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MG Technologies : Zum Jahreswechsel wird der Konzern Frankfurt verlassen

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Jetzt geht es ganz schnell: Schon zum Jahreswechsel wird die MG Technologies AG Frankfurt verlassen und nach Bochum umziehen. Damit wird eines der letzten großen Industrieunternehmen Frankfurts seine ...

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          Jetzt geht es ganz schnell: Schon zum Jahreswechsel wird die MG Technologies AG Frankfurt verlassen und nach Bochum umziehen. Damit wird eines der letzten großen Industrieunternehmen Frankfurts seine Hauptverwaltung verlagern, nachdem schon Hoechst in Aventis mit Sitz in Straßburg aufgegangen und die Degussa nach Düsseldorf gewandert ist. Mit dem Wegzug der MG Technologies AG verläßt jedoch ein Unternehmen die Stadt am Main, das mehr als viele andere die Stadt geprägt hat. Wilhelm Merton, der Gründer der Metallgesellschaft - sie änderte ihren Namen erst vor vier Jahren -, war in Frankfurt in vielfacher Weise als Mäzen tätig. Er hatte unter anderem großen Anteil an der Gründung der Johann Wolfgang Goethe-Universität zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

          Bei der letzten Bilanzpressekonferenz gestern im derzeitigen Unternehmenssitz an der Bockenheimer Landstraße bestätigte Udo Stark, der Mitte vergangenen Jahres Kajo Neukirchen als Vorstandsvorsitzenden abgelöst hatte, daß die MG Technologies AG zur Gea AG am Bochumer Stadtrand umziehen wird. Es ist die naheliegende Folge des bevorstehenden Konzernumbaus: Wenn die MG, wie beabsichtigt, noch in diesem Jahr ihre beiden Chemie-Töchter Dynamit Nobel und Solvadis verkauft, wird die Gea vier Fünftel zur Wertschöpfung der MG beitragen, während auf die Lurgi, Lurgi Lentjes und Zimmer, jene drei Unternehmen, die sich mit Großanlagenbau befassen, nur der deutlich kleinere Teil entfallen wird.

          Das Unternehmen ist also - wieder einmal - in einem Umbruch, und selbst wenn die Holding nicht umzöge, so hätte der Konzern doch nur noch wenig mit dem gemein, was die Metallgesellschaft über Jahrzehnte einmal ausmachte. Der Metallhandel, mit dem alles einmal angefangen hatte, war schon in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, in der Ära Neukirchen, hergegeben worden.

          Gleichwohl wird sich die MG nicht völlig aus dem Ballungsraum Frankfurt zurückziehen. Die Zahl der Beschäftigten des Konzerns im Rhein-Main-Gebiet wird auch nach dem Wegzug der Holding aus dem Frankfurter Westend noch mit 1700 angegeben. Das ist weitaus mehr, als durch den Umzug verloren geht, denn bei der Holding arbeiten schon jetzt nur noch gut 100 Frauen und Männer, von denen allerdings nur etwa die Hälfte ein Angebot bekommen wird, nach Bochum umzuziehen; die anderen Stellen sollen abgebaut werden. In Frankfurt bleibt unter anderem die Lurgi, die in jenem Stadtteil sitzt, mit dem der Unternehmensgründer geehrt wird: dem Mertonviertel im Norden. Die Lurgi zählt freilich wie Lurgi Lentjes und Zimmer zu den Sorgenkindern des Konzerns. Der Großanlagenbau, mit dem sie sich befassen, hat im vergangenen Jahr zusammengenommen keinen Gewinn erwirtschaftet.

          "Im Großanlagenbau kommen wir bei der angestrebten Rückkehr in die Gewinnzone gut voran", äußerte Stark gestern. Dies soll unter anderem durch eine Neuorganisation der Unternehmen, zu der auch eine Auflösung der Zwischenholdings zählt, erreicht werden. Zufrieden berichtete Stark außerdem von einer Reihe von Großaufträgen für Lurgi Lentjes. Unter anderem soll die Firma eine Müllverbrennungsanlage in Belgien bauen. In Frankfurt erhielt das Unternehmen den Zuschlag zur Erneuerung der Abfallverbrennungsanlage und des Heizkraftwerks in der Nordweststadt. Zu Lurgi hieß es, im Ergebnis vor Steuern in Höhe von minus 75,7 Millionen Euro seien Sonderbelastungen von 40 Millionen eingearbeitet; zusätzlich belastet werde das Ergebnis durch die schwache Nachfrage und einen verzögerten Auftragseingang. Allerdings sei ein Großauftrag in Iran unterzeichnet. Hoffnungen macht sich das Management von einem Ausbau des Methanolgeschäfts. 2005 soll der Großanlagenbau wieder schwarze Zahlen schreiben.

          Besser entwickelt sich die Gea, ein 1920 als Gesellschaft für Entstaubungs-Anlagen in Bochum gegründetes Unternehmen, das heute Spezialmaschinen vor allem für die Lebensmittelindustrie herstellt. So wird ein Drittel der Weltproduktion an Instantkaffee mit Gea-Anlagen produziert, drei von zehn Litern Milch, die irgendwo auf der Erde getrunken werden, sind zuvor durch Maschinen des Unternehmens geflossen. Die Gea erwirtschaftete ein Ergebnis vor Steuern in Höhe von 196,7 Millionen Euro und lag damit fast gleichauf mit Dynamit Nobel, das auf 187,7 Millionen Euro kam. Alles in allem entstand beim Konzern ein Ergebnis vor Steuern in Höhe von minus 240,7 Millionen Euro und ein Jahresfehlbetrag in Höhe von 198,6 Millionen Euro.

          Wilhelm Merton machte die Metallgesellschaft nach deren Gründung 1881 rasch zu einem führenden Konzern, der die Erschließung von Erzvorräten vorantrieb und damit die Schwerindustrie versorgte, die wichtigste Branche in der Hochphase der Industrialisierung. In den neunziger Jahren des 19. Jahrhundert gründete Merton in Frankfurt das bis heute bestehende Institut für Gemeinwohl, aus dem unter anderem das ebenfalls noch tätige Institut für Sozialarbeit hervorging, das sich in vielfältiger Weise um die älteren Menschen in der Stadt kümmert. 1901 hatte er dann maßgeblichen Anteil an der Schaffung der Akademie für Sozial- und Handelswissenschaften, Keimzelle der späteren Hochschule. "Wilhelm Merton war ein glänzender Geschäftsmann", äußerte der Frankfurter Historiker Notker Hammerstein einmal, aber "nie vergaß er dabei, daß es Menschen waren, die ihm und seinen Unternehmungen dienten und zum Erfolg verhalfen, daß es darum gehen müsse, auch deren Lebensumstände, Nöte und Hoffnungen kennenzulernen und ernst zu nehmen." Manfred Köhler

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