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Medien : "Hürriyet": Das größte türkische Blatt in Deutschland wird aus Istanbul gesteuert

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„Hürriyet”-Vertriebsleiter Dölek im Druckhaus in Mörfelden-Walldorf. Bild: dpa/dpaweb

In der Redaktion der türkischen Zeitung „Hürriyet“ im südhessischen Walldorf brütet Ali Gülen über dem Aufmacher für die Deutschlandseiten am nächsten Tag. Doch gesteuert wird das Blatt von Istanbul aus.

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          In der Redaktion der türkischen Zeitung „Hürriyet“ im südhessischen Walldorf brütet Ali Gülen über dem Aufmacher für die Deutschlandseiten am nächsten Tag. Von Sibel Kekilli, der attraktiven Hauptdarstellerin in Fatih Akins hochgelobtem Film „Gegen die Wand“, ist der elfte Porno-Film aufgetaucht. In Berlin haben Anhänger des Fußball-Vereins Dynamo für einen Eklat gesorgt, als sie bei einem Spiel gegen die bekannteste türkische Mannschaft der Stadt Fladenbrote auf das Spielfeld warfen. Dies war bereits die Titelgeschichte am Vortag, die neu aufbereitet werden könnte, sagt der Redakteur.

          Vier bis sechs Spezial-Seiten für Europa mit Schwerpunkt Deutschland bietet „Hürriyet“ (deutsch: Unabhängigkeit) jeden Tag seinen Lesern. Die Europa-Ausgabe des Boulevardblatts mit Stammsitz Istanbul dominiert nach eigenen Angaben den türkischsprachigen Zeitungsmarkt in Deutschland zu 70 Prozent. Vor zwei Jahren hat der türkische Pressekonzern Dogan vor den Toren Frankfurts im Gewerbegebiet der Gemeinde Walldorf für 25 Millionen Euro ein Gebäude für „Hürriyet“ mit Redaktion und Druckzentrum gebaut. Doch gestaltet wird die größte türkische Auslandszeitung, die täglich in 24 Ländern von rund 300 000 Menschen gelesen wird, am Bosporus.

          Aus Walldorf „nur Empfehlungen für den Aufmacher“

          „Wir können nur Empfehlungen für den Aufmacher abgeben“, sagt der verantwortliche Redakteur Gülen. Und Vertriebsleiter Halil Dölek, ein promovierter Betriebswirt, läßt keinen Zweifel daran: „Gesteuert wird alles in Istanbul.“ Die neue Digital-Technologie macht dies möglich. Die in der „Hürriyet“-Zentrale in Istanbul zusammengestellten Textseiten kommen per Computer nach Walldorf zurück und wandern dort mit den Anzeigen auf die Druckplatten, bevor sich ein Stockwerk tiefer die Maschinen in Bewegung setzen. Abends warten dann die Lieferwagen, die die Zeitung direkt zum nahen Rhein-Main-Flughafen bringen oder kostengünstiger mit dem Auto nach Paris oder Brüssel.

          Die dem Pressezar Ayit Dogan gehörende „Hürriyet“ ist in der Türkei mit einer Auflage von fast 600 000 Exemplaren Auflagenführer. In Deutschland arbeiten rund 60 Mitarbeiter für die Zeitung, entweder als Korrespondenten oder Redakteure im hochmodernen Großraumbüro in Frankfurt. Von der Europa-Ausgabe, die aus einem Mix aus türkischen und europäischen Themen besteht, werden am Kiosk täglich rund 73 000 Exemplare abgesetzt. Der Löwenanteil (53 000) wird davon in Deutschland verkauft, wo rund 2,5 Millionen Türken und Deutsche türkischer Abstammung leben.

          „Hürriyet“ ordnet sich dem liberal-konservativen Spektrum zu

          Ein Euro kostet das Blatt. Der Preis werde stabil gehalten, betont Dölek. Der Vertriebschef, seit 30 Jahren bei „Hürriyet“, ist der „mächtige Mann“ im Glas-Beton-Gebäude in Walldorf. Dort werden unter anderem noch die ebenfalls zum Dogan-Imperium gehörende Tageszeitung „Milliyet“ („Nation“) und die vom Fußball dominierte Sportzeitung „Fanatik“ für die europäischen Leser hergestellt.

          Politisch ordnet sich „Hürriyet“ dem liberal-konservativen Spektrum zu. Die Zeitung sieht sich einer modernen Türkei mit der Anbindung an die EU verpflichtet. „Wir sind Patrioten, aber nicht im nationalistischen Sinne“, betont Dölek.

          Das war nicht immer so eindeutig: Viele Jahre geriet „Hürriyet“ wegen angeblicher Stimmungsmache immer wieder in die Kritik. „Das Blatt hat sich gewandelt. Es setzt mehr auf Integration“, urteilt der Leiter des Essener Zentrums für Türkei-Studien, Prof. Faruk Sen. Gestärkt werde der unparteiische Charakter des Blattes von einem journalistischem Prinzip aus der angelsächsischen Welt: In der Zeitung kommentieren Kolumnisten unterschiedlicher Anschauungen das politische Geschehen.

          Mehrheit der türkischen Leser unter 25 Jahren

          „Hürriyet“ versucht inzwischen in Deutschland verstärkt die Türken der zweiten Generation zu erreichen, die oft besser Deutsch als Türkisch sprechen. Jeden Freitag erscheint eine Beilage auf Deutsch, in der es vor allem um Musik oder Fußball geht. Dieses Pilotprojekt ist auch aus der Not geboren. Wie bei den meisten deutschen Zeitungen ist die Auflage von „Hürriyet“ in den vergangenen Jahren rückläufig. Nur wenn es gelingt, auch junge Leser für das Blatt zu gewinnen, hat die Zeitung langfristig Überlebenschancen.

          „55 Prozent aller Türken, die in Deutschland leben, sind unter 25 Jahre alt“, erläutert Faruk Sen vom Essener Türkei-Zentrum. „Eine Zeitung hat nur dann eine Chance, wenn sie auch über Themen wie Musik oder Sport berichtet, die die Jungen interessieren“, glaubt er. Hinzu kommt noch die elektronische Konkurrenz: Die meisten Türken können neben den deutschen Sendern auch ihre Heimatprogramme über Satellit empfangen.

          Der Dogan-Konzern, dem mit „Kanal D“ der größte private Fernsehsender in der Türkei gehört, wollte vor einigen Jahren auch mit einem eigenen TV-Programm für die Türken in Deutschland an den Start gehen. Die Landesmedienanstalt in Kassel hatte schon die Lizenz erteilt. „Wegen der wirtschaftlichen Lage liegt das Projekt jedoch auf Eis“, sagt Dogan-Vertriebschef Dölek.

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