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Maschinenbau : Bei MAN Roland in Offenbach wächst die Unsicherheit

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Druckmaschinen-Herstellung bei MAN Roland in Offenbach Bild: F.A.Z. - Foto Frank Ršth

Der Dreiundzwanzigjährige versteht nicht mehr, was los ist bei der Offenbacher MAN Roland AG, dem international zweitgrößten Hersteller von Druckmaschinen. Bei Schichtwechsel sagt er vor dem Werkstor an der Mühlheimer Straße: "Die Geschäftsleitung veräppelt uns.

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          Der Dreiundzwanzigjährige versteht nicht mehr, was los ist bei der Offenbacher MAN Roland AG, dem international zweitgrößten Hersteller von Druckmaschinen. Bei Schichtwechsel sagt er vor dem Werkstor an der Mühlheimer Straße: "Die Geschäftsleitung veräppelt uns. In der letzten Betriebsversammlung haben die erklärt, daß Schluß ist mit den Entlassungen, und jetzt sollen noch 250 Leute gehen. Dabei gibt es doch wieder mehr Aufträge." Die Signale sind gegensätzlich, die das Unternehmen sendet, das zum Münchener MAN-Konzern gehört und im vierten Jahr in der Krise steckt. Von der Düsseldorfer "Drupa", der Leitmesse für die Druckindustrie, läßt der Vorstand hintereinander eine schlechte und eine gute Nachricht verbreiten.

          So hieß es am Samstag abend, daß die Drupa für die MAN Roland Druckmaschinen AG "sehr vielversprechend" begonnen habe: 21 Druckwerke der Baureihe Roland 700 - die Bogenmaschine wird in Offenbach hergestellt - und viele Maschinen des Kleinformats seien verkauft worden. Kurz zuvor hatte das Unternehmen jedoch angekündigt, zusätzlich 250 Mitarbeiter der drei Werke im Rhein-Main-Gebiet, in Offenbach, Mainhausen und Geisenheim, auf allen Hierarchieebenen entlassen zu wollen. Darunter sind 150 Angestellte und 63 Arbeiter aus der Blechfertigung. Vor zwei Jahren war bereits mit dem Betriebsrat ein Interessenausgleich vereinbart worden, der bis Ende 2004 den Abbau von 729 Arbeitsplätzen im Geschäftsfeld Bogenmaschinen vorsieht. Für den Betriebsratsvorsitzenden Günter Schuster ist daher jetzt "Schluß mit dem scheibchenweisen Personalabbau", wie er sagt. Schuster fordert vom Vorstand die Vorlage eines Sanierungskonzepts.

          Unternehmenssprecherin Eva Doppler indes sieht in den neuen Aufträgen ein hoffnungsvolles Zeichen. Die Wende, der "Turnaround", sei in diesem Jahr aber trotz gesunkener Preise zu schaffen. Bei den Bogenmaschinen jedoch müßten wegen der Restrukturierung, wozu die Zusammenlegung der Werke in Offenbach und die Entlassungen gehörten, weiterhin die Kosten gesenkt werden. Das Ziel, das der MAN-Mutterkonzern dem Vorstandsvorsitzenden von MAN Roland, Gerd Finkbeiner, gesetzt hat, ist klar: MAN-Chef Rudolf Rupprecht will in diesem Jahr schwarze Zahlen sehen. Zwar weist der Geschäftsbericht von MAN Roland für 2003 einen Umsatzrückgang im Vergleich zum Vorjahr um 16 Prozent auf 1,5 Milliarden Euro und einen Verlust in Höhe von 37 Millionen Euro aus, Doch für 2004 erwartet der Vorstand, daß sich die Branchenkonjuktur angesichts der zum Stillstand gekommenen Rezession im Werbemarkt erholen wird und sich ein "leicht positives Ergebnis" erzielen lasse.

          Das Geschäftsfeld Bogenmaschinen allerdings, seit längerem ein Verlustbringer, wird davon nicht profitieren. Bei diesen Maschinen für den Bogenoffsetdruck wird das Material, das bedruckt werden soll - Papier, Pappe, Plastik -, als einzelnes Blatt zugeführt. Bei den Rollenoffsetmaschinen, zum Beispiel für den Zeitungsdruck, ist der sogenannte Bedruckstoff hingegen auf Rollen gezogen. Bogenmaschinen können Materialien je nach Größe von der Plastikkarte bis zum großformatigen Plakat drucken. Im vorigen Jahr betrug das Minus in dieser Sparte noch 56 Millionen Euro. Bei den Rollenmaschinen mit dem Standort Augsburg wurde ein Plus von 30 Millionen Euro erwirtschaftet.

          Erstmals mit Verlusten zu kämpfen hatte das Unternehmen, das 1979 aus dem Zusammenschluß der Druckmaschinen-Sparte von MAN in Augsburg und der 1871 gegründeten Offenbacher Firma Faber & Schleicher hervorging, im Geschäftsjahr 1991/92. Schon damals wurden Leute entlassen, Werke geschlossen, zum Beispiel in Heusenstamm, und Betriebsteile zusammengelegt. Den 1988 beschlossenen Bau des Südwerks entlang der Bahnlinie am Lämmerspieler Weg in Offenbach schob man auf. In den folgenden Jahren entließ MAN Roland allein hier am Hauptsitz mehr als 1000 Leute. Ende der neunziger Jahre waren nur noch 3280 Mitarbeiter in Offenbach tätig. Erst 1998 begann sich MAN Roland wirtschaftlich zu erholen; sogar der Bau des 50 Millionen Euro teuren Südwerks wurde wieder geplant. Doch die Verschnaufpause währte nur bis zum Sommer 2001. Seither schreibt man rote Zahlen. Werner Dreibus, Erster Bevollmächtigter der IG Metall in Offenbach und Mitglied des Aufsichtsrats von MAN Roland, sieht nicht nur den Konjunktureinbruch seit 2001 als Grund für die Achterbahnfahrt des Druckmaschinenherstellers. Der Gewerkschafter hat Versäumnisse bei der Produktentwicklung ausgemacht, etwa den großen Bogenmaschinen. Die Baureihe Roland 900 sei fünf bis sieben Jahre zu spät auf den Markt gekommen, so daß die Würzburger "Koenig & Bauer AG" einen Vorsprung besitze. Außerdem mangele es an modernen Führungsmethoden und einem zeitgemäßen Entgeltsystem, das den Mitarbeitern Leistungsanreize biete. Es sei eine "Panikstrategie", durch Entlassungen und Auslagerungen wie bei der Blechfertigung in Mainhausen die Personalkosten senken zu wollen. In Offenbach sind jetzt noch 2689 Mitarbeiter beschäftigt, in Geisenheim 389 und in Mainhausen 389. Hinzu kommen 3970 Beschäftigte in Augsburg und Plauen sowie fast 2000 Mitarbeiter im Service und Handel.

          Anders als in der Krise 1997 zieht man beim MAN-Konzern den Bogenstandort Offenbach bisher nicht in Zweifel. Damals hatte Rupprecht dem Vorstand von MAN Roland 18 Monate Zeit gegeben, um aus der Verlustzone zu kommen, andernfalls werde das Werk geschlossen oder verkauft. MAN-Sprecher Wieland Schmitz sagte gestern: "Es gibt keine Überlegungen, den Bogenbereich zur Disposition zu stellen." ANTON JAKOB WEINBERGER

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