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Musikmesse : Musikbranche trotzt der Konkurrenz

Auf dem globalen Markt müssen sich Deutsche Instrumentenhersteller gegen Importe behaupten Bild: AP

Bei Aldi wird derzeit ein Schlagzeug für 279 Euro angeboten. Und damit ist schon viel über den Einbruch der Globalisierung in ein Idyll gesagt. Dennoch blickt die Branche auf der Frankfurter Musikmesse optimistisch in die Zukunft.

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          Bei Aldi wird derzeit ein Schlagzeug für 279 Euro angeboten. Und damit ist schon viel über den Einbruch der Globalisierung in ein Idyll gesagt. Denn natürlich kostet ein Schlagzeug beim Fachhändler ein Mehrfaches davon, und natürlich piesakt solch ein Billigangebot die Branche ungemein. Wäre es wenigstens so, dass die Teenies mit solch einem Instrument eine dauerhafte Liebe zur Musik entwickelten– aber nichts davon sei zu spüren, hieß es gestern in Frankfurt, wo sich die Branche aus Anlass der heute beginnenden Musikmesse vorstellte. Im Gegenteil. Wer einer Billig-Gitarre nur schräge Töne entlockt habe, weil ihr anderes selbst ein Meister seines Faches nicht abtrotzen könne, sei womöglich für die Musik auf immer verloren, hieß es.

          Manfred Köhler

          Stellvertretender Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und verantwortlicher Redakteur des Wirtschaftsmagazins Metropol.

          Und dabei ist es nicht nur die Konkurrenz aus Fernost, die den Herstellern von Musikinstrumenten zu schaffen macht. Auch der Musikunterricht. Der sei bescheiden, hieß es gestern, die zunehmende Verbreitung von Ganztagsschulen führe dazu, dass die Freizeit der Jugendlichen knapper werde, und dann würden auch noch Musikschulen klammer Gemeinden zu Gebührenerhöhungen gezwungen. Die Folge von alledem: „Nach wie vor stagniert die Zahl der musizierenden Deutschen bei etwa acht Prozent.“ So ließ es der Bundesverband der deutschen Musikinstrumentenhersteller gestern verlauten, nicht ohne anzufügen, in den Vereinigten Staaten und der Schweiz liege die Quote ein gutes Stück höher.

          „Wir konzentrieren uns auf das Profi-Segment“

          Zu den Unternehmen, die in einem solchen Markt bestehen müssen, zählt die Gebr. Alexander – Rheinische Musikinstrumentenfabrik GmbH, die seit 1782 in Mainz sitzt. 60 Frauen und Männer sind dort vor allem mit der Fertigung von Hörnern befasst. Das günstigte Modell ist für ungefähr 5000 Euro zu haben, aber der Kunde kann auch gut 14.000 Euro für ein Instrument anlegen. In diesem Marktsegment machen die Chinesen bisher keine Konkurrenz, wie Geschäftsführer Philipp Alexander sagt. Seinem Unternehmen schadet die Globalisierung nicht – sie hilft ihm: 68 Prozent des Umsatzes werden im Ausland erwirtschaftet. Der Preis für die Konzentration auf „Top-Profis“ ist freilich, dass der Markt überschaubar bleibt. Alexander spricht denn auch von einem nur leichten Umsatzwachstum in den vergangenen Jahren.

          Die Spezialisierung auf hochwertige Produkte ist auch für anderen Unternehmen der Branche das Mittel der Wahl, um in einer unübersichtlichen Welt zu bestehen. Zum Beispiel für die Schreiber & Keilwerth Musikinstrumente GmbH aus Nauheim – nicht Bad Nauheim, sondern Nauheim im Landkreis Groß-Gerau. Das Unternehmen hat nach Angaben seines Geschäftsführers Armin Eckert bei Klarinetten in Deutschland einen Marktanteil von 50 Prozent, und im vergangenen Jahr stieg der Umsatz allein bei diesem Instrument um nahezu ein Fünftel. „Wir konzentrieren uns auf das Profi-Segment“, sagt Eckert, doch die Konkurrenz aus Fernost hat er trotzdem ständig im Auge. Chinesische Saxophone seien schon bis ins mittlere Preissegment vorgedrungen, berichtet er, und die Instrumente seien auch einigermaßen gut.

          Es herrscht Zuversicht

          Entsprechend wird bei Schreiber & Keilwerth auf die Kosten geachtet. Die Produktion ist inzwischen komplett nach Sachsen verlagert worden, wo die Löhne niedriger sind. In Nauheim blieben nur 30 der 316 Mitarbeiter. Immerhin: Allein 2006 hat das Unternehmen nach Angaben des Geschäftsführers 40 Stellen geschaffen, weil mit der Produktion von Instrumenten für sogenannte British Brass Bands begonnen wurde. Nauheim bleibt dennoch ein wichtiger Ort der Branche: Von den 65 Mitgliedern des Verbands der deutschen Instrumentenhersteller stammt fast jeder Zehnte von dort, und stolz ist im Internet von der „Musikgemeinde“ die Rede. Nach dem Krieg hatten sich dort aus dem Egerland und dem Erzgebirge vertriebene Musikinstrumentenbauer angesiedelt.

          Alles in allem konnten die 65 Unternehmen in Deutschland, die zusammen gerade einmal 4300 Mitarbeiter haben, ihren Umsatz im vergangenen Jahr um 3,6 Prozent auf 410 Millionen Euro erhöhen, bei einem Exportanteil von durchschnittlich 64 Prozent. Es herrscht Zuversicht, dass sich trotz der Bedrohungen von vielen Seiten 2007 diese Entwicklung fortsetzt, und die Messe Frankfurt GmbH meldete gestern zufrieden, die Zahl der Aussteller sei in diesem Jahr so hoch wie nie. Auch die Musikverlage blicken optimistisch in die Zukunft, sie konnten ihre Umsätze 2006 um 1,6 Prozent steigern.

          Die Verlage leiden zwar darunter, dass partout nicht mehr Menschen ein Instrument spielen wollen und diejenigen, die zu Flöte oder Violine greifen, einigermaßen ungehemmt die Noten kopieren, statt sie zu kaufen. Aber als Lizenzträger profitierten die Unternehmen davon, dass Musik im Alltag allgegenwärtig ist – und sei es als Klingelton auf dem Handy. Mag die Jugend auch nur zögerlich zum Instrument greifen, in der verstümmelten Form auf dem Handy kann sie von Musik gar nicht genug bekommen. Die Gema als Verwertungsgesellschaft der Komponisten und Musikverleger hat im vergangenen Jahr 6,5 Prozent mehr ausgeschüttet als 2005, ein Rekord.

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