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Mindestlohn : Da wird der Landwirt zum Papierwirt

Wertarbeit: Auch Spargelstechern steht ein Mindestlohn zu, der aber noch niedriger als in anderen Branchen ist. Bild: Burkert

Bauern müssen ihren Erntehelfern erstmals einen Mindestlohn zahlen. Spargelanbauer schauen deshalb mehr denn je auf die Preise. Und der Bauernverband wettert über ein „Bürokratiemonster“.

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          Willi Billau schaut sich seine Erdbeerfelder in diesen Tagen noch genauer als in den vergangenen Jahren an. Weil die Temperaturen in den zurückliegenden Wochen recht niedrig waren, hat sich die Blütezeit der Pflanzen länger als gewöhnlich hingezogen. „Spannend“ findet er es abzuwarten, „was die Erdbeeren machen“. Billau hofft, dass sie nicht schlagartig reife Früchte zuhauf zeigen. Erdbeeren verderben schnell und müssen alsbald geerntet werden, wenn sie rot sind.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Dafür ausreichend Arbeitskräfte zu haben könnte sich dieses Jahr als besondere Herausforderung erweisen. Ackern seine Erntehelfer doch schon auf den Spargelfeldern - und rund um diese Arbeit ist einiges anders als noch vor einem Jahr. Der Grund ist der Mindestlohn.

          Mindestlohn von 7,40 Euro in der Landwirtschaft

          Erstmals haben Erntehelfer Anspruch auf ein Mindesteinkommen; 15.000 sind laut Bauernverband jährlich in Hessen im Einsatz. Ob ein Helfer in Hessen wohnt oder aus dem Ausland anreist, ist egal. Die Lohnhöhe ist ebenfalls dieselbe. Die Landwirte müssen 7,40 Euro in der Stunde zahlen, während in anderen Wirtschaftszweigen 8,50 Euro gelten, wie etwa bei den Bäckern.

          Die Landwirte und die Arbeitnehmervertreter nutzen dabei die im Mindestlohngesetz geregelte Übergangszeit, in der die Untergrenze von 8,50 Euro unterschritten werden darf, sofern ein Tarifvertrag dies vorsieht. In mehreren Schritten steigt der Mindestlohn an; im Herbst 2017 werden dann 9,10 Euro fällig. „Mit dem Mindestentgelt bekämpfen wir Stück für Stück Dumpinglöhne“, heißt es bei der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt.

          Höhere Lohnkosten über höhere Spargelpreise herausholen

          Willi Billau, der nahe Lampertheim unter anderem auf acht Hektar Spargel und auf sechs Hektar Erdbeeren anbaut, macht seine eigene Rechnung auf. Der Mindestlohn sei ein planwirtschaftliches Element, das eingeführt worden sei, weil es in Frankreich und den Niederlanden ähnliche Lohnuntergrenzen gebe. Er müsse sich aber am hiesigen Markt bewähren. „Mit den vor drei Jahren mit der Gewerkschaft vereinbarten 6,40 Euro in der Stunde sind wir gut hingekommen, mit den sieben Euro im vergangenen Jahr auch noch“, berichtet er. Und wie kommt er mit 7,40 Euro zurecht? „Wir müssen abwarten, wie die Saison verläuft.“

          Dabei darf der Mindestlohn in seiner finanziellen Wirkung nicht unterschätzt werden. Billau beschäftigt 40 Erntehelfer aus Polen und Rumänien und zahlt im Jahr einen niedrigen sechsstelligen Betrag an Löhnen, wie er sagt. Da machen 40 Cent mehr in der Stunde als noch 2014 in der Summe einen fünfstelligen Betrag aus. Der will erst einmal erwirtschaftet sein.

          Den nun zu zahlenden Lohnaufschlag würde er gerne am Markt herausholen. Momentan scheint das zu klappen: Das Kilogramm bester Spargel koste zwischen elf und zwölf Euro und damit etwas mehr als vor Jahresfrist. Wobei Spargelanbauer diese Preisspanne nur in der Direktvermarktung erzielen und nicht über den Großhandel, wie es heißt. Sollte Spargel infolge warmer Witterung vermehrt angeboten werden, gingen die Preise zurück.

          Bürokratie und Zettelwirtschaft sei das Schlimmste

          Eine Wärmeperiode hätte für Spargel- und Erdbeerbauern aber ganz andere Folgen: Anders als früher könnten sie Erntehelfer nicht mehr auf dem Feld lassen, wie es ihnen zusagt. Mehr als 48 Stunden in der Woche seien nicht möglich, weil die Behörden stärker auf Arbeitszeiten achteten, heißt es in der Branche. Zwar könne die Arbeitszeit auf Antrag ausgeweitet werden, doch müsse später freie Zeit her.

          Dazu sagt ein Sprecher des Zolls in Darmstadt, die Beamten leisteten derzeit noch vor allem Aufklärungsarbeit. Sie schauten, ob jeder die neuen Regeln verstanden habe. Verstöße seien nicht bekanntgeworden. Für die Arbeitsagentur ist der Mindestlohn in der Landwirtschaft laut Sprecherin kein Thema mehr. Erntehelfer aus Osteuropa könnten Arbeitgeber in Europa längst frei wählen.

          Doch schauen die Bauern nicht nur auf den Mindestlohn an sich, sondern auch auf die mit ihm verbundene Bürokratie. „Was uns stört, ist die Zettelwirtschaft“, heißt es beim Anbieter Wetterauer Früchtchen in Münzenberg. Bauernpräsident Friedhelm Schneider spricht sogar von einem „Bürokratiemonster“. Denn nun müssten auch Familienbetriebe für alle Erntehelfer, die Kost und Logis als Sachleistung erhielten, Miet- und Bewirtungsverträge abschließen.

          Zudem sei die Auszahlung regelmäßig zu quittieren, obwohl Saisonarbeiter aus Sicherheitsgründen ihr Geld lieber zur Abreise hätten. Praxisfern sei die Pflicht, Arbeitszeiten aufzuzeichnen und Familien vorzuschreiben, wie diese helfende Verwandte zu entlohnen hätten. „Es kann doch nicht Ziel sein, uns Landwirte von unserer eigentlichen Tätigkeit, der Nahrungsmittelerzeugung, abzuhalten“, hat Schneider Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) per Brief wissen lassen.

          Und die Chefin des Landfrauenverbands, Hildegard Schuster, mahnt: „Der Landwirt ist doch kein Papierwirt.“ Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Die Grünen) zeigt sich derweil zuversichtlich, „dass sich auch hier der Umgang mit dem Mindestlohn im Sinne aller Beteiligten einspielen wird“.

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