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Mit Einfallsreichtum und Biobier : Der Kampf der kleinen Brauereien

Export-Bier: Diese Flasche aus Gießen ist nur für China bestimmt Bild: Röth, Frank

Der Bierabsatz sinkt. Im Wettbewerb mit den großen Marken setzen kleinere Brauereien aus Hessen gerne auf Heimatnähe. Besonders pfiffig sind zwei Betriebe, deren Vorläufer insolvent wurden.

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          Sonne, angenehme 25 Grad, eine leichte Brise und dazu die WM: Besseres Biergartenwetter als in diesen Tagen gibt es selten. Das spüren die Bierbrauer, ihr Absatz steigt. Doch das ist nur eine Momentaufnahme. Und sie ändert nichts an der Tatsache, dass das Brauergeschäft auch in Hessen immer anspruchsvoller wird. Seit 1976 geht der Absatz zurück. Ließ sich ein Biertrinker damals im Durchschnitt 151 Liter im Jahr schmecken, so waren es im vergangenen Jahr nur noch 107 Liter. Zuletzt sank der Absatz binnen Jahresfrist um zwei Prozent. Hinzu kam ein Preiskampf der sogenannten Fernsehbiere, also der großen Marken, mit dem kleinere Brauereien nicht mithalten können. Auch Bierbrauer in Rhein-Main und andernorts in Hessen tüfteln an Strategien, um sich auf dem umkämpften Markt zu behaupten. Das zeigt sich in neuen Produkten, die gar nicht mehr unbedingt Bier sein müssen.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Beispiel Pfungstädter: Zur Fußball-Weltmeisterschaft bieten die Südhessen ihre „Verlängerungsdose“ an. 13,5 Prozent mehr Inhalt versprechen sie je Dose – damit das Pilsner auch für die Nachspielzeit reicht. Das mutet wie ein Marketing-Gag an. Doch haben sich die Brauer nicht nur von dem Turnier in Brasilien inspirieren lassen: 2013 hat Pfungstädter ein Drittel mehr Dosenbier verkauft als im Jahr davor. Das Unternehmen hat zudem sein Sortiment um ein Getränk aus Gerstenmalz und Fruchtsaft ergänzt, genannt „Pfungtionell“. Dieses Lifestyle-Produkt soll zu weiteren Zuwächsen verhelfen. Dabei setzt die Brauerei auf die zwei Wachstumstreiber in der Lebensmittelbranche schlechthin: Nähe und Nachhaltigkeit. Mit dem Logo „Geprüfte Qualität Hessen“ auf Flaschen und Dosen zeigt sie ihre Verbundenheit mit der Region – und kennzeichnet das Erfrischungsgetränk durch zwei Biosiegel als Öko-Erzeugnis.

          Mit Bio können Bierbrauer Wachstum schaffen

          Bio ist auch das große Thema der Alsfelder Brauerei, die sich nach der Insolvenz im Herbst 2012 unter zum Teil anderer Führung gerade neu erfindet. Den Hauptabsatz macht das Unternehmen zwar noch mit den traditionellen Bieren – für Wachstum sorgen jedoch die „Alsfelder Naturburschen“. So nennt der Betrieb die sechs Biobier-Sorten, wobei er außer Pilsner, Radler und einem Bockbier auch ein malziges, schwarzes Porter anbietet. Schwiersch nimmt für sein Porter in Anspruch, dass es nicht ganz so süß wie die entsprechende Sorte von Konkurrenten sei. Hinzu kommen ein Dinkelbier („unsere Antwort auf Weizen“) und ein Bier aus der Urweizensorte Emmer, ein süffiges Produkt mit Seltenheitswert.

          „Bio ist eines der wenigen starken Wachstumsthemen in der Branche“, sagt Mitgesellschafter Jochen Schwiersch. Auch dem alkoholfreien Bier, das im vergangenen Jahr bundesweit auf 4,8 Millionen Hektoliter nach 4,3 Millionen Hektolitern 2012 gegen den allgemeinen Trend zulegte, will die Alsfelder Landbrauerei mehr Aufmerksamkeit widmen. Derweil erfreuen sich Schwiersch, seine Geschäftspartner und die 30 Mann starke Belegschaft über dreistellige Zuwächse mit Biobier – auch wenn die Ausgangsbasis naturgemäß noch schmal ist. Vertrieben werden die „Naturburschen“ bis hinunter nach Heidelberg. „Wir sind zufrieden“, sagt Schwiersch bescheiden – kämpft sein Betrieb bei den konventionellen Bieren doch mit den gleichen Schwierigkeiten wie fast jeder Konkurrent der Branche.

          Spezialitäten aus Hessen: Die Wiesecker Krone für China, das Weizen-Bock für die Region.

          Die Alsfelder wollen auch mit einem Pfund wuchern, das ihnen die Natur gegeben hat: Sie beziehen ihr Wasser aus dem Vulkangestein des Vogelsbergs - des „größten Wasserfilters in Europa“, wie Schwiersch sagt. Das klingt zunächst einmal nach Marketing-Sprech, ist aber nicht übertrieben. Der Vogelsberg ist der größte erloschende Vulkan in Europa und filtert das Wasser, das etwa als Regen auf den Boden dieser Region fällt. So braue Alsfelder sein Bier auch mit „mit“, sondern „aus“ Vogelsberger Wasser, Mineralwasser, um genau zu sein.

          Export nach Asien ein großer Erfolg

          In vielen hessischen Brauereien lässt man sich etwas einfallen. Die Schmucker-Brauerei im südhessischen Mossautal etwa verkauft ihren „Raubacher Jockel“ seit Mai in neuem Gewand. Bei Licher freut man sich über den guten Absatz des Kellerbiers „1854“, das in diesem Frühjahr in die Geschäfte kam.

          Die Privatbrauerei Gießen ist wie der Mitbewerber in Alsfeld aus einer Insolvenz heraus entstanden und steht unter erheblichem Wettbewerbsdruck durch die ungleich größeren Spieler Licher, Krombacher und Radeberger – „und wir sind mittendrin“, wie Geschäftsführer Klaus Nädler sagt. Doch schaut er, der früher für Coca-Cola und die Berliner Schultheiß-Brauerei gearbeitet hat, nicht nur auf den Heimatmarkt, auf den die Vorgängerbrauerei vor allem setzte. Sein Betrieb versteht sich als Anbieter von Spezialitäten wie das überregional vertriebene Porter und Whisky Lager. Er verdient auch Geld als Lohnbrauer für andere Branchenvertreter und für den Handel.

          Besonderen Erfolg haben die Gießener aber mit dem Export, womit nicht die Traditionssorte gemeint ist. Vielmehr geht die Hälfte des Ausstoßes ins Ausland und der Löwenanteil davon nach China; auch in Russland ist Bier dieser Privatbrauerei erhältlich. „Im November waren wir auf einer Messe in Schanghai – wir sind förmlich überrannt worden“, berichtet Nädler. Dort verkauft er ein Schwarzbier der nur in China erhältlichen Marke „Wiesecker Krone“. Tankwagenweise verlässt das Bier das Betriebsgelände im Gießener Stadtteil Wieseck, um in Holland in Halbliterdosen für den Export abgefüllt zu werden.

          Und bald ist Gießener Bier dort auch in kleinen Alu-Flaschen erhältlich. Diese Flaschen kann die Brauerei, anders als die Halbliterdosen, selbst befüllen. „Vor allem junge Chinesen sollen ganz wild auf solche Flaschen sein.“

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