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Minister Posch über das duale Studium : „Chance für Unternehmen und potentielle Arbeitnehmer“

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Der Halbleiterhersteller X-Fab in Erfurt kooperiert mit Hochschulen und ermöglicht ein duales Studium - so wie Unternehmen und Hochschulen in Hessen auch Bild: picture-alliance/ dpa

Eingeschrieben an der Uni, zugleich angestellt: Wer so lebt, absolviert ein duales Studium. Seit 2008 wird in Hessen dafür geworben, Wirtschaftsminister Dieter Posch (FDP) sagt im Interview, warum.

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          Eingeschrieben an der Uni, zugleich angestellt: Wer so lebt, absolviert ein duales Studium. Seit 2008 wird in
          Hessen dafür geworben, Wirtschaftsminister Dieter
          Posch (FDP) sagt im Interview, warum.

          Ihr Vorgänger Alois Rhiel hat 2008 eine Kampagne zur Förderung des Dualen Studiums aus der Taufe gehoben. Wie fällt nach einem Jahr die Bilanz aus?

          Die Resonanz auf das Projekt ist positiv. Die Kampagne richtet sich ja an unterschiedliche Zielgruppen: Schüler, Unternehmern, Anbieter von Studiengängen, Kammern. Das Duale Studium verbindet die Ausbildung an Hochschulen und Berufsakademien mit einer in einem Unternehmen, und es gibt auch den Fall der Verbindung von Studium und Berufstätigkeit. Binnen eines Jahres hat sich die Zahl der Teilnehmer um ein Drittel erhöht, auf derzeit rund 3000.

          Einer der Ansprüche des Programms ist es, vor allem die kleinen und mittleren Unternehmen als Kooperationspartner zu gewinnen und so auch den Standort Hessen zu stärken. Ist das gelungen?

          Wenn man die Zahlen auswertet, zeigt sich, dass die kleinen und mittleren Unternehmen sich angesprochen fühlen – aber nicht nur die. Gleichzeitig liegt es in der Natur der Sache, dass gerade diese Firmen nicht unbedingt auf die Idee kommen, dass es ein solches Projekt gibt. Da muss man sozusagen Angebotspolitik betreiben und Überzeugungsarbeit leisten. Die Universität Kassel etwa hat eine Koordinationsstelle Duales Studium eingerichtet, um genau diese, die kleineren Unternehmen, erreichen zu können.

          Wie schwer ist es überhaupt, Unternehmen in Krisenzeiten davon zu überzeugen, dass sie vorbauen sollen für späteren Fachkräftemangel ?

          Ich glaube, und das merke ich auch in Gesprächen mit Unternehmen, unabhängig von der Krise kennen die Firmen die demographische Entwicklung und wissen, dass sie Vorsorge betreiben müssen.

          Ist nicht die Motivation für Firmen, sich am Dualen Studium zu beteiligen, eher die, einen perfekt auf die eigenen Bedürfnis zugeschnittenen Mitarbeiter zu bekommen? Und ist es dann für Studienanfänger überhaupt sinnvoll, diesen Weg zu nehmen? Engen sie sich nicht ein?

          Eines schließt das andere nicht aus. Fachkräftemangel ist das eine, zusätzliche Qualifikation das andere. Firmen ist bewusst, dass wir nur mit Innovationen aus der Krise kommen. Innovative, neue Produkte wird man nur herstellen können, wenn die Mitarbeiter qualifiziert sind. Deshalb haben Firmen wie potentielle Arbeitnehmer jedes Interesse, zusätzliche Qualifikationen zu erreichen.

          Was würden Sie also einem jungen Menschen sagen, der heute vor der Entscheidung für einen Studiengang steht? Soll er eine duale Ausbildung beginnen?

          Das ist keine leichte Entscheidung. Wer sehr genau weiß, was er will und ein ganz bestimmtes Berufsbild hat, wird sich wohl eher nicht für ein duales Studium entscheiden. Prinzipiell würde ich aber dazu raten. Weil ein dualer Studiengang die einmalige Chance bietet zu prüfen, ob das, was einer macht, seinen Neigungen und Fähigkeiten entspricht. Es ist ein wichtiger Effekt, wenn ich sehe, ob das, was ich wissenschaftlich erlerne, meinen Ansprüchen in der Praxis entspricht.

          Noch einmal zurück zu der Perspektive eines Unternehmens. Warum sollen Firmen nicht abwarten und sich aus dem Pool derer, die sich um Stellen bewerben werden, die besten herauspicken?

          Ganz einfach: Weil sie zu spät kommen könnten. Das ist außerdem die gleiche Frage wie die, ob einer ausbilden soll oder nicht. Ich habe meine Probleme damit, wenn einer sagt: Ich bilde nicht aus, das lasse ich die anderen machen und suche mir dann die geeigneten Leute. Ich halte so etwas für eine verkürzte Denkweise. Denn ich bin prinzipiell der Auffassung, dass sich Ausbildung und berufliche Weiterbildung nicht nur am Unternehmensinteresse orientieren. Es besteht auch eine gesellschaftliche Verpflichtung, jungen Menschen eine Höchstmaß an Ausbildung zuteil werden zu lassen.

          In Hessen gibt es eine große Vielfalt dualer Studiengänge. Wäre eine Vereinheitlichung sinnvoll?

          Das ist gar nicht gewollt. Eine Verstaatlichung von Berufsakademien wie in Baden-Württemberg soll es in Hessen nicht geben. Wir sind gerade an der Vielfalt von Studenten interessiert, die sich für die duale Ausbildung entscheiden.

          Wir haben vorhin über die Zahl von jungen Menschen in dualen Studiengängen gesprochen. Es sind mehr als früher, sind es genug? Gibt es einen errechneten Bedarf, also Angaben darüber, wie viele es noch werden müssten oder sollten?

          Eine solche Prognose gibt es nicht, und ich weiß auch nicht, ob sie uns weiterhülfe. Nicht für jedes politische Handeln muss gleich Quantifizierung vorgenommen werden. Wir fördern die dualen Studiengänge, weil wir sie für eine gute Sache halten.

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