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Familienunternehmen Messer : „Wir bauen unsere erste Wasserstoff-Anlage in Deutschland“

Gasmann: Stefan Messer im Firmenmuseum in Bad Soden. Bild: Wolfgang Eilmes

Mit dem Finanzinvestor CVC übernimmt die Messer Group eine Reihe von Gase-Werken in Amerika. Doch investiert das Familienunternehmen auch hierzulande, wie Inhaber Stefan Messer sagt.

          Nach der Übernahme von Standorten des Konkurrenten Linde in Amerika wird Ihre Messer Group noch globaler. Zudem führen Sie als geschäftsführender Gesellschafter fortan den größten deutschen Industriegase-Hersteller. Ist das aus Ihrer Sicht eine besondere Sache für ihre Messer Group?

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Hauptsache ist für mich, dass unser Geschäft gut läuft. Aber ich bin schon stolz darauf, dass wir in unserer Branche weltweit das größte Familienunternehmen bleiben und diese Position nun noch sehr stark ausbauen können. Dessen ungeachtet meine ich, Linde ist nach wie vor ein deutsches Unternehmen, auch wenn sie vor allem ausländische Anteilseigner haben, der Sitz formal nun in Irland ist und die operative Führung in Amerika sitzt. Aber Linde ist ja in Deutschland gegründet worden. Dennoch kann man sagen, Messer ist jetzt das weltweit größte Industriegase-Unternehmen mit Sitz in Deutschland.

          Die Vorläuferfirma der Messer Group, Messer Griesheim, war in Amerika aktiv. Verwirklichen Sie mit der Übernahme einen unternehmerischen Traum?

          Wir wären auch ohne diese Übernahme weiter schön gewachsen. Aber diese Akquisition ist schon eine einmalige Gelegenheit, und ich bin sehr froh, dass wir wieder in den Vereinigten Staaten und in den anderen Ländern Fuß fassen. Das ist schon toll. Wir sind auf allen relevanten Märkten der Welt vertreten.

          Kommen nun ehemalige Standorte von Messer Griesheim, die ihre Familie vor 15 Jahren abgeben musste, um die Firma zwei Finanzinvestoren abzukaufen, auf Umwegen zurück zu Ihnen?

          Nein, unsere früheren Standorte haben wir damals an Air Liquide verkauft. Jene, die wir nun übernehmen, sind Standorte von Linde und der BOC Group aus Großbritannien, die 2006 von Linde gekauft wurde.

          Seinerzeit ging auch Ihr Deutschland-Geschäft an Air Liquide. Seit 2007 ist Messer aber wieder hierzulande aktiv. Wie groß ist diese Tochterfirma mittlerweile, und wie macht sie sich?

          Wir haben im vergangenen Jahr mit etwa 100 Mitarbeitern einen Umsatz von rund 60 Millionen Euro erzielt. Diese Gesellschaft ist sehr profitabel. Wir haben zwei Standorte in Salzgitter und Siegen, wo wir Stahlhersteller mit Gasen aus unseren Luftzerlegungsanlagen beliefern. Bald kommen Anlagen an zwei weiteren Orten hinzu.

          Was planen Sie im Einzelnen?

          Wir bauen eine Luftzerlegungsanlage in Speyer, um dort das Unternehmen Isover, ein Tochterunternehmen der Saint- Gobain-Gruppe, zu beliefern. Isover stellt dort Glaswolle her. Außerdem errichten wir eine Wasserstoff-Anlage in Castrop-Rauxel. Abnehmer des Wasserstoffs wird Rütgers Germany sein, eine Tochtergesellschaft der Rain Carbon Inc., die dort spezielle Harze für Klebefolien herstellt. Sie braucht Wasserstoff, um diese Harze zu hydrieren. Es ist unsere erste Anlage dieser Art in Deutschland.

          Wann fahren Sie diese Anlage an?

          Sie soll im dritten Quartal in Betrieb gehen. Das Deutschland-Geschäft wird also nicht untergehen, auch wenn es mit den neuen Standorten in Amerika künftig zu unserem mit CVC für die Übernahme ins Leben gerufenen Joint Ventures Messer Industries GmbH gehört. CVC sieht selbst großes Potential für unsere Deutschland-Tochter.

          Sie wollen erklärtermaßen die Messer Industries GmbH „in wenigen Jahren“ vollständig in die Messer Group eingliedern. Finanzinvestoren bleiben gemeinhin fünf bis acht Jahre an Bord. Gilt das auch für CVC in diesem Fall?

          Vielleicht gliedern wir Messer Industries auch ein bisschen schneller ein, das werden wir sehen. Wir verfügen aber über eine sogenannte Call-Option, die uns das ermöglicht.

          Messer künftig noch globaler

          Für die Übernahme von Amerika-Standorten des erheblich größeren Konkurrenten Linde hat die Messer Group mit dem Finanzinvestor CVC extra das Gemeinschaftsunternehmen Messer Industries GmbH gegründet. In diese Firma ist der wesentliche Teil des Westeuropa-Geschäfts von Messer mit rund 830 Mitarbeitern und einem Umsatz von 339 Millionen Euro eingeflossen, von denen etwa 60 Millionen Euro auf die deutsche Landesgesellschaft entfallen. Messer war bisher schon in Amerika präsent, aber nur in Peru.

          Diese gemessen am Umsatz kleine Tochter hat Messer vor einem Jahr verkauft. Die Messer Group ohne das Westeuropa-Geschäft zählt 5000 Mitarbeiter und steht für einen Jahresumsatz von etwas mehr als einer Milliarde Euro. Die anteilig meisten Beschäftigten – 2140 – hat der Konzern in China. Die dortige Tochter trägt 500 Millionen Euro zum Umsatz bei, mehr als jede andere Region. Der Konzernsitz der Messer Group befindet sich in Bad Soden. (thwi.)

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