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Firma Biontech in Mainz : Mehr Platz für große Träume im Kampf gegen Krebs

Große Visionen: Sean Marett will Biontech zu einem globalen Konzern entwickeln, aber die Start-up-Kultur bewahren Bild: Helmut Fricke

An der Goldgrube: Die Mainzer Biotech-Firma Biontech will eine ganz neue Therapie etablieren. Das Unternehmen wächst stetig – und stößt an seine Grenzen.

          Wenn Träume raumgreifend wären, das Gebäude an der Mainzer „Goldgrube“ müsste riesig sein. In dem unscheinbaren Bürohaus mit der Nummer 12 planen Forscher nichts Geringereres, als die Krebsbehandlung zu revolutionieren. Das Unternehmen will mit einer individualisierten Therapie die Chancen auf die Heilung der Krankheit deutlich erhöhen. Dabei sollen anstelle einer einheitlichen Tumortherapie künftig individuell auf den Patienten zugeschnittene Impfstoffe zum Einsatz kommen, die das Immunsystem des Betroffenen gegen die jeweiligen Tumorzellen aktivieren sollen.

          Daniel Schleidt

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das Unternehmensgebäude an der Straße mit dem bedeutungsträchtigen Namen „An der Goldgrube“