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Nach der Insolvenz : Ein Neustart als Ein-Mann-Betrieb

Corium-Gründer Blesius stellt Shoe-Finish her, mit dem das Leder nach der Produktion der Schuhe behandelt wird Bild: Agata Skowronek

Arcandor, Karmann, Woolworth: Im Blickpunkt stehen die großen Insolvenzen – obwohl viele kleine Fälle den Alltag der Insolvenzverwalter prägen. So wie die Frankfurter Gesellschaft Corium. Deren Gründer gibt nicht auf und kann auf alte Kunden bauen.

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          Arcandor, Karmann, Quelle, Schiesser, Woolworth: Im Blickpunkt stehen die großen Insolvenzen – obwohl viele kleine Fälle den Alltag der Insolvenzverwalter prägen. So wie die Frankfurter Gesellschaft Corium. Das junge Unternehmen von Eduard Blesius hatte sich gerade aufgemacht, in der Welt der Schuhe mit lösungsmittelarmen Produkten zur Veredlung von Leder zu punkten, als es von der Rezession und der Flaute in Europas Schuhbranche mit Wucht getroffen wurde. Die Corium Oberflächentechnik GmbH verlor sicher geglaubte Aufträge – und Umsätze.

          Thorsten Winter
          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          „Wir dachten schon, das Faxgerät sei kaputt, weil sich teilweise eine Woche lang gar nichts tat“, blickt Blesius auf den ausgehenden Winter zurück. Bis in den April kämpfte er gegen die drohende Insolvenz. Die vier Mitarbeiter – einen hatte er gerade erst eingestellt – stundeten sogar die Löhne. Aber Blesius musste schließlich doch Insolvenz anmelden. Das Aus für sein Projekt bedeutet dies aber nicht: Der 47 Jahre alte Geschäftsmann wagt den Neustart. Neue Aufträge von alten Kunden helfen ihm dabei; die ersten gingen zwei Wochen nach dem Insolvenzantrag ein. Der Juni ist nach seinen Worten sogar der drittbeste Monat gewesen, seitdem er mit Corium vor zwei Jahren antrat. Sein neuer Betrieb firmiert unter gleichem Namen, aber mit dem Zusatz Service GmbH. Auch arbeitet er in den alten Geschäftsräumen auf dem Areal der Allessa-Chemie in Fechenheim. Aber noch ohne Mitarbeiter, da er den vier Angestellten kündigen musste.

          „Ein Verkaufsleiter hat mich verhöhnt“

          Trotz aller Turbulenzen seien ihm alle großen Kunden treu geblieben, freut er sich. Aus den Zahlungsschwierigkeiten hat er ihnen gegenüber kein Hehl gemacht, wie er versichert. Vielmehr habe er innerhalb einer Woche alle wichtigen Adressen, darunter namhafte deutsche Hersteller, aufgesucht. „Dabei habe ich viel Betroffenheit bemerkt, aber auch Erleichterung, als ich sagte, dass es weitergeht“, berichtet Blesius. Doch nicht jeder Geschäftspartner hat sich mitfühlend gezeigt: „Ein Verkaufsleiter hat mich verhöhnt für das, was mir passiert ist.“

          Auch auf Kreditinstitute ist er nicht gut zu sprechen. „Banken rollen einem den roten Teppich aus, wenn die Geschäft wittern“, sagt er – doch einen Überbrückungskredit habe Corium nicht erhalten. Und: „Ein Banker, der mich gar nicht kannte, hat mir sogar gesagt: Sie glauben doch nicht, dass Ihnen noch jemand Geld gibt.“ So musste Blesius den Neustart „mit 6,70 Euro auf dem Konto“ angehen und Rohstoffe wie Emulsionen und Farben zuerst privat zahlen.

          „Neustart bisher ermutigend“

          Sein Insolvenzverwalter Jan Markus Plathner von der Frankfurter Kanzlei Brinkmann & Partner äußert allerdings ein gewisses Verständnis für allgemeine Zurückhaltung bei Kreditgebern, wenn jemand direkt aus der Insolvenz komme. Dessen ungeachtet billigt er der neuen Corium Chancen zu. Das Konzept sei in Ordnung. Der Geschäftserfolg hängt am Ende des Tages davon ab, ob Aufträge hereinkommen – und der Neustart verläuft bisher ermutigend, wie Plathner sagt, der zuletzt Darmstadt 98 saniert hat und dessen Kanzlei auch die insolvente Schweriner Watan Werft betreut.

          Aufträge arbeitet Blesius derzeit noch alleine ab. 600 Kilogramm sogenanntes Shoe-Finish, das dem fertigen Schuh erst den Glanz gibt, schafft er am Tag. Dafür mietet er von Plathner die alten Corium-Geräte. Von August an soll ihm ein früherer Mitarbeiter wieder zur Seite stehen. Ende August entscheiden dann die Gläubiger, denen er 60.000 Euro schuldet, ob sie das neue Konzept mittragen. Plathner rät dazu. Das Konzept eröffne die Chance, Einnahmen zu erzielen, von denen auch die Gläubiger etwas hätten. Für Blesius ist Weitermachen ohnehin ohne Alternative: Auf ihm lasten Kredite der alten Corium in Höhe von 300.000 Euro, die es zu tilgen gilt.

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