https://www.faz.net/-gzg-tm6c

Öffnungszeiten : Die neue Unübersichtlichkeit

  • Aktualisiert am

Frankfurt im Kaufrausch Bild: F.A.Z. - DIETER RÜCHEL

Drei Wochen gibt es jetzt die verlängerten Ladenöffnungszeiten in Hessen: offenbar eine Phase des Experimentierens. Die Stunde der Wahrheit dürfte im Januar schlagen.

          4 Min.

          Es war ein Jahrhundertereignis. Nach einhundertundsechs Jahren sind die Zügel gefallen, die Kaiser und Reich dem jungen und wilden Kapitalismus der Gründerzeit angelegt hatten. Das Ladenschlußgesetz gilt nicht mehr. Seit drei Wochen probt Hessen die neue Shopping-Freiheit, nachdem Berlin und Hamburg bereits in den letzten Novemberwochen den Auftakt gemacht hatten.

          Was ist eingetroffen an Befürchtungen, was an Hoffnungen aus einer seit Jahrzehnten mit Leidenschaft geführten Liberalisierungsdebatte? Rewe etwa hat ein Zeichen gesetzt und beinahe flächendeckend in Hessen seine Lebensmittelmärkte bis 22 Uhr geöffnet. Die Verkäuferinnen berichten, abends sei oft noch nicht besonders viel los: „Die Leute müssen sich erst daran gewöhnen - bei der Verlängerung bis 20 Uhr war das genauso.“

          Sonst: Viel Unübersichtlichkeit. Im Weihnachtsgeschäft, das konjunkturell bedingt zu einem der besten der vergangenen Jahre werden könnte, scheint der Anreiz, länger zu öffnen, vergleichsweise hoch zu sein. Die Stunde der Wahrheit wird dann im Januar schlagen, wie die Geschäftsleute meinen. Zumindest aber vier verschiedene Varianten finden sich derzeit allein auf der Frankfurter Zeil. Eine Handvoll Geschäfte öffnet im Dezember montags bis samstags bis 22 Uhr, einige donnerstags bis samstags, wieder andere freitags bis samstags, Wormland nur donnerstags.

          Änderungen im neuen Jahr

          Schon bevor man Erfahrungen aus dem Weihnachtsgeschäft ziehen konnte, stand bei einigen fest, daß es im Januar nicht so weitergehen würde. So will der Kaufhof in Frankfurt, der zunächst die ganze Woche abends bis 22 Uhr geöffnet hat, im neuen Jahr nur noch drei Tage die Woche mitmachen. Auch das Main-Taunus-Zentrum, das zunächst ebenfalls für jeden Tag den Abendeinkauf eingeführt hatte, will auf drei Tage heruntergehen. Einige Geschäfte im Zentrum hatten ohnehin gestreikt: Peek und Cloppenburg und H & M etwa machen nur freitags und samstags mit. Das Schuhhaus Görtz in Frankfurt ist bereits im laufenden Weihnachtsgeschäft zurückgerudert, von 22 auf 21 Uhr zunächst. Im Januar will man wieder um 20 Uhr schließen. Vielleicht gibt es ja bestimmte Produkte, die man abends nicht kauft, und zu denen gehören Schuhe.

          Dora Riss von der Gewerkschaft Verdi berichtet von dem Ringen, das es in vielen Geschäften um die Arbeitszeiten gebe. Anders als in Berlin, wo der Gesetzgeber festgelegt hat, daß sich etwa alleinerziehende Mütter nicht an der Abendarbeit beteiligen müssen, schützt in Hessen der Manteltarifvertrag Verkäuferinnen mit Kindern unter zwölf Jahren davor, noch nach 18.30 Uhr arbeiten zu müssen. Für den Dezember haben sich außerdem Betriebsräte und Geschäftsinhaber geeinigt, daß der Abenddienst freiwillig ist. „Allein mit Aushilfen ist das nicht zu schaffen“, meint Riss. Die Verdi-Mitgliederzahlen im Handel seien übrigens seit der Gesetzesänderung spürbar gestiegen.

