https://www.faz.net/-gzg-a45bd

Merck-Chef Stefan Oschmann : Schluss mit Jogginghose

Sieht auch positive Corona-Effekte: Merck-Chef Stefan Oschmann Bild: Marcus Kaufhold

Die 107. Folge der „Wirtschaftsgespräche am Main“ ist die erste nach der Corona-Pause – und findet in der Jahrhunderthalle statt. Dort berichtet Merck-Chef Oschmann, was er aus der Krise gelernt hat.

          4 Min.

          Janis Joplin, Jimi Hendrix, The Doors. Annegret Reinhardt-Lehmann kommt ins Schwärmen. Echte „Gänsehautmomente“ seien das gewesen, erinnert sich die Geschäftsführerin der Wirtschaftsinitiative Frankfurt/Rhein-Main, als sie diese Musiker einst in der Jahrhunderthalle in Frankfurt-Höchst erlebte. Für solch einen Gänsehautmoment werde doch sicher nun auch der Merck-Vorstandschef Stefan Oschmann sorgen, oder?

          Falk Heunemann

          Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Dabei sorgt schon die 25 Meter hohe Jahrhunderthalle selbst für solch einen Moment. Denn in diesen Ort traut sich nach sieben Monaten Unterbrechung die Wirtschaftsinitiative zu einem Wirtschaftsgespräch einzuladen. Zur Sicherheit wurden die diesmal nur rund 50 Gäste – darunter etwa der Bankier Friedrich von Metzler, Frankfurts Polizeipräsident Gerhard Bereswill und Matthias Martiné, Vorstandssprecher der Darmstädter Volksbank – nicht im Interconti-Hotel in Frankfurt, sondern in der weitaus luftigeren Jahrhunderthalle empfangen.

          „Wir Darmstädter sind ja immer ein bisschen eingeschüchtert, wenn wir in die große Stadt kommen“, kokettiert Merck-Manager Oschmann angesichts dieser geräumigen Atmosphäre. „Jetzt erst recht.“Dabei kennt er die Halle ganz gut, weniger freilich von Rockkonzerten, sondern von den alljährlichen Hauptversammlungen. Die diesjährige allerdings hatte der Dax-Konzern als Livestream abgehalten.

          Vor einer, wenn auch kleinen Menschenmenge zu stehen sei für ihn inzwischen ungewohnt, sagt Oschmann. In Corona-Zeiten habe man sich schnell an Videokonferenzen gewöhnt, „oben Blazer, unten Jogginghose“. Wo er den Zweireiher mit Nadelstreifen für solche offiziellen Anlässe findet, hat er aber offensichtlich doch noch nicht vergessen.

          Profiteur der Krise

          Dresscodes sind aber noch das wenigste, was sich bei Merck durch die Covid-19-Pandemie geändert hat, ein Pharmaunternehmen, das nun das größte in Deutschland ist, größer also als die einstigen Konkurrenten Bayer und BASF. „Wobei die beiden uns ein bisschen entgegengekommen sind“, wie Oschmann über deren Kurseinbrüche frotzelt.

          Tatsächlich gilt Merck als Profiteur der Krise, im ersten Halbjahr hatte das Unternehmen ein Umsatzplus von zehn Prozent verzeichnet, wenn auch zum Teil durch Firmenübernahmen. „Uns hat die Krise nicht überrascht“, sagt der 63 Jahre alte Würzburger, der zusammen mit dem Microsoft-Gründer und Milliarden-Spender Bill Gates schon vor Jahren vor einer möglichen weltweiten Pandemie gewarnt hat. „Die Frage war nie, ob sie eintritt, sondern wann.“

          Der Konzern hat sich gleich in mehreren Geschäftsfeldern auf die Pandemie eingestellt. Der Pharmabereich zum Beispiel arbeitet an einem Mittel zur Behandlung von Patienten mit Covid-19-Lungenentzündung. Der Bereich Life Science ist Dienstleister für rund 50 Pharmaunternehmen, die an Impfstoffen und Arzneien forschen. „Wir haben da eine ähnliche Rolle wie der Zulieferer Bosch für die Automobilindustrie“, erläutert Oschmann. Und die Sparte Performance Materials liefere den Grundstoff für Halbleiter und Displays, nach denen die Nachfrage durch den Trend zu Homeoffice und virtuellen Konferenzen drastisch gestiegen ist.

          F+ FAZ.NET komplett

          Vertrauen Sie auf unsere fundierte Corona-Berichterstattung und sichern Sie sich 30 Tage freien Zugriff auf FAZ.NET.

