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Landwirtschaft im Umbruch : Mehr Rücksicht auf das Tierwohl

So beliebt wie zunächst kostenträchtig: Hühnermobil Bild: Michael Kretzer

Hessens oberste Tierschützerin redet einer Reform der Schweinehaltung ebenso das Wort wie Hühnermobilen. Letzteres völlig zu recht. Hühnermobile etwa sind aber kein Selbstzweck. Sie müssen sich für die Bauern lohnen.

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          Seitdem Priska Hinz hessische Agrarministerin ist, schreitet der Umbau der heimischen Landwirtschaft deutlich voran. Derzeit werden 15 Prozent der Ackerflächen ökologisch bewirtschaftet. Das ist ein sattes Plus von etwa einem Drittel im Vergleich zum Jahr 2014, in dem die Politikerin der Grünen das Amt übernahm und in dem der Öko-Aktionsplan in Kraft trat. Mit diesen 15 Prozent liegt Hessen bundesweit an der Spitze.

          Der Umstand, dass die Region zwischen Kassel und dem Odenwald in der deutschen Landwirtschaft eine eher untergeordnete Rolle spielt, ändert nichts an dem politisch gewollten Umschwung. Und geht es nach Hinz und der Tierschutzbeauftragten des Landes, wird die heimische Landwirtschaft sich weiter wandeln. Mehr Tierwohl lautet das Ziel.

          Hühnermobile kein Selbstzweck

          Hessens oberste Tierschützerin Madeleine Martin, eine promovierte Veterinärin, will eine Art Musterbetrieb für Schweinehaltung schaffen. Und sie preist die Hühnermobile an. Letzteres völlig zu Recht. In Hessen entwickelt, finden diese fahrbaren Ställe immer mehr Kunden. Rund eine Million Hennen, die nach Belieben aus den Hühnermobilen auf die Wiese hüpfen und dort im Gras ihr Futter picken, profitieren nach Martins Angaben hierzulande auf 2000 Höfen von dem Angebot.

          Der Erwerb der Hühnermobile ist jedoch kein Selbstzweck. Er muss sich lohnen. Denn Landwirtschaft heißt nicht von ungefähr so. Weil ein Hühnermobil einen fünfstelligen Betrag kostet, muss ein Bauer schon sehr viele Freilandeier verkaufen, bis sich diese Investition bezahlt macht. Zu bedenken ist: Eier aus dem Hühnermobil sind Hochpreis-Produkte. Angesichts dessen greift manch ein Kunde erfahrungsgemäß lieber zu günstigeren Angeboten, Tierwohl hin oder her.

          Der Verbraucher entscheidet

          Gleiches gilt für das sogenannte Premium-Fleisch, das Supermärkte seit Anfang April mit einem Tierwohl-Aufkleber und der Ziffer 4 kennzeichnen. In diesem Fall muss ein Schwein zuvor doppelt so viel Auslauf gehabt haben wie ein Artgenosse in der normalen Stallhaltung (Stufe 1). Neu wäre allerdings, dass Verbraucher mehrheitlich Fleisch mit Ziffer 1 verschmähen. Dies steht wiederum in Kontrast zu Martins Ansicht, „hohe Verbraucherakzeptanz genießen nur Haltungsformen, die sich am natürlichen Verhalten der Tiere orientieren“.

          Wäre es so, wie Martin behauptet, stellten Schweinehalter reihenweise auf Bio-Mast um. Nur bleibt es bisher beim Konjunktiv. Weshalb wohl?

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

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