          Auf dem flachen Land hat sich seit der Gesetzesänderung vergleichsweise wenig getan, wie der Präsident des hessischen Einzelhandels, Frank Albrecht, sagt: „Die haben ja schon bislang die möglichen Öffnungszeiten kaum ausgeschöpft.“ Es gebe ja nach wie vor Städte, in denen die Geschäfte mittags geschlossen hätten oder einzelne, die beispielsweise mittwochs am Nachmittag zu hätten. Selbst in Mittelzentren wie Offenbach habe kaum ein Geschäft abends länger geöffnet. In Wiesbaden hat man für die Fußgängerzone unter Regie des Einzelhandelsverbands eine Kernöffnungszeit bis 20 Uhr vereinbart.

          Außergewöhnlich gute Umsätze

          Absprachen über Kernöffnungszeiten könnten für viele kleinere Orte eine Lösung sein, meint Albrecht, ohne zu verhehlen, wie schwierig so etwas sei. Man könne beispielsweise eine Bäckerei schlecht zwingen, abends länger aufzuhaben, wenn sie dann gar kein Brot mehr habe. In Darmstadt hingegen scheint eine Absprache zumindest für einen „langen Donnerstag“ auf gutem Wege zu sein. Auch das Nordwestzentrum in Frankfurt hat donnerstags bis 22 Uhr geöffnet, wohingegen das Hessen-Center drei lange Tage hat.

          Die Umsätze scheinen zur Zeit fast überall außergewöhnlich gut zu sein. Inwieweit es dabei eine Verschiebung vom mittelständischen Einzelhandel auf die großen Zentren gibt, läßt sich noch nicht sagen. Die Frankfurter Einzelhändler berichten, ihre Stammkunden kämen wie eh und je. Kaufhof und Karstadt in Frankfurt schwärmen sogar ausdrücklich von guten Umsätze in den Abendstunden. Ihre Konkurrenten meinen, das habe gerade bei Kaufhof viel mit der außergewöhnlich günstigen Lage zu tun - andernorts sei nach 21 Uhr zumindest bisher „fast nichts los“.

          Von besonderen Härtefällen bei den Verkäufern weiß die Gewerkschaft bislang nicht zu berichten. „Dafür haben die Betriebsräte, zumindest in den Geschäften, in denen es Betriebsräte gibt, gesorgt“, meint Riss. Gleichwohl sei sie der Meinung, daß schon Arbeitszeiten bis 20 Uhr für Beschäftigte nicht gut seien: „Da kann man nicht mehr ins Kino, und auch das sonstige soziale Leben leidet.“ Besonders zornig seien ihre Gewerkschaftsmitglieder, wenn jetzt auch noch darüber diskutiert werde, die Zuschläge für die Abendstunden abzuschaffen.

          Später öffnen, dafür auch später schließen?

          In einem nun veröffentlichten Interview vertritt der Chef des Einzelhandelskonzerns Metro, Hans-Joachim Körber, die Auffassung, die verlängerten Ladenöffnungszeiten seien auf Dauer für die Geschäfte nur dann zu verwirklichen, wenn die Regelung über die Abendzuschläge in Höhe von 50 Prozent gekippt werde. „Das kann doch wohl nicht sein, daß die Verkäufer auf der einen Seite jetzt länger arbeiten sollen, und auf der anderen Seite wird ihnen auch noch was weggenommen“, meint Riss. Auch Körbers Vorschlag, Läden könnten ja vielleicht auch im Gegenzug montags in der Früh später öffnen, weil dann noch wenig los sei, kann sie nicht viel abgewinnen.

          Wenn man mit Kunden spricht, hört man viel Gutes über die neuen Ladenöffnungszeiten. Menschen aus den Frankfurter Bürotürmen, bei denen der Lebensmitteleinkauf nach Dienstschluß sonst immer knapp wurde, haben auf einmal richtig Zeit. Von Leuten, die abends Fernseher kaufen, hört man hingegen weniger. Bei einer Umfrage des Mannheimer Instituts für praxisorientierte Sozialforschung haben immerhin 50,4 Prozent der 1000 befragten Frankfurter angegeben, sie fänden die neuen Möglichkeiten gut. Und die langen Schlangen an der Autobahnabfahrt zum Main-Taunus-Zentrum sprechen für sich.

