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Neue Stellen möglich : Die Chemie stimmt wieder

Volldampf: Produktionsanlagen von Clariant im Industriepark Höchst laufen wieder auf Vorkrisen-Niveau Bild: Christian Burkert

Die chemische Industrie lässt das tiefe Konjunkturtal hinter sich. Auch bei Celanese und Clariant in der Rhein-Main-Region hat sich die Stimmung nach dem Stellenabbau beruhigt.

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          Vor einem Jahr musste sich Kai-Uwe Hemmerich fast täglich in Seelenmassage üben. Plagten sich doch Kollegen bei Clariant mit Existenzangst angesichts des Abbaus von mehr als 160 Stellen bei dem Chemieunternehmen im Industriepark Höchst – einer Zahl, die fast zehn Prozent der Stellen bei Clariant in Frankfurt entsprach. Mittlerweile aber hat sich die Lage ziemlich entspannt – genauso wirkt auch der Höchster Betriebsratschef Hemmerich, wenn er in diesen Tagen über den Betrieb spricht.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Clariant spürt den wirtschaftlichen Aufschwung nach dem tiefen Konjunkturtal. Waren die Produktionsanlagen in Höchst im vergangenen Herbst nur etwa zur Hälfte ausgelastet, wie Deutschland-Chef Ulrich Ott seinerzeit berichtete, so laufen sie nun wieder „auf dem Niveau wie vor der Krise“. Sogar Leiharbeiter hat Clariant in Höchst und Wiesbaden an Bord, um Engpässe durch Urlaub auszugleichen. Auf knapp 50 beziffert ein Unternehmenssprecher ihre Zahl. In etwa so viele seien es auch vor dem Einbruch bei der Nachfrage im Herbst 2008 gewesen. Das Stammpersonal in der Region zählt 1600 Mitarbeiter, Ende 2008 waren es noch 2057.

          Stimmung hinkt Lage hinterher

          Vor allem eine deutlich gestiegene Nachfrage aus der Autoindustrie und aus kunststoffverarbeitenden Betrieben, die wiederum auch und gerade für Kraftfahrzeugbauer produzieren, führt nach den Worten des Sprechers zu der guten Auslastung in Höchst. Das Wiesbadener Geschäft mit Produkten für die Textil- und die Waschmittelindustrie läuft demnach auch gut, ist aber dessen ungeachtet weniger vom Auf und Ab der wirtschaftlichen Aktivität in Deutschland und anderswo abhängig. Trotz der erfreulichen Nachrichten ist die Stimmung in den Betrieben noch nicht wieder richtig auf der Höhe, wie es beim Betriebsrat heißt. „Nach diesem Personalabbau braucht es Zeit, bis die Beschäftigten die Firma wieder lieb haben.“ Zumal weiter von Restrukturierung die Rede ist.

          Allerdings versucht das Unternehmen zu beschwichtigen. Der Personalabbau sei im Wesentlichen im vergangenen Jahr und Anfang 2010 erfolgt. Nun blieben noch Einzelfälle, in denen sich Clariant mit den betroffenen Beschäftigten gütlich einigen wolle, sagt der Sprecher und bestätigt damit die Aussage vom Februar, in Höchst sei kein neuer Stellenabbau ins Auge gefasst.

          Das Gleiche gilt für das Chemieunternehmen Celanese und dessen Töchter in der Region, allen voran der Kunststoffhersteller Ticona. Die Unternehmensgruppe hatte im vergangenen Herbst in den Belegschaften für Unmut gesorgt mit dem Plan, 75 Stellen aus den Verwaltungen der Geschäftseinheiten Chemicals, Emulsions, Nutrinova und Ticona an den Standorten Höchst, Kronberg und Kelsterbach nach Ungarn zu verlagern, wohin zuvor das Finanz- und Rechnungswesen ausgelagert worden war. Um dies zu verhindern, gingen im Oktober rund 500 Beschäftigte in Höchst auf die Straße – die Stellen sind gleichwohl nach Budapest gewandert, als „Ergebnis einer strategischen Neuausrichtung“ der globalen Lieferkette, wie es bei Celanese heißt. Allerdings haben infolge dessen nicht alle rund 75 betroffenen Kräfte ihren Arbeitsplatz eingebüßt, sondern 43. Denn 32 Mitarbeiter sind innerhalb der Unternehmensgruppe versetzt worden, wie ein Sprecher sagt.

          Leichter Stellenabbau

          Nach seinen Worten „brummt“ es in den meisten Celanese-Geschäftseinheiten in der Region, wo etwa 1500 Frauen und Männer für die Gruppe arbeiten. Im Falle Ticona in Kelsterbach sei dies auf die verstärkte Nachfrage der Automobilindustrie zurückzuführen. Zur Auslastung äußert sich Celanese nicht im Detail. Im Gegensatz zu Clariant greift Celanese nicht auf Leiharbeiter in der chemischen Produktion zurück, in der Verpackungseinheit der Ticona dagegen schon. Auch gibt es keinerlei Zahlen.

          Der Aufschwung bei Celanese und Clariant passt zu den guten Nachrichten aus der hessischen Chemiebranche. Gemeinsam mit der verwandten Pharmabranche verzeichnete sie im ersten Halbjahr 2010 einen Umsatzanstieg von 7,8 Prozent im Vergleich zu den ersten sechs Monaten des vergangenen Jahres. Die Mitarbeiterzahl ging in beiden Industriezweigen um 1,7 Prozent auf 55.300 zurück und bei den chemienahnen Gummi- und Kunststoffbetrieben um knapp ein Prozent auf 29.300, wobei jeweils nur Betriebe mit mehr als 50 Beschäftigten berücksichtigt sind.

          Clariant rechnet mit solider Nachfrage

          Die Auftragseingänge der vergangenen Monate lassen auf eine nach wie vor gute Auslastung hoffen. Hatte die chemische Industrie im April ein Plus von 39 Prozent gemeldet, so waren es im Mai zwölf Prozent und im Juni 16 Prozent mehr als vor Jahresfrist. Vor diesem Hintergrund liebäugeln manche Unternehmen sogar wieder mit Neueinstellungen, wie es beim Arbeitgeberverband Hessen-Chemie in Wiesbaden heißt. Clariant erwartet nach Angaben des Sprechers ein im Vergleich zu den ersten sechs Monaten 2010 nicht ganz so starkes zweites Halbjahr. Dies begründete er zum einen mit der leichten Abkühlung der allgemeinen Konjunktur und zum zweiten mit dem Umstand, dass gerade die Autoindustrie das wesentliche Geschäft bis zum Sommer mache.

          Dies wirke sich gemeinhin auch auf die Bestellungen bei Chemieunternehmen aus. Gleichwohl rechnet das Unternehmen mit einer „soliden Nachfrage“. Von 2011 an soll das Unternehmen dann wieder profitabel wachsen. Betriebsratschef Hemmerich und seine Kollegen werden es gerne vernehmen.

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