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Paketzentrum : Den Arbeitstakt gibt das kilometerlange Sortierband vor

  • -Aktualisiert am

Die Paketmulde ist schon voll. Bild: Jens Gyarmaty

Neun Postler hatten ein Paket in der Hand, bevor es den Empfänger erreicht – eine Nachtschicht im Paketzentrum Rodgau.

          Als sich um 22 Uhr die Tür zum Post-Paketzentrum in Rodgau öffnet, wird der Start des Hauptförderbands, des Hauptsorters, durch ein grelles, orangefarbenes Licht und einen schrillen Warnton angekündigt. Es klingt, als wäre man in einer Feuerwehrzentrale, als wäre gerade ein Notruf eingegangen und es käme jetzt auf jede Minute an. Der Ablauf im Paketzentrum ist genau getaktet, damit jedes Paket pünktlich ausgeliefert werden kann. Und der Hauptsorter trägt entscheidend dazu bei, dass alles klappt.

          „Der Hauptsorter ist die Pulsader des Betriebs: Wenn die ausfällt, geht nichts mehr“, sagt Alfonso Giordano, Schichtleiter im Paketzentrum der Deutschen Post in Rodgau. Zwei Mitarbeiter sind in dieser Nacht nicht zum Dienst erschienen. Trotzdem wird in dieser Nachtschicht, die von 22 bis 6 Uhr am nächsten Morgen läuft, kein Paket liegenbleiben. Fast alle der 63 Mitarbeiter dieser Nachtschicht haben Festverträge und blicken auf eine lange Zeit bei der Post zurück.

          86.000 Pakete in einer Nacht

          Das Paketzentrum Rodgau ist eines von 33 Frachtzentren in Deutschland. Hier werden die Pakete sortiert, die tagsüber irgendwo abgegeben wurden und für Empfänger in der Region bestimmt sind. Der Bezirk des Zentrums Rodgau umfasst Frankfurt, Offenbach, Hanau, Aschaffenburg, die Wetterau, Gießen, Haiger, Herborn und Teile des Odenwalds. 86.000 Pakete werden in dieser Nacht bearbeitet und im Laufe des folgenden Tages zu den Empfängern transportiert.

          Jetzt müssen noch die Bacodes auf die Pakete.

          Giordano ist einer der Schichtleiter in dieser Nacht. Er teilt die Mitarbeiter beispielsweise zum Beladen ein, bestellt die Lastwagen zu freien Toren und scannt die Plomben der Container ein, mit denen diese versiegelt waren. So teilt er dem Betriebssystem Betsy mit, welche Container schon entladen wurden.

          Die Post als Sicherheit

          Giordano ist seit 25 Jahren bei der Post beschäftigt. Nach einem Erdbeben in seiner Heimat Italien im Jahr 1980 kam er mit seiner Familie übergangsweise bei einer Tante in Deutschland unter. Seine Schwester und sein Bruder seien damals gleich hiergeblieben. Als er die beiden 1986 besucht hat, habe ihm ein Bekannter einen Job bei der Post angeboten. „Typisch deutsch“, dachte Giordano, „so ein Großmaul.“ Aber schon in der Folgewoche wurde Giordano zum Probearbeiten eingeladen. Einen Monat nachdem er in Deutschland angekommen war, hatte er einen Arbeitsvertrag bei der Post. Einen weiteren Monat später habe er sich bereits einen Audi 80 gekauft, ohne Bargeld. „Der Verkäufer wollte nur wissen, bei welchem Unternehmen ich arbeite, und schon konnte ich den Wagen mitnehmen“, sagt er. Eine Einstellung bei der Post war damals Sicherheit genug. „Mein Vater konnte es kaum glauben, er hat sich alles durch meinen Bruder bestätigen lassen, weil er dachte, ich sei in krumme Geschäfte verwickelt, bei dem Lebensstil.“

          Während sich Giordano innerhalb eines Jahres ein Leben in Deutschland aufbauen konnte, wollte Cem Inal, ein 33 Jahre alter Mann türkischer Abstammung, eigentlich nur ein Jahr bei der Post arbeiten. Inal ist Gruppenführer am Vorsorter, er überprüft die Arbeit seiner Kollegen und schickt sie dahin, wo sie gebraucht werden.

          Die Pakete müssen durch die Lichtschranke

          Während er einen Container mit Paketen auslädt, erzählt er von sich. Inal kam mit 16 Jahren aus der Türkei nach Deutschland. Er sei zwar in Deutschland geboren, aber in der Türkei aufgewachsen, weil seine Eltern dorthin zurückgekehrt seien, als er noch klein war. Zurück in Deutschland habe er seinen Hauptschulabschluss gemacht und dann eine Ausbildung begonnen. Dann sei er aber gleich zur Post gewechselt. „Mittlerweile arbeite ich hier seit 13 Jahren“ – und zwar nur nachts. „Ich schlafe zwar wenig, aber immerhin habe ich etwas vom Tag.“ Er schlafe etwa fünf Stunden täglich, sagt er. „Am Anfang war ich zwar ständig müde, aber ich habe mich daran gewöhnt.“ Außerdem habe er einen Festvertrag, verdiene gutes Geld, trage Verantwortung und habe sogar Aufstiegschancen. „Schichtleiter könnte ich noch werden“, sagt er. Sonst sieht er in Deutschland aber wenige Optionen voranzukommen: „Eigentlich würde ich gerne auswandern, woanders etwas aufbauen, etwa in Polen oder Spanien. Aber wahrscheinlich triffst du mich in zehn Jahren noch hier“, sagt er.

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