          Man könnte sich vorstellen, daß die Tankstellen zu den Verlierern der neuen Regelung gehören, wenn die Menschen jetzt nicht mehr dorthin fahren, weil sie abends noch einen Sechserträger Bier brauchen. Auf Nachfrage geben Tankstellen-Pächter jedoch an, wenig davon zu spüren. Bei der Aral-Zentrale heißt es, die meisten Tankstellen machten ihr Hauptgeschäft ohnehin zwischen 7 und 9 Uhr morgens sowie am späten Nachmittag. Dabei spiele die Möglichkeit, dort parken zu können, gerade in den Innenstädten eine größere Rolle als die Ladenöffnungszeiten. Einer Studie zufolge leben die Tankstellen heute primär von „Spontankäufen“, nicht mehr von „Notkäufen“ wie noch vor einigen Jahren, als die strengen Ladenschlußzeiten das wichtigste Motiv für Tankstellenshop-Kunden gewesen seien. Christian Siedenbiedel

          Öffnungszeiten laut „City-Forum Pro Frankfurt“ (Stand 20. Dezember):

          Montags bis samstags bis 22 Uhr: Bijou Brigitte, Conrad Electronic, C & A, Esprit, Galeria Kaufhof, Rossmann, Saturn, Sportarena, Woolworth.

          Donnerstags bis samstags bis 22 Uhr: Adidas, Appelrath & Cüpper, Hugendubel, H & M, Karstadt, Orsay (bis 23. Dezember), Douglas, Pimkie, Pohland, Promod, Zara, Zeilgalerie.

          Freitags und samstags bis 22 Uhr: Eckerle Herrenmoden, Mango, Motivi, Nike Frankfurt, Peek & Cloppenburg, Puma Store, Skechers, Strauss Innovation, Zero.

          Donnerstags bis 22 Uhr: Wormland.

          Die Geschäfte von Nike Frankfurt, Peek & Cloppenburg und Promod haben zusätzlich vom 27. bis 30. Dezember bis 22 Uhr geöffnet. Görtz hat jetzt donnerstags bis samstags bis 21 Uhr geöffnet. Interieur Design öffnet täglich von 11 bis 21 Uhr. Betten Zellekens hat samstags um eine Stunde verlängert, bis 19 Uhr. Lorey öffnet an den Adventssamstagen sowie werktags vom 18. bis 30. Dezember bis 20 Uhr. Der Frankfurter Laufshop ist bei seinen Öffnungszeiten geblieben, montags bis freitags 10 bis 19 Uhr, samstags 10 bis 16 Uhr. New Yorker hat die Öffnungszeiten freitags und samstags bis 21 Uhr verlängert.

          Weitere Themen

          Crossover mit Aussicht

          FAZ Plus Artikel: Lokaltermin : Crossover mit Aussicht

          Die Bistroküche in einem Ambiente voller Licht und Luft sorgt für eine entspannte Atmosphäre: Das „Obendrüber“ in Darmstadt tischt zeitgemäß auf. Auch wenn dabei teilweise weniger mehr gewesen wäre.

          Topmeldungen

          Sogenannte Fußballfans in Bulgarien, einem „der tolerantesten Länder der Welt“?

          Gegen den Hass : Die Strafen müssen weh tun

          Im Fußball hat sich ein Klima entwickelt, in dem sich Rassisten und Nazis ungeniert ausleben. Sanktionen schlugen bislang fehl. Ohne Punktabzüge und Disqualifikationen wird es nicht gehen. Aber selbst das reicht nicht.
          Wer zu den Besten in der Forschung gehören möchte, muss sich den Platz hart erkämpfen. Auch in Deutschland gibt es hierfür inzwischen Graduiertenschulen, die die Promovierenden unterstützen.

          Spitzenforschung : Wo die Promotion zur Selektion wird

          Amerikas Dominanz in der Spitzenforschung hat auch die hiesige Nachwuchsförderung kräftig umgekrempelt. Wer oben mitspielen will, muss an eine Graduiertenschule und sich von dort aus die begehrten Plätze erkämpfen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.