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Geplanter Biotech-Hub : „Bausünden gibt es schon mehr als genug“

Gelobtes Land am Stadion: Wo bisher Feldhamster und Fußballfans weitgehend unter sich bleiben, soll innerhalb von zehn Jahren ein Biotech-Hub entstehen. Bild: Markus Schug

Die Stadt Mainz will weitere Institute und Unternehmen der Bereiche Biotechnologie und Lebenswissenschaften ansiedeln. Ein möglicher Standort wurde nun unweit des Fußballstadions gefunden.

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          Den Beteuerungen der Stadtspitze, dass es sich um eine „letzte Ausnahme“ handele, wollen sie nicht glauben: die Vertreter mehrerer Mainzer Umwelt- und Nachhaltigkeitsgruppen, die es für un­verantwortlich halten, die noch vorhandenen Äcker zwischen Europakreisel, Hochschule und Fußballstadion aufzugeben, nur damit dort in den nächsten zehn Jahren ein Biotech-Hub entstehen könne. Genau das jedoch ist in den Feldern zwischen den Stadtteilen Bretzenheim, Gonsenheim, Drais und Finthen geplant.

          Markus Schug
          Korrespondent Rhein-Main-Süd.

          Man wolle „das Momentum“ nutzen, hatte im Frühjahr der seinerzeit noch zu­ständige Oberbürgermeister, Michael Ebling (SPD), argumentiert. Mit Blick auf den außergewöhnlichen wirtschaft­lichen Erfolg des passenderweise an der Straße An der Goldgrube beheimateten Impfstoffherstellers Biontech SE – und die daraufhin exorbitant gestiegenen Ge­werbesteuereinnahmen – möchte Mainz weitere Institute und Unternehmen aus den Bereichen Biotechnologie und Le­benswissenschaften an sich binden. In­nerhalb von zehn Jahren könnten, so die Strategie der Kommunalpolitiker, auf ei­ner Fläche von 30 Hektar eine Milliarde Euro investiert und bis zu 5000 neue, zukunftssichere Arbeitsplätze geschaffen werden.

          Beachtliche Feldhamster-Population

          Kritiker des Vorhabens, die am Dienstag ihre Positionen in einem Presse­gespräch näher erläuterten, sorgen sich da­gegen vor allem um die für das Klima wichtigen Frisch- und Kaltluftströme. Diese dringen, wenngleich ohnehin nur noch mit Abstrichen, von den Feldern am Stadtrand bis in die im Sommer häufiger überhitzte City vor. Eine großflächige Be­bauung des Areals am Europakreisel werde dazu führen, dass die sowieso nicht gut durchlüftete Innenstadt künftig noch wärmer und stickiger sein werde, sagte Marcel Weloe, der als Klimaexperte für den Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland aktiv ist. Schließlich seien die noch unversiegelten Hänge, wie der Draiser und der Finther Berg, zentrale Kaltluftentstehungszonen von Mainz.

          Sorgen um die heimischen Tiere wie Rebhühner und Feldhasen äußerte Gerhard Weitmann als Vertreter der hiesigen Naturschutzverbände. Das vor Jahren mitten in die Felder von Bretzenheim gepflanzte Fußballstadion und die dort fast täglich zu erlebenden Freizeitakti­vitäten von Joggern, Fahrradfahrern und Hundehaltern seien Gründe dafür, dass sich viele Feldtiere auf die letzten verbliebenen Ackerinseln flüchten müssten. Er­freulich sei jedoch, dass es auf dem von Autobahn 60, Eisenbahnlinie, Saarstraße und Koblenzer Straße begrenzten Gelände laut Weitmann trotz allem noch eine im landesweiten Vergleich beachtliche Feldhamster-Population gibt.

          Missachtung des „Fünf-Finger-Modells“

          Den Aussagen der Stadt, wonach es sich bei dem Großprojekt – für das übrigens schon Verkaufsverhandlungen mit Grundstückseigentümern laufen – um ei­ne der aktuellen Entwicklung geschuldete Ausnahme handele, schenken die Na­tur-, Umwelt- und Klimaschützer keinen Glauben. Seit den Achtzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts gelte für Mainz eigentlich das „Fünf-Finger-Modell“ als Grundlage für weiteres Wachstum, erklärte Matthias Gill von der neu formierten Bürgerinitiative. Doch anstatt sich nur auf die fünf klar dafür definierten Hauptentwicklungsachsen zu konzentrieren und die Zwischenräume unangetastet zu lassen, seien in der Vergangenheit immer mehr Freiflächen abgeknapst und letztlich doch bebaut worden.

          Beim Hechtsheimer Gewerbepark, der einst als Vorzeige-Ökogebiet konzipiert worden war, habe die Stadt ihren Ankündigungen später dann allerdings kaum Taten folgen lassen, weshalb die Gegner des nun beworbenen Biotech-Hubs das ih­rer Ansicht nach nicht in die Landschaft passende Ansiedlungsvorhaben möglichst frühzeitig verhindern wollen. Zumindest sollte mit dem Start eines Ideenwettbewerbs für das Areal so lange gewartet werden, bis im Februar oder März ein neuer Oberbürgermeister respektive eine Oberbürgermeisterin ge­wählt sei

          „Eine Idee aus dem vergangenen Jahrhundert“

          Grundsätzlich halten es die Kritiker für ebenso gut möglich, die umworbenen Unternehmen und Institute dezentral in Mainz anzusiedeln. Der von der Kommune verwendete Begriff des Biotechnologie-Campus lasse es so aussehen, als müsse zwingend ein zusammenhängender Technologiepark geschaffen werden, sagte Hans-Georg Frischkorn von der Initiative. Dabei könnten Laborräume an vielen Stellen in der Stadt untergebracht werden – wenn ernsthaft danach gesucht werde. Büroflächen auf bestem Ackerland zu schaffen sei dagegen „eine Idee aus dem vergangenen Jahrhundert“.

          Auf einigen Grundstücken an der Saarstraße, die allerdings nicht von der Stadt, sondern von einer privaten Investorengruppe erworben wurden, laufen schon erste Erschließungsarbeiten. Die Besitzer von circa einem Drittel des Geländes, das am Europakreisel demnächst Bauland werden soll, seien wohl zum Verkauf be­reit, schätzt der Gonsenheimer Landwirt Alfred Zimmer. Er könne zwar nicht für alle Eigentümer sprechen, halte es aber ge­rade in Zeiten wie diesen für falsch, beste und gepflegte Äcker, die Grundlage für eine regionalen Versorgung seien, einem solchen Projekt zu opfern. Bausünden gebe es in Mainz mehr als genug, so die Ansicht der Vorhabengegner. Irgendwann allerdings müssten auch einmal Schluss mit der Versiegelung sein und ei­ne rote Linie gezogen werden.

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