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Opel mit neuer App : Das Auto teilen mit den Facebook-Freunden

Handverlesen: Über die neue Opel-App sollen sich fortan private Autobesitzer und Entleiher treffen. Bild: Michael Kretzer

Mit seinem Carsharing-Modell „Carunity“ will Opel vom Autobauer zum Mobilitätsanbieter werden. Doch derzeit kann nicht jeder Smartphone-Nutzer die Offerte testen.

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          Ach ja, der Vorführ-Effekt. Bettina Zimmermann will die neue Carsharing-App von Opel testen, da hakt die Technik. Also noch mal alles von vorn an diesem Mittwochmittag - so wie es einst Microsoft-Gründer Bill Gates bei der Präsentation eines Betriebssystems erging. Doch falls das „Carunity“ genannte Produkt auch nur einen Bruchteil der Nutzer finden sollte wie die Software von Microsoft, dürften im Adam-Opel-Haus in Rüsselsheim die Sektkorken knallen.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Dass der Autobauer für die Markteinführung die Schauspielerin Zimmermann als Testperson verpflichtet hat, sorgt für die nötige Portion Glamour und soll den Südhessen gewiss bei ihrer Charmeoffensive dienen. Denn Opel denkt groß und zielt nicht nur auf treue Fans der Marke mit dem Blitz. Schon das Motto „Community Carsharing“, unter dem das neue Angebot läuft, soll das verdeutlichen.

          Kleines Start-up innerhalb Opels

          „Wir wollen von der Automarke zum Mobilitätsanbieter werden“, verkündet Marketingchefin Tina Müller unter den Augen Dutzender Opelaner, die von der Galerie im ersten und zweiten Stock nach unten in das Foyer des Adam-Opel-Hauses blicken. Dort lässt Müller wissen, das Carsharing-Angebot binnen Jahresfrist verwirklicht zu haben. „Wie ein kleines Start-up in einem Großkonzern“ sei das Vorhaben zu sehen. Und weil das in den Strukturen eines Konzerns wie der Opel-Mutter General Motors nicht einfach sei, habe sich eine „schnelle Eingreiftruppe“ des Projekts angenommen - mit ihr und Vertriebschef Peter Christian Küspert an der Spitze.

          Geht es nach der Marketingchefin und ihren Mitstreitern, werden sich bald mehr und mehr Anhänger des Autoteilens und Interessierte die App im Apple-Store und auf Google-Play herunterladen, nach verfügbaren Wagen suchen, solche buchen - und vor allem: das eigene Auto in die App einstellen. Um einen Anfang zu machen, hat Opel selbst für einige hundert Autos in dem Angebot gesorgt, indem unter Mitarbeitern für die Idee geworben wurde. Zwei Wochen lang ist die App in einem überschaubaren Kreis getestet worden.

          Auch andere Marken als Opel

          Auch Opel-Chef Karl-Thomas Neumann hat mitgemacht und dies über Twitter verbreitet. So hat er sich ein Auto mit einem Opelaner geteilt. Dies wiederum ist als Fingerzeig zu verstehen, wie Carunity für Mehrwert sorgen will. Über die App sollen private Anbieter und Nutzer zueinanderfinden. Insofern verfolgt der Rüsselsheimer Autobauer ein anderes Konzept, als es die süddeutschen Branchenriesen tun. Und obwohl bisher in der App ein Opel auf den anderen folgt: Auch Autos anderer Marken sind willkommen, um möglichst viele Nutzer und Anbieter zu bekommen.

          Wer ein Auto sucht, kann bestimmte Vorgaben machen und etwa auswählen, ob er eine Limousine will, einen Van oder ein Cabriolet. Umgekehrt gibt der Anbieter den Preis vor, den er haben will. Dabei gibt es Tarife für vier Stunden Leihe, für einen Tag und für eine Woche. Wer über die App bucht, ist laut Opel automatisch über die R+V-Versicherung bei Unfällen vor finanziellen Unbilden geschützt - wobei 500 Euro Selbstbehalt vorgesehen sind. Auch ein Schutzbrief ist enthalten. Wenn das Auto liegenbleibt, wird es abgeschleppt und an den Heimatort oder in die Werkstatt gebracht, wie es heißt.

          Bewertungssystem wie bei Ebay

          Ob derjenige, der ein Auto leihen will, einen gültigen Führerschein besitzt, muss der Bieter mit dem Kunden selbst klären. Gleiches gilt für die Frage, wie viele Kilometer der Wagen vor und in der Teil-Zeit gefahren worden ist. Nicht zuletzt müssen beide Seiten ein Augen auf den Tankinhalt haben und das alles in der App vermerken. Die Buchungszeiten zu wählen gleicht dem Eintrag eines Termins im Smartphone-Kalender. Und wenn die Teil-Zeit vorüber ist, können sich Bieter und Nutzer bewerten - so wie bei Ebay.

          Müller preist Carunity als das „erste Social Carsharing“ an. Das ist zwar halb geflunkert (siehe Kasten) - doch auch halb richtig: Bisher wartet kein Autobauer in Deutschland mit solch einem Angebot auf. BMW (Drive now) und Daimler (Car to go) sind zwar schon im Markt, bieten aber nur Wagen aus dem jeweils eigenen Konzern an. Die Frage, weshalb sich Opel nun auch in den Carsharing-Markt begibt, beantwortet die Marketingchefin gleich mit: Etwa eine Million Männer und Frauen in Deutschland teilten sich derzeit regelmäßig Autos, nach Prognosen könnten es 2020 doppelt so viele sein.

          Betriebssystem muss aktuell sein

          Um die optimistische Sicht zu untermauern, blickt die Marketingchefin auf die Hauptstadt: „Wenn man nach Berlin kommt, da hat ja kaum noch einer ein eigenes Auto“, meint sie. So sitzt die Projektgruppe um Jan Wergin auch nicht in Rüsselsheim, sondern in Berlin. Er wirbt dafür, erst mal zu gucken, was die Leute in der Nachbarschaft und die Facebook-Freunde in Sachen Carsharing machen - „um die erste Hürde zu nehmen“. Denn Wergin weiß: Viele Deutsche, vor allem Männer, geben ihr Auto nur ungern in fremde Hände.

          Eine andere Hürde zeigt sich beim Versuch, die App herunterzuladen. Dafür ist ein aktuelles Betriebssystem nötig. Wergin gelobt aber auf Nachfrage, die App auch für älteren Versionen zu öffnen.

          Er träumt derweil schon von der ersten „Carunity-Hochzeit“ - also davon, dass sich Braut und Bräutigam über die App kennenlernen. Die Zielgruppe der App umfasst schließlich Männer und Frauen von 18 bis 35. Für die kann Carsharing auch ein Modell sein, sich etwas hinzuzuverdienen. Genau das haben Müller und Wergin im Hinterkopf. Und natürlich, dass die jungen Leute einen Opel kaufen, wenn sie mehr Geld haben.

          Bettina Zimmermann, geboren 1975, ist schon über diese Zielgruppe hinaus. Dennoch will sie die App privat nutzen, wie sie sagt. Ob das wohl abgesprochen war? Wergin weist das weit von sich.

          Der Privat-Markt

          Die Idee, dass sich zwei oder mehr Personen ein Privatauto teilen, ist noch jung. Nicht anders als beim Fernbus, waren es zunächst kleine Start-ups, die Portale für das private Verleihgeschäft entwickelten. Ihnen gelang es auch, die Versicherer mit Policen für einen Tag ins Boot zu holen - Voraussetzung dafür, dass das Autoteilen unter Nachbarn überhaupt funktioniert.

          Das Start-up Tamycar (“Take my Car“), 2010 von vier Studenten in Aachen gegründet, war die erste Plattform für privates Carsharing und ist Carsharing-Partner von Opel. Seit dem Eintritt der französischen Plattform Drivy im November ist der Markt stark in Bewegung.

          Erst im Mai schluckte Drivy den deutschen Marktführer für privates Carsharing, Autonetzer, und bringt es aus dem Stand auf 11 000 Fahrzeuge und 100 000 Mitglieder. Damit ist Drivy Marktführer vor Tamycar mit etwa 8500 Autos und 85 000 Mitgliedern. Die Kooperation mit Opel könnte das Kräfteverhältnis wieder ändern. So oder so, Autobesitzer wie Entleiher können sich auf beiden Plattformen anmelden. (hoff.)

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