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Neue Vorgaben für Bauern : Mit roten Gebieten gegen zu viel Nitrat im Grundwasser

Nährstoff und Nitratquelle: Ein Bauer bringt Gülle aus. Bild: dpa

Mit der neuen Düngeverordnung will das Land Hessen der Belastung des Grundwassers mit Nitrat wirksamer begegnen. Das Regelwerk gibt Bauern neue Vorgaben. Vor allem eines stört die Landwirte.

          3 Min.

          Im Kampf gegen Nitrat im Grundwasser hängt Hessen bisher etwas hinterher. Während andere Bundesländer längst die Dünge-Vorgaben des Bundes vom Juni 2017 an die Landwirte in eigenes Recht gegossen haben, wartet Agrarministerin Priska Hinz (Die Grünen) erst jetzt mit einer Verordnung auf. Die gerade vom Kabinett beschlossenen Regeln treten nächste Woche in Kraft und stellen Bauern vor neue Herausforderungen. Denn das Land sieht fortan große sogenannte rote Gebiete vor. Dort gelten besondere Vorschriften zum Schutz des Grundwassers, deshalb dürfen Landwirte fortan nur noch eingeschränkt düngen.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Wie es beim Land heißt, müssen Wirtschaftsdünger vor dem Aufbringen auf Äcker auf ihren Stickstoffgehalt untersucht werden, auch dürfen die zulässigen Nährstoffüberschüsse an Gesamt-Stickstoff, je Hektar und Jahr seien das 40 Kilogramm, nicht überschritten werden. Außerdem müssen Bauern größere Abstände zu Gewässern beim Düngen einhalten, wie es heißt.

          Denn Nitrat gelangt unter anderem über Gülle und Festmist in den Boden. Der Bauernverband bekennt sich zwar zum Gewässerschutz, wie ein Sprecher sagt. Der Lobbyverband stößt sich aber an der Größe der roten Gebiete und befürchtet Nachteile für die Erträge und Qualität von Feldfrüchten wie Weizen, Gerste und Raps.

          50 Milligramm als Grenze

          „Die roten Gebiete sind sehr großzügig angelegt“, sagt der Sprecher. Das Wiesbadener Agrarministerium weise halb Südhessen sowie Teile der Wetterau und des Rheingaus als solche Zonen aus. „Da gelten massive Einschränkungen, die der Landwirtschaft weh tun.“ Ausschlaggebend für die Ausweisung seien Messergebnisse von Wasserproben. Mehr als 50 Milligramm Nitrat je Liter Wasser gelten als Anlass, eine rote Zone einzurichten. Diese Menge markiert den Grenzwert für Nitrat in der Trinkwasserverordnung des Bundes. Nitrat wird nach einer dänischen Studie mit Darmkrebs in Verbindung gebracht.

          „Wir sind für hohe Anforderungen an den Gewässerschutz; deswegen müssen diejenigen in die Pflicht genommen werden, die das Problem verursachen. Was wir brauchen, ist daher eine flächenbezogene Tierhaltung, die Vermeidung von Gülletourismus und vernünftige Regeln für die Aufbringung von Wirtschafts- und Mineraldüngern“, meint Ministerin Hinz.

          Aus Sicht des Bauernverbands weist das Land diese Gebiete aber zu pauschal aus. Begründung: „Es gibt es solchen Zonen auch Messstellen mit weniger als 50 Milligramm. „Da muss es eine stärkere Differenzierung auf Problemzonen geben“, fordert der Bauernverband. Zudem fordert er, die Ursachen zu erforschen, statt pauschal die Landwirtschaft ins Visier zu nehmen. Denn stark mit Nitrat belastet sind auch Regionen wie etwa Teile der Wetterau, in denen Bauern längst kein Vieh mehr halten. Auch nennt das Umweltbundesamt eine geringe Neubildung von Grundwasser, einen langsamen Grundwasserfluss oder besondere Bodenbeschaffenheit als Gründe für hohe Nitratwerte.

          „Wo soll die Gülle herkommen?“

          Im Rheingau gebe es vielerorts Schieferböden, die Nährstoffe kaum zurückhielten, ergänzt der Sprecher des Bauernverbands. Und: Im Großraum Frankfurt gebe es keine nennenswerte Schweinehaltung mehr, auch stehe dort kaum noch eine Kuh. „Wo soll denn da die Gülle herkommen? Dennoch haben wir stellenweise hohe Nitratwerte.“

          Quelle für Nitrat ist Stickstoff, den Pflanzen zum Wachsen brauchen. Bauern düngen bestimmte sogenannte Sonderkulturen wie Spargel, Salat und Brokkoli sogar noch kurz vor der Ernte, wie das Umweltbundesamt erläutert. Allerdings nehme das Gemüse nicht all diese Nährstoffe auf, weshalb sie ins Grundwasser durchsickerten.

          Bedarfsgerechte Düngung

          Andererseits säen Landwirte eigens Stickstoff liebende Zwischenfrüchte wie Klee und Senf aus. Sie helfen, den Eintrag von Nitrat im Grundwasser zu verringern. Nur: Auch sie brauchen Nährstoffe. „Denn nur eine gut ernährte Pflanze bildet ein starkes Wurzelwerk aus und kann viele Nährstoffe aufnehmen“, erläutert der Sprecher.

          Dessen ungeachtet düngten Bauern gemeinhin düngen bedarfsgerecht. Zu diesem Zweck lassen sie regelmäßig Bodenproben nehmen und auf den jeweiligen Nährstoffgehalt untersuchen. Manche Landwirte wie etwa Stefan Wagner vom Kronenhof in Bad Homburg nutzen dafür sogar zusätzlich Satellitentechnik. Wagner ist nach seinen Erfahrungen überzeugt, besser zu wirtschaften. „Ich spare Betriebsmittel ein und bin effizienter.“ Pauschal ein Fünftel unter dem Nährstoffbedarf der Pflanze zu düngen, wie es zusätzlich auf Bundesebene erörtert wird, dies wird zu kleineren und ertragsärmeren Pflanzen führen, wie der Bauernverband warnt. Dabei gehe es doch um Lebensmittel aus regionalem Anbau, die Verbraucher und Handel gerne forderten. „Eine sorgsame und bedarfsgerechte Düngung ist möglich, ohne dass wirtschaftliche Einbußen die zwingende Folge sind“, meint dagegen Hinz.

          Weiterer Druck aus Brüssel

          Die neue Landesverordnung dürfte allerdings nur ein Zwischenschritt sein. Denn die Europäische Union ist mit den Ergebnissen der deutschen Bemühungen um weniger Nitrat im Grundwasser unzufrieden. Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU) spricht sich deshalb für noch schärfere Düngeregeln aus. So sollen in über Gebühr mit Nitrat belasteten Gebieten Sperrzeiten für das Düngen auf Weiden und Wiesen um zwei Wochen auf vier Monate von Oktober bis Ende Januar ausgedehnt werden.

          Dabei müssen die Bauern schon jetzt sogenannte Güllelager ausbauen. Die Kosten belaufen sich je Hof mindestens auf eine namhafte fünfstellige Summe. Vor allem viele kleinere Betriebe könnten sich das aber kaum leisten. Auch deshalb setzt sich das Höfesterben fort, wie der Hessische Bauernverband mahnt.

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