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„My Zeil“ : Ein Einkaufszentrum, das nur Freunde hat

Fensterputzer sorgen im neuen Zeil-Einkaufszentrum für Durchblick Bild: Wonge Bergmann

Es sind Tage, die sich die Frankfurter im Kalender rot anstreichen sollten. In der streitlustigen Stadt geschieht Großes – und niemand murrt. Von Kritik an dem einfallslosen Namen „My Zeil“ abgesehen, scheint das Einkaufszentrum, das morgen eröffnet wird, nur Freunde zu haben.

          Es sind Tage, die sich die Frankfurter im Kalender rot anstreichen sollten. In der stets streitlustigen Stadt geschieht Großes – und niemand zieht dagegen zu Felde. Von Kritik an dem einfallslosen englischen Namen „My Zeil“ abgesehen, scheint das Einkaufszentrum hinter dem Kaufhof, das morgen eröffnet wird, nur Freunde zu haben – anders als ähnliche Projekte nahe der Messe oder gar im Umland. „Ein Magnet für die Innenstadt“, schwärmt Philipp Keller, Chef des Haushaltswarengeschäfts Lorey gleich gegenüber. „Es tut der Innenstadt gut“, meint Ernst Schmid, geschäftsführender Gesellschafter der Hifi-Profis, wenige Meter weiter am Eschenheimer Turm. Frank Albrecht, Präsident des hessischen Einzelhandelsverbands, war sowieso von Anfang an ein Befürworter des sechs Stockwerke hohen Geschäftszentrums. Er ließ Taten folgen: Dass er dort eine Dependance seiner Parfümerie eröffnen würde, verkündete er schon vor drei Jahren.

          Manfred Köhler

          Stellvertretender Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und verantwortlicher Redakteur des Wirtschaftsmagazins Metropol.

          Die Hoffnung ist vor allem, dass die Frankfurter Innenstadt zusätzliche Kunden aus dem Umland anlockt. „Aus unserer Sicht hat das ,My Zeil‘ das Potential, täglich bis zu 70.000 Besucher aus dem gesamten Rhein-Main-Gebiet anzuziehen“, äußert Marc Afken, Geschäftsführer des Maklerunternehmens Kemper’s Jones Lang LaSalle. Denn die Zeil bekleidet unter den stärksten Einkaufstraßen Deutschlands zwar einen hervorragenden dritten Platz, und die Kaufkraft der Frankfurter liegt ein gutes Stück über dem Durchschnitt. Doch wenn in Studien verglichen wird, inwiefern die Großstädte der Bundesrepublik Umsätze mit Kundschaft aus dem Umland erzielen, schlägt Frankfurt gerade Berlin, bleibt jedoch hinter Hannover, Stuttgart, Düsseldorf, Köln und München zurück. Wer das Rhein-Main-Gebiet kennt, wundert sich nicht: Attraktive Innenstädte wie in Wiesbaden und gut gemanagte Einkaufszentren wie das in Sulzbach sind eine starke Konkurrenz.

          Standorte in Bewegung

          Tatsächlich könnte in den Wettbewerb der Standorte in der Region Bewegung zu kommen. Es scheint der niederländischen Bouwfonds MAB Development GmbH gelungen, in dem neuen Zentrum mit seinen nahezu 100 Geschäften nicht ausschließlich eine Vervielfältigung dessen zu bieten, was sich in den Fußgängerzonen ohnedies im Übermaß findet. Handelsketten wie The North Face und Peak Performance, die Outdoor- und Sport-Kleidung bieten, sind bisher nicht mit eigenen Geschäften in der Mainmetropole vertreten, Mustang eröffnet einen Flagship-Store, ebenso der französische Dessous-Anbieter Princesse Tam Tam.

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          In der Branche heißt es, viele solcher Anbieter hätten sich schon länger gerne in Frankfurt angesiedelt, doch sei ihnen die Zeil zu schlicht, die Goethestraße zu exquisit. Die Makler von CB Richard Ellis beklagten im vorigen Jahr ein geringes Angebot an modernen Handelsflächen in der Frankfurter Innenstadt; sie meinten sogar, nicht einmal mit dem neuen Einkaufszentrum lasse der Druck der Interessenten nach. Das war allerdings eine Aussage aus der Zeit vor der Rezession.

          Neu in Frankfurt ist mit Anson’s auch einer der beiden Ankermieter, der für die nötige Frequenz in dem Haus sorgen soll. Beim zweiten handelt es sich um Saturn; das Elektronikgeschäft vergrößert sich durch den Umzug aus seiner bisherigen Filiale an der Ecke von Zeil und Liebfrauenstraße beträchtlich. Ein großes Schuhgeschäft und eine Buchhandlung wird man in dem neuen Einkaufszentrum allerdings vergeblich suchen. Die Branchen könnten die Mieten, die Textilfilialisten aufzubringen imstande seien, nicht zahlen, heißt es. Dass die Frankfurter Innenstadt beim Kampf der großen Buchhandelsketten weiterhin außen vor bleibt, also namentlich Thalia Hugendubel weiterhin das Feld überlässt, darf inzwischen fast schon als Kuriosum gelten, zumal sich die Douglas-Gruppe, zu der auch Thalia zählt, sonst groß an der Zeil präsentiert.

          Beachtliche Investition

          Nun kann sich der Branchenmix in dem neuen Einkaufszentrum ändern, wenn sich die Nachfrage einzelner Geschäfte nicht entwickelt wie erhofft. Doch an der grundsätzlichen Konstruktion ist nichts zu drehen. Rewe und DM im Untergeschoss wird die Kundschaft sicherlich aufsuchen – aber wird sie sich ins zweite Obergeschoss zu den Sportgeschäften bemühen, in den dritten Stock zu Saturn, gar in den vierten, in dem sich erst die Imbißstände finden? Eine spektakuläre Rolltreppe von 50 Metern Länge soll den Weg nach oben erleichtern. Die Zeil-Galerie hat freilich gezeigt, dass vertikale Konzepte ihre Tücken haben, die Kunden sich schwer lenken lassen. Nicht zu beantworten ist auch die Frage, inwiefern das Einkaufszentrum dazu beiträgt, die Laufwege zu veränden. Neben dem Eingang an der Zeil soll es noch einen an der Großen Eschenheimer Straße geben. Das könnte Kunden in diese Straße lenken und weiter über Fußwege zur Schillerstraße, die sich von der Abschaffung der Straßenbahn 1986 niemals erholt hat.

          Noch bevor die Frage beantwortet ist, ob „My Zeil“ tatsächlich Kundschaft aus dem Umland anlockt, werden die neuen Geschäfte den Konkurrenzkampf in der Innenstadt verschärfen. Nach Angaben der Makler von Kemper’s Jones Lang LaSalle erhöht sich die Verkaufsfläche in der engeren Innenstadt, also der Zeil, der Freßgass’ und den benachbarten und abzweigenden Straßen, am Donnerstag mit einem Schlag um nahezu ein Viertel. Vor allem die Textilgeschäfte werden noch mehr als bisher um Kunden kämpfen müssen – und das in Zeiten der Wirtschaftsflaute. So wird sich zeigen, wie lange die allgemeine Freude über die beachtliche Investition anhält.

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