          Jetzt F+ kostenlos sichern

          Diese Veränderungen werden die Arbeitswelt auch nach Ende der Pandemie prägen, wie der Merck-Chef meint – wenn auch nicht so umfassend, wie es mitunter behauptet wird. „Wir haben 8000 Forscher bei Merck, die können nicht ins Homeoffice.“ Aber viele Unternehmen dürften die Zahl der Geschäftsreisen und Tagungen deutlich reduzieren, um Kosten zu sparen. Das habe unerwartete Effekte, berichtet der Konzernchef. Weil er sich nun dauerhaft in einer Zeitzone aufhalte, habe er nun deutlich mehr Zeit für Mitarbeitergespräche als früher. „Selbst meine Frau sagt, ich sei ein ganz anderer Mensch – wie früher.“

          Doch auch die Gesellschaft ändere sich. Die große Mehrheit hat wieder mehr Vertrauen zu Wissenschaft und Forschung, hat Oschmann beobachtet. Zudem habe die Krise allen vor Augen geführt, wie wichtig ein gut ausgebautes Angebot an Kindertagesstätten und Schulen sei. Wenn er seine Forscher frage, was in Rhein-Main fehle, sagten sie nur „Kitas, Kitas, Kitas“. Und schließlich habe die Krise gezeigt, dass sich globale Herausforderungen nur global lösen ließen. Man könne sich gar nicht vorstellen, wie stark die Forscher derzeit grenzüberschreitend zusammenarbeiten würden, damit es baldmöglichst einen Impfstoff geben könne.

          Dazu könnte es schon Ende dieses oder Anfang nächsten Jahres kommen, ist der promovierte Veterinärmediziner überzeugt. Vielversprechend etwa sei die neuartige Technologie mit genetischen Botenstoffen namens mRNA, auf die das Mainzer Biotech-Unternehmen Biontech setzt. Dass dann aber schnell alle Bürger geimpft würden, glaubt er nicht. Nötig wäre es vor allem, Risikogruppen zu versorgen, also etwa das Personal in Kliniken und Pflegeeinrichtungen, oder Ältere. Das seien 30 Prozent der Bevölkerung.

          Fleischloser Burger schmeckt wie 2,50 Euro

          Es könnte sein, dass Oschmann dann nicht mehr Merck-Vorstandschef sein wird. Vor wenigen Tagen hat er seinen Abschied angekündigt, Ende April 2021 will er die Führung des Konzerns an die Spanierin Belén Garijo übergeben, seine jetzige Stellvertreterin und dann einzige Chefin eines Dax-Unternehmens.

          Mindestens bis dahin wird er sich einen weiteren Zukunftsthema widmen. Er habe, sagt Oschmann, ja gar nichts gegen Fleisch, es schmecke ihm, und außerdem sei er Jäger. Aber 70 Prozent aller Äcker weltweit, referiert er, würden für die Tierzucht benötigt, die wiederum für ein Fünftel des von Menschen verursachten Kohlendioxidausstoßes verantwortlich sei. Die Alternative sei Fleischersatz. Der Darmstädter Konzern hat sich inzwischen unter anderem an dem niederländischen Start-up Mosa Meat beteiligt, das solches Kunstfleisch entwickelt.

          Er habe mal solch einen fleischlosen Burger probiert, sagt Stefan Oschmann. 250.000 Euro habe der in der Entwicklung gekostet, „geschmeckt hat er wie 2,50 Euro“. Jüngere Konsumenten in Asien und Amerika würden das aber bevorzugen, wenn sie sich damit umweltfreundlicher ernähren könnten. Das zeige, dass das Klima nicht nur durch Verzicht, sondern mit technischem Fortschritt gerettet werden könne. „Wir brauchen nicht nur Fridays for Future, sondern auch Technologies for Future.“

          Die „Wirtschaftsgespräche am Main“ sind eine Veranstaltung des Hotels Intercontinental Frankfurt, der Wirtschaftsinitiative Frankfurt/Rhein-Main, der Messe Frankfurt GmbH und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Leere auf der A70 in Bayern – auch an einem Montagabend Ende März 2020.

          Alltag eines Lastwagen-Fahrers : Allein auf der Autobahn

          Im ersten Lockdown wurden sie als „Helden“ gefeiert, doch verändert hat sich seitdem wenig. Ein Fahrer beschwert sich: Die Menschen würden vergessen, wie essentiell die „Steher“ der Autobahnen sind.
          Das AfD-Logo wird im November 2019 beim Bundesparteitag in Braunschweig an einen Vorhang projiziert. (Symbolbild)

          F.A.Z. exklusiv : Beobachtung der AfD steht unmittelbar bevor

          Die AfD soll in der nächsten Woche vom Verfassungsschutz zum Verdachtsfall erklärt werden. Das erfuhr die F.A.Z. aus Sicherheitskreisen. Mitglieder der Partei können dann observiert und abgehört werden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.