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Fair gehandelte Produkte : Neue Genossenschaft will Weltläden voranbringen

Alle Hände voll zu tun: Ursula Artmann räumt mit einer Mitarbeiterin die Regale des dritten Frankfurter Weltladens ein Bild: Wiesinger, Ricardo

Früher hießen sie „Dritte-Welt-Läden“, heute kürzer Weltläden. Eine neue Genossenschaft will dem Geschäftsmodell mit fair gehandelten Produkten neues Leben einhauchen.

          Für Ursula Artmann geht es zurzeit hin und her. Während im Weltladen an der Berger Straße in Frankfurt-Bornheim, in der sie Geschäftsführerin ist, der Verkauf weiter läuft, muss an der Leipziger Straße im Stadtteil Bockenheim alles zügig fertig werden. Hier, wo man früher Wolle kaufen konnte, entsteht gerade ein Geschäft, das eine neue Weltladen-Genossenschaft betreiben wird. An diesem Samstag ist die Eröffnung.

          Petra Kirchhoff

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Es ist das erste Geschäft einer bundesweit agierenden Genossenschaft, die Artmann und vier weitere Vertreter der Fairhandel-Szene vor drei Jahren gegründet haben. Ihr Ziel: den Betrieb der Weltläden – von „Dritte-Welt-Läden“ wie früher spricht man heute nicht mehr – zu professionalisieren. Dabei sollen standardisierte Arbeitsabläufe und ein gemeinsames Marketing helfen. Außerdem soll die Zahl der Geschäfte erhöht werden.

          „Wir wachsen seit Jahren zweistellig“

          Dabei wollen die Unternehmer den Schwung nutzen, den der faire Markt seit längerem erfährt. Die Verkaufszahlen von Lebensmitteln und Handwerksartikeln aus dem fairen Handel verzeichnen seit Jahren enorme Zuwächse, zuletzt stieg der Umsatz um 15 Prozent auf 1,3 Milliarden Euro. „Wir wachsen seit Jahren zweistellig“, sagt ein Sprecher der Siegel-Organisation Fairtrade Deutschland. Er gibt aber zugleich zu, dass es sich weiterhin nur um einen Nischenmarkt handelt. Den Anteil von fair gehandeltem Kaffee am Gesamtmarkt etwa beziffert der Sprecher mit gerade einmal vier Prozent. Dass der Anteil bei Blumen bei 25 Prozent liege, sei die Ausnahme.

          Zum Aufschwung beigetragen haben vor allem Supermärkte, Discounter und Bioläden, die inzwischen auf einen Umsatzanteil von 80 Prozent kommen. Hingegen bleibt für die 800 Weltläden in Deutschland, die den Fairness-Gedanken überhaupt erst populär gemacht und damit Pionierarbeit geleistet haben, nur ein kleines Stück vom Kuchen.

          Unterstützung politischer Kampagnen

          Als Konkurrenz zu den Supermärkten versteht Artmann die Weltläden aber ohnedies nicht. „Wir nehmen uns Zeit und geben Auskunft“, sagt sie. „Das ist unsere Stärke.“ Wer im Weltladen kaufe, unterstütze zudem auch politische Kampagnen und Bildungsarbeit. Die Geschäftsführerin hebt hervor, dass Weltläden heute moderner seien als früher und mehr böten als den Verkauf von Nicaragua-Kaffee. Die Wahrnehmung habe sich geändert, meint Artmann, die im Vorstand der neuen Genossenschaft sitzt und ehrenamtlich mit anderen die Aktionen der Frankfurter Fairtrade-Town-Kampagne koordiniert.

          Die Unternehmerin weiß, wovon sie spricht. Mit einem gutem Händchen für Sortiment und Einrichtung führt sie seit 2005 den etablierten Weltladen an der Berger Straße in Frankfurt, der nicht nur in den Wochen vor Weihnachten gut besucht ist. Die Arbeit teilt sie sich mit einem Kollegen. Im Laden helfen 25 Ehrenamtliche und zwei Mini-Jobber mit, allesamt Menschen, die ein sinnerfülltes Tun suchten, wie es heißt. Betreiber ist in diesem Fall eine GmbH mit zwölf Gesellschaftern aus der Kirchen- und Eine-Welt-Szene.

          Die Kunden finden im Bornheimer Weltladen neben Lebensmitteln ein breites Angebot handwerklich hergestellter Küchen-Accessoires, außerdem Keramik- und Lederwaren, Schmuck und Strickwaren, mitunter aus alten Werkstoffen recycelt, und vornehmlich aus fairer Produktion. Für das Geschäftsmodell sind diese Artikel wichtiger als Lebensmittel, weil sie damit mehr Geld verdienen als zum Beispiel mit Kaffeebohnen. Außerdem könnten sich die Läden so vom Angebot der Supermärkte abgrenzen, sagt Artmann.

          Bezogen werden die Waren über die Gepa, der größten Import-Gesellschaft für Fairhandels-Artikel. Fair heißt in diesem Fall etwa, dass die Menschen, die diese Dinge herstellen, besser entlohnt werden und unter geregelteren und gesünderen Bedingungen arbeiten. Die Gewinnspanne ist deswegen kleiner als im konventionellen Handel. Den durchschnittlichen Jahresumsatz für den Weltladen an der Berger Straße, der zu den größeren zählt, beziffert Artmann mit 400 000 Euro. „Für die Arbeit im Weltladen braucht man viel Idealismus“, sagt sie. Und die Unterstützung durch freiwillige Helfer. Auch den neuen Weltladen in Bockenheim bestreitet die Genossenschaft mit einem großen Pool an Ehrenamtlichen. Aktuell werden noch Mitstreiter gesucht. In Teilzeit angestellt ist nur die Filialleiterin.

          Suche nach einem Nachfolger

          Die meisten der 800 Weltläden in Deutschland, von denen sich 80 in Hessen finden, sind Einzelbetriebe und damit Einzelkämpfer. Nur knapp die Hälfte sind im Dachverband der Weltläden organisiert. Viele feiern inzwischen ihr dreißig- oder gar ihr vierzigjähriges Bestehen und suchen einen Nachfolger, wie Artmann berichtet. Die neue Genossenschaft möchte durch die Übernahme solcher Geschäfte ihr Netz erweitern, sofern dies finanziell machbar ist.

          Wie viel Geld die Genossenschaft über das Zeichnen von Anteilen eingesammelt hat, verrät Artmann nicht. Rund 80 Mitglieder sind bisher beigetreten, mit einem Anteil von mindestens 500 Euro, viele hätten jedoch deutlich mehr gezeichnet. Hinzu komme das Geld privater Darlehensgeber. Auch die Entwicklung im Rhein-Main-Gebiet hält Artmann, die früher Cheflektorin in einem Wirtschaftsverlag war, noch nicht für abgeschlossen. Die Branche sei zwar in der Region gut aufgestellt. In nahezu jedem größeren Ort gebe es einen Weltladen. Gleichwohl fänden sich noch weiße Flecken, etwa in Bad Homburg. In manchen Orten gebe es auch Bedarf für ein zweites Geschäft. Wichtig sei eine gute Lage wie zuletzt in Bockenheim. „Der Radar ist offen.“

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