit“. Die gekappten Budgets für diese Arbeit reichten oft nicht aus, sagt KV-Sprecher Roth. „Allerdings sollte dies nicht zu einer extremen Ungleichbehandlung unter den Versicherten führen.“

          Termin-Service der Krankenkassen

          Krankenkassen wie die Techniker, die Barmer und die AOK helfen ihren Versicherten über gebührenfreie Telefon-Hotlines bei der Vermittlung von Terminen bei einem Haus- oder Facharzt. Ziel ist es, Alternativen anzubieten, etwa für den Fall, dass eine Untersuchung nicht rasch erfolgen kann. Je nach Fall stimmen sich die Kassen mit dem jeweiligen Facharzt ab oder prüfen, ob es einen früheren Termin bei einem anderen Spezialisten in der Nähe gibt.

          Das Angebot wird nach Angaben der Krankenkassen von den Versicherten gut angenommen. Nach Angaben der AOK Hessen gelingt es in 70 bis 80 Prozent der Fälle auf diese Weise, einen früheren Termin zu vereinbaren. (hoff.)

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