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Energiewende im Nahverkehr? : Wo der Wasserstoff für RMV-Züge herkommt

Probefahrt: Im Jahr 2018 war bereits ein Wasserstoffzug von Wiesbaden nach Höchst unterwegs. Bild: dpa

Züge, die mit Strom aus Wasserstoff statt Öl, Kohle oder Gas fahren? In drei Jahren plant der RMV eine Flotte mit Brennstoffzellen-Antrieb im Nahverkehr einzusetzen. Doch woher kommt der Wasserstoff?

          Es ist ein Zeichen für die Energiewende im Nahverkehr. In gut drei Jahren will der Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) im Hochtaunus die ersten Brennstoffzellen-Züge auf die Schienen setzen. Diese Flotte soll dereinst 27 Züge zählen – es wird nach dem Stand der Dinge weltweit die größte ihrer Art sein. Der RMV ist aber weder das erste noch derzeit das einzige Unternehmen in Rhein-Main, das auf die Brennstoffzelle setzt. Zumal der dafür notwendige Wasserstoff aus dem Industriepark Frankfurt-Höchst kommt – als Abfallprodukt aus der Chlorchemie.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der Charme der Brennstoffzelle: Sie selbst kommt ohne fossile Energieträger aus, bläst keine Schadstoffe in die Luft. Schon die Hoechst AG forschte an dieser Technik. Aus ihr heraus entstand vor 15 Jahren eine Firma namens Pemeas, die das „Herz der Brennstoffzelle“ herstellte. Das war eine Membran, die Strom aus Wasserstoff und Luft erzeugte statt aus Öl, Kohle oder Gas. Dies geschah mittels einer elektrochemischen Reaktion. Zwar galt die Pemeas-Technologie im Vergleich zur Konkurrenz als besonders gut. Bevor sie im Dezember 2006 an die BASF verkauft wurde und der Chemiekonzern das Geschäft nach Amerika verlegte, war die junge Firma im Industriepark Höchst ansässig.

          Heizungsanlagen, Industriefahrzeuge und Segelboote

          Im alten Hoechst-Stammwerk hatte sich 2005 in Gestalt des Start-ups Cardec weitere Firma aus der kleinen Brennstoffzellen-Branche niedergelassen. Einer der beiden Gründer kurvte mit einem per Wasserstoff angetriebenen Roller durch den Industriepark. Ihr Plan lautete, nach dem Wunsch von Kunden Brennstoffzellen-Systeme zu bauen, gab doch solche Angebote es nicht von der Stange. Cardec zielte auf drei Märkte: Wärme und Strom spendende Heizungsanlagen, Geräte für Segelboote und mit Batterien betriebene Industriefahrzeuge sowie Brennstoffzellen für Laptops. Zu diesen Zwecken verarbeitete Cardec auch Membranen von der Pemeas GmbH. Es wurde dann aber bald ruhig um Cardec.

          Beide Firmen konnten auf den Wasserstoff einer Anlage des Chemiekonzerns Akzo Nobel zurückgreifen. Mittlerweile firmiert der dortige Betrieb als Tochter des niederländischen Konzerns Nouryon, doch den Wasserstoff produziert er dort wie eh und je. Bei der Herstellung von Chlor und Natronlauge entsteht auch dieses farb- und geruchlose Gas. Je Tonne Chlor fallen 315 Kubikmeter Wasserstoff an, wie eine Firmensprecherin sagt. Zwar nutzt Nouryon den Großteil des Gases für eigene Zwecke an Ort und Stelle. Die nicht benötigen Mengen speist der Betrieb aber in das Netz des Industriepark-Betreibers Infraserv ein. „Der verkauft es dann weiter“, sagt die Sprecherin. Wie viel Chlor Nouryon in Höchst produziert und wie viel Wasserstoff die Firma einspeist, behält sie aus Wettbewerbsgründen für sich.

          Frei zugängliche Tankstelle

          Die Restmenge ist jedenfalls mehr als genug für andere Anwendungen. Zum Beispiel zapfen Besitzer von Fahrzeugen mit Brennstoffzelle den Wasserstoff aus dem Industriepark an der frei zugänglichen Tankstelle vor dem Tor Süd des Werks. Seit 2006 ist das möglich. Der Industriepark selbst nutzt ebenfalls diese Energietechnik. Und zwar für den Linienverkehr von Bussen auf dem 460 Hektar großen Gelände. Zum Vergleich: Ein Hektar ist etwas größer als ein Fußballfeld. Derzeit setzt der Betreiber der Busse acht dieser Fahrzeuge ein und betankt sie jeweils vor dem Tor Süd, wie eine Sprecherin von Infraserv erläutert.

          Eine gute halbe Autostunde östlich von Höchst steht ebenfalls eine Wasserstoff-Tankstelle. Der koreanische Autobauer Hyundai unterhält an seiner Europa-Zentrale an der Kaiserleipromenade diese Anlage. Dies kommt nicht von ungefähr. Hyundai baut seit einigen Jahren schon Brennstoffzellen-Autos. Nexo heißt das aktuelle Modell. 3000 Stück wollen die Südkoreaner insgesamt bauen und 300 davon hierzulande bis Ende dieses Jahres absetzen. Im vergangenen Jahr hat das Unternehmen über alle Typen und Antriebsarten hinweg fast 115.000 Neuwagen verkauft.

          Sein Fahrzeugbestand in Deutschland beläuft sich nach Angaben einer Sprecherin auf 1,195 Millionen Wagen. Dieser Vergleich zeigt, dass der Nexo noch ein Nischenprodukt ist, zumal er 69.000 Euro kostet. Gleichwohl sieht sich Hyundai bei den Brennstoffzellen-Autos als führend in Europa. Den Marktanteil beziffert der Hersteller auf rund 70 Prozent.

          Derweil plant Infraserv den Ausbau seiner Wasserstoff-Infrastruktur. Um die RMV-Züge versorgen zu können, will der Industriepark-Betreiber neue Anlagen errichten, die das Gas verdichten. Zudem seien neue Speicher und Abfüllanlagen nötig. Daneben Infraserv mit einer „Backup-Erzeugung“, um die Verfügbarkeit sicherzustellen.

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