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Niedriger Milchpreis : Ein Lieferant, der sein eigener Abnehmer ist

Steherqualitäten: Bauer Frank Hammen aus Wehrheim hält auch in der Niedrigpreisphase an Milchkühen fest. Bild: Cornelia Sick

Frank Hammen muss als Molkerei-Vorstand die niedrigen Preise rechtfertigen, unter denen sein Milchhof selbst leidet. In Wallung bringt den Landwirt aber etwas anderes.

          Jammern mag er nicht. Dabei ist sein Kontostand derzeit „so richtig bescheiden“, wie Frank Hammen sagt. Schuld daran sind die seit Monaten überaus niedrigen Milchpreise. Seit Wochen schon kostet beim Discounter ein Liter Vollmilch 46 Cent – gleichzeitig fordern viele Bauern als fairen Preis 50 Cent, die bei ihnen in der Kasse landen. Die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit ist in den vergangenen fünf Jahren niemals größer gewesen. Und Hammen kennt noch andere traurige Zahlen, die aus der Talfahrt der Erzeugerpreise von 42 Cent je Liter Milch in der Spitze bis hinunter auf etwa 21 Cent (siehe Grafik) folgen. Schließlich ist er nicht nur Milchbauer, sondern zudem Vorstand der Molkerei-Genossenschaft Hochwald. „Früher hat die Hochwald im Monat durchschnittlich fünf, sechs Bauern verloren, die die Milchviehhaltung aufgegeben haben – derzeit sind es zehn bis zwölf“, berichtet er.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Hammen selbst denkt keineswegs ans Aufhören. Er hat eine Neigung zu Milchkühen von Kindesbeinen an – ein Leben ohne diese Tiere kann er sich nach seinen Worten nicht vorstellen. Und das, obwohl der Betrieb ihn und seine Familie von morgens bis abends und im Grunde an 365 Tagen im Jahr fordert. Denn Kühe kennen keinen Urlaub und wollen täglich gemolken werden. Keine Sparte der Landwirtschaft fordert den Bauern so wie die Milchviehhaltung, sagt Hammen, auch nicht die Schweinemast. Seine durchaus widersprüchliche Doppelrolle verleidet ihm den Beruf nicht, wie er hervorhebt.

          Milchpreisentwicklung in Deutschland
Januar 2011 bis Juli 2016

          Widersprüchlich ist sie aus einem leicht ersichtlichen Grund: Hammen steht als Hochwald-Vorstand für jene Erzeugerpreise gerade, die seinen eigenen Betrieb finanziell unter Druck setzen. Das sogenannte Delta, die Kluft zwischen Auszahlungspreis je Liter Milch und den Produktionskosten, beziffert er so: Einschließlich der Zuschläge für die Qualität, die sich am Fett- und am Eiweißgehalt bemessen, überweist ihm die Molkerei genau 22,4 Cent. Kostendeckend könne er aber erst mit 33 Cent wirtschaften und müsse Rücklagen aufzehren, sagt er. Wie geht er damit um, als Hochwald-Kunde? Aufregen mag er sich nicht. Vielmehr sieht Hammen die Sache nüchtern.

          Große Konkurrenz aus Holland und Irland

          „Wenn ich im Vorstand bin, muss ich meine betriebswirtschaftlichen Probleme ausblenden“, sagt er und fügt hinzu: „Ich kann nicht der Molkerei sagen, zahle halt 33 Cent aus – ich kann nur auszahlen, was in die Kasse kommt.“ Und was in die Kasse kommt, bestimmen die mit dem Lebensmittelhandel, allen voran Aldi und Lidl, geschlossenen Verträge. Im Übrigen sieht sich der Landwirt aus dem Hochtaunus nicht als Kunde der Molkerei. Er sei vielmehr Teil von ihr. Das sei ja der Grundsatz einer Genossenschaft – sie gehöre all jenen, die Anteile gezeichnet und Kapital eingezahlt hätten.

          Dieser Umstand führt auch zu einem besonderen Verhältnis zwischen Betrieb und Lieferanten. Nach dem Motto „Einer für alle, alle für einen“ habe Hochwald schon im Frühjahr den Spielraum genutzt und „zugesehen, dass Geld auf die Höfe kommt“, wie Hammen es ausdrückt. Das sei gegangen, indem Hochwald letztlich aus Milchgeld zu leistende Investitionen in Anlagen zeitlich verschoben habe. Und da sei der von einem Überangebot ausgelöste Einbruch der Erzeugerpreise bei den Preisverhandlungen mit dem Handel im Mai noch gar nicht absehbar gewesen. Um knapp zehn Prozent habe seinerzeit die in Deutschland produzierte Milchmenge den Vorjahreswert überschritten. „Die war am Markt nicht unterzubringen“ – zumal Russland infolge des Embargos als Abnehmer ebenso ausscheidet wie so manches von bewaffneten Konflikten geprägtes nordafrikanische Land. Zudem wird in Holland und in Irland kräftig gemolken, wie Hessens Bauernpräsident Karsten Schmal, ein Milchbauer aus dem Upland, gerne anmerkt.

          Besonders die Iren hätten es leichter als ihre deutschen Kollegen. Sie könnten wegen der milderen, feuchten Witterung, die in der Regel zu gehaltvollem Gras im Überfluss führe, günstiger produzieren. Zumal viele Kühe unter freiem Himmel gehalten werden und sich die Landwirte teure Ställe ersparen könnten.

          Mit der staatlichen Regulierung hadert Hammen mehr

          Hammen sieht gleichwohl Hoffnungszeichen am Milchmarkt. Die sogenannte Überlieferung sei eingedämmt und so manches Käselager ziemlich leer. In der Folge habe schon der Spotmarkt, an dem Milch und Milchprodukte von jetzt auf gleich gehandelt werden, mit Preisaufschlägen reagiert. Auch die Agrarmarkt-Informations-Gesellschaft sieht die Preise tendentiell im Aufwind und gibt den zuletzt erzielten Preis für 100 Liter konventionell erzeugter Milch mit 23,80 Euro an. Dazu passt, dass Hochwald fortan zwei Cent mehr als zuletzt an seine Genossen auszahlt. Hammen sieht den Markt auf dem Weg zu 30 Cent: „Nach dem Tief kommt wieder ein Hoch.“

          Vor diesem Hintergrund hadert er mehr mit der staatlichen Regulierung als mit den Milchpreisen. Die Bürokratie schreibt den Bauern alles Mögliche vor, selbst Termine zum Pflügen und Jauchefahren. Hildegard Schuster mahnte als Chefin des Landfrauenverbands, der Landwirt sei doch kein Papierwirt. Der Bauer aus Wehrheim schimpft: „Wir sind zu Leibeigenen des Staates geworden.“ Milch sei so billig wie in den Siebzigern, Bauern erhielten staatliche Ausgleichszahlungen in der Folge.

          Und wann, meint der Milchbauer und Molkerei-Vorstand, kann er wieder die Kosten einspielen? „Ich hoffe, dass das im Januar wieder so sein wird.“ Letztlich hält er aber eher 40 als 35 Cent für notwendig. Schließlich brauchen Molkereien und Landwirte Geld für Investitionen.

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