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Pharma : Medikamente als Mangelware

Gut 82.000 Medikamente vorrätig: Anzag in Frankfurt Bild:

Die seit April geltenden Rabattverträge der AOK mit Herstellern von Nachahmermedikamenten sind eine Herausforderung für Arzneimittel-Händler. Der Großhändler Anzag kämpft mit den Folgen der Rabattverträge.

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          Normalerweise denken sie auf der Chefetage bei Anzag in Frankfurt in Stunden. Schließlich wollen Apotheker die Medikamente, die sie bei dem Arzneimittel-Großhändler bestellen, noch am selben Tag geliefert bekommen. Derzeit klappt das allerdings nicht immer wie gewohnt. Denn von Normalität kann seit mehreren Wochen keine Rede mehr sein. Zumindest dann nicht, wenn es um Mittel mehrerer Arzneimittel-Hersteller geht, die einen Rabattvertrag mit der AOK abgeschlossen haben.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Andreae-Noris-Zahn AG, wie die Anzag mit vollständigem Namen heißt, steht als Mittler zwischen dem Hersteller und der Apotheke als Abnehmer. So wie die wesentlichen Konkurrenten hierzulande, Phönix, Gehe und Sanacorp, erwirbt Anzag Medikamente und verkauft diese an die Heilberufler weiter, die die Pillen, Tabletten, Lösungen und Pulver wiederum an ihre Kunden abgeben.

          Lieferverzögerungen von bis zu zwei Monaten

          Als sogenannter Vollsortimenter hält jede Anzag-Niederlassung 82.000 verschiedene Medikamente, Heil- und Hilfsmittel vor. Jeden Werktag kommen bis zu 150 neue Mittel hinzu. „Wir nehmen erst einmal alles auf, was auf den Markt kommt“, sagt Regionalbetriebsleiter Thomas Haas. Wie viele Packungen eines Produkts dauerhaft im Sortiment bleiben, hängt von Nachfrage und Saison ab. Normalerweise jedenfalls.

          Doch nicht nur das Wetter kann dem Großhändler bisweilen ein Schnippchen schlagen, etwa wenn Haselnuss und Erle einige Wochen früher als sonst blühen und Allergiker ärgern oder im Juni eine Schnupfenwelle durchs Land rollt: Die seit 1. April geltenden Rabattverträge der AOK mit Herstellern von Nachahmermedikamenten stellen eine Herausforderung an den Betriebsablauf dar. Denn ein Arzt muss AOK-Mitgliedern jene Mittel verordnen, die die Rabattverträge umfassen. Nur hat die AOK, die fast 40 Prozent der gesetzlich Versicherten betreut, kleine Firmen verpflichtet, die bis April gemeinsam auf einen Marktanteil von nur wenigen Prozent kamen. Haas: „Von manchen Herstellern hatte ich noch nie gehört.“

          Und die Aufgabe, von jetzt auf gleich den Arzneimittelbedarf der Kunden des Marktführers unter den Krankenkassen bedienen zu sollen, hat die Unternehmen überfordert. Lieferverzögerungen von bis zu gut zwei Monaten waren keine Seltenheit. Zum Vergleich: Gemeinhin treffen bestellte Medikamente innerhalb von zwei, drei Tagen beim Großhändler ein.

          Bestellen aus dem Bauch heraus

          Die AOK hat aus Sicht von Anzag den Fehler begangen, in die Rabattverträge die Lieferfähigkeit hineinzuschreiben, nicht aber die Vorgabe an die Hersteller, dass die Bevorratung der Pharmagroßhändler gewährleistet sein müsse. Beides ist nicht dasselbe, wie Anzag-Sprecher Thomas Graf sagt: „Lieferfähigkeit ist nicht eindeutig definiert und wird unterschiedlich interpretiert. Entscheidend ist, dass die Ware in ausreichendem Maße in dem Lager des Großhändlers liegt.“

          Auch habe ein Hersteller bisweilen zwischen zwei Bestellterminen ein Mittel verfügbar – aber nicht mehr zu dem Zeitpunkt, wenn der Grossist es ordere, weil es schon wieder ausverkauft sei. „Das ist dann besonders unangenehm, wenn ein Apotheker zwischenzeitlich beim Hersteller anruft und der sagt: Klar können wir liefern.“

          Die Lieferschwierigkeiten stören die Prozesse bei der Anzag gleich an neun Stellen, wie Haas erläutert. Demnach ist bei Produkten, die bisher keine große Rolle gespielt haben, der Absatz nicht kalkulierbar. „Der Einkäufer fragt: ,Wie viel soll ich einkaufen?‘ Das Computersystem, das automatisch Medikamente bestellt, sagt: ,So gut wie nichts.‘ Schließlich hatten wir bisher das fragliche Mittel kaum verkauft.“ So bestelle der Einkäufer aus dem Bauch heraus. Ein riskantes Spiel. Denn: Bestellt er zu wenig und bekommt zu wenig, ist ein Lieferengpass bei Anzag die Folge – sofern der Hersteller liefert. Bestellt er zu viel, wird Lagerfläche unnötig blockiert.

          Derselbe Aufwand, weniger Umsatz

          Mit der Folge, dass das Verfallsdatum näher rückt und Anzag die Ausgaben für die Mittel nicht abdeckt, weil die entsprechende Nachfrage fehlt. Doch nach wie vor sind viele Arzneimittel von AOK-Vertragspartnern nicht im nötigen Umfang für die Großhändler und Apotheker verfügbar, wie der Hessische Apothekerverband bestätigt.

          So lag laut Haas die Auslieferungsquote der unter die Rabattverträge fallenden Produkte im Mai bei 25 Prozent. Anders gesagt: Nur ein Viertel der bestellten Arzneien gingen beim Großhändler auch ein. Im Juni ging es mit dieser Zahl nach oben: 35 Prozent der Bestellungen wurden bedient. Die Zahl der Ausfälle ist aber weiter zu hoch. Was die Anzag-Telefonistinnen merken: Bei ihnen klingelt es seit April öfter als zuvor, weil Apotheker wissen wollen, wo denn die Arzneien bleiben. Je mehr Leute anrufen, desto schlechter wird die Erreichbarkeit des Großhändlers per Telefon.

          Zudem sind Rabattverträge ungünstig für die Gewinnspanne der Großhändler: Diese müssen billigere Medikamente erwerben und weiterverkaufen und machen mithin weniger Umsatz, haben aber denselben Aufwand wie bei teureren Mitteln. Der entsprechende Abschlag hält sich bei dem Frankfurter Unternehmen aber in engen Grenzen. Rabattmittel machten zuletzt weniger als fünf Prozent des Umsatzes im Monat aus.

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