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Merz Pharma im Wandel : Schönheit statt Alzheimer

Aufwärts: Laut Merz-CEO Philip Burchard bewährt sich der Strategiewechsel von ethischen Arzneimitteln hin zu medizinischen Beauty-Produkten Bild: Henner Rosenkranz

Merz Pharma setzt verstärkt auf Beauty-Produkte wie Faltenfüller und spezielle Ultraschallgeräte, will in Amerika und Asien weiter wachsen und wirbt mit einem berühmten Model. Dabei spielen Social Media eine wichtige Rolle.

          3 Min.

          Philip Burchard jettet viel geschäftlich in der Welt umher. Seit vergangenem Herbst weilte er unter anderem in Amsterdam und Singapur, in Paris und Kopenhagen, in Mexico-City und Berlin. Burchard lässt seine Follower auf dem Kurznachrichtendienst Twitter regelmäßig an seinen Reisezielen teilhaben. Das aber nicht aus Eitelkeit: Vielmehr spiegelt jeder seiner Tweets den Wandel des von ihm geführten Familienunternehmens Merz Pharma wider. Denn in so gut wie jeder seiner meist mit Bildern garnierten Nachrichten lässt Burchard das Wörtchen „aesthetics“ fallen. Und wenn nicht, spricht der sportliche Manager von „aesthetic medicine“. Seine Vorgänger redeten dagegen viel über Alzheimer. Das macht Burchard nur noch am Rande. Aus guten Gründen.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Jahrelang haben die für ihre Tetesept-Produkte und Spezial-Dragees bekannte Frankfurter Firma und ihre Vertriebspartner Hunderte Millionen Euro im Jahr mit der Alzheimer-Arznei Axura umgesetzt. Allerdings ist das Patent für das Mittel in den Vereinigten Staaten und in Europa als den beiden wichtigsten Märkten längst ausgelaufen. In der Folge hat Merz viel Umsatz an die Hersteller von Nachahmerprodukten verloren. „Und der Umsatz sinkt weiter“, berichtet Burchard. Die Hoffnung, einen Wirkstoff gegen Ohrklingeln (Tinnitus) herausbringen zu können, zerschlug sich im Jahr 2011, ausgerechnet in der entscheidenden Forschungsphase.

          Faltenfüller und Ultraschallgeräte

          Der Mittelständler stand vor der Alternative, entweder weiter viel Geld in die riskante Pharmaforschung zu stecken oder fortan ein anderes Geschäftsfeld zu stärken. Merz entschied sich für die zweite Variante. Denn in jenen Tagen verfügte das Unternehmen schon über ein Mittel gegen die dauerhafte Verkrampfung von Muskeln und hatte den größten Zukauf seiner Firmengeschichte hinter sich: Für rund 250 Millionen Dollar ging zweieinhalb Jahre vor Burchards Amtsantritt ein amerikanischer Hersteller von Faltenfüllern und chirurgischen Klebstoffen zum Lifting der Augenbrauen an Merz über.

          Siebeneck: Das Logo von Merz am Stammsitz-Gebäude in Frankfurt

          Im Jahr 2014 folgte für 600 Millionen Dollar die ebenfalls in den Vereinigten Staaten ansässige Firma Ulthera. Diese Tochtergesellschaft stellt Medizingeräte her, die das Dekolleté, die Augenbrauen oder auch den Hals liften – allerdings nur mit Ultraschall. Das geschieht, indem die Schallwellen die Produktion des körpereigenen Collagens anregen und für mehr Fülle unter der Haut sorgen. Das Verfahren dazu nennt sich Ultherapy.

          Wie Burchard sagt, geht die Rechnung mittlerweile auf. Die Merz-Familie stehe voll hinter der Beauty-Strategie. Der Gesamtumsatz bewege sich leicht über der Marke von einer Milliarden Euro im Jahr, obwohl das Alzheimer-Mittel weiter an Boden verliere. Für das vergangene Geschäftsjahr hat Merz Pharma berichtet, der ehemalige Umsatzschlager habe nur noch 122 Millionen Euro eingebracht. Vor gut einem Jahrzehnt beliefen sich die gesamten Erlöse damit auf mehr als eine Milliarde Dollar. Die Beauty-Produkte und andere Gesundheitsmittel füllen nun die Lücke.

          Billy Joels Ex als Werbepartnerin

          In Amerika hilft den Frankfurtern ein bekanntes Gesicht. Das Model Christie Brinkley, frühere Gattin des Musikers Billy Joel, wirbt sowohl für Ultherapy als auch für ein Botulinumtoxin von Merz gegen Falten. Im Januar haben beide Partner erst eine neue Kampagne für Ultherapy gestartet, aus Anlass des 65. Geburtstags von Brinkley. Das Ziel ist klar: Andere Frauen sollen wie Brinkley ihrer Schönheit auf die Sprünge helfen und sich dafür nicht schämen müssen. Und eines weiß Burchard nach eigenen Worten: Längst nicht jede und jeder befürwortet solche Hilfsmittel für frisches Aussehen.

          Das gilt selbst in einer Zeit, in der sich ungezählte Frauen und Männer auf der Internetplattform Instagram inszenieren. „Dabei geht es meist um eines: Aussehen, Aussehen, Aussehen“, sagt Burchard. So nutzt Merz die Social-Media-Kanäle auch ausgiebig für seine Zwecke, auch wenn das ordentlich Geld kostet, wie der Vorstandschef berichtet. In diesem Rahmen bediene sich die Firma auch sogenannter Influencer, das sind vornehmlich Frauen, die sich im Internet als Testerinnen von Produkten einen Namen gemacht haben und eine große Anhängerschar haben.

          „In Brasilien noch zu klein“

          Nach den Worten Burchards wächst die Beauty-Sparte von Merz als Kerngeschäft an vielen Orten auf der Welt. Allerdings sieht der Chef sowohl in Brasilien („Da sind wir noch zu klein“) als auch in China und Japan noch Luft nach oben. Ebenso in den Vereinigten Staaten und in Ländern im arabischen Raum, wo viele Frauen sehr viel Wert auf ihr Aussehen legen. Die medizinischen Beauty-Produkte erforscht Merz in seinem Zentrum am Riedberg in Frankfurt. Sie unterliegen zwar keinem Patentschutz – allerdings sind sie auch nicht leicht nachzuahmen. Ein Vorteil für Merz.

          Frankfurter Familienunternehmen

          Merz Pharma ist ein Familienunternehmen mit Sitz in Frankfurt an der Eckenheimer Landstraße. Der Konzern ist weltweit aktiv und konzentriert sich seit einigen Jahren auf medizinische Beauty-Produkte wie Faltenfüller, Botox-Konkurrenten und Ultraschall-Geräte zur Stimulierung der körpereigenen Collagenproduktion. Hinzu kommen Botulimuntoxine gegen dauerhafte Verkrampfungen von Muskeln (Schiefhals) und freiverkäufliche Gesundheits- und Pflegeprodukte wie die Spezial-Dragees und Erzeugnisse der Tetesept-Linie. Vor der Umsteuerung in Richtung Aesthetics hatte Merz vor allem mit einem patentgeschützten Alzheimer-Mittel viel Geld verdient. Zudem gehörte der Schreibgerätehersteller Senator jahrzehntelang zum Konzern. Merz zählt weltweit etwa 3150 Mitarbeiter, davon rund 700 am Stammsitz. Der Jahresumsatz belief sich zuletzt auf 1,024 Milliarden Euro, der operative Gewinn betrug 93 Millionen Euro und der Barmittelzufluss gut 200 Millionen Euro. (thwi.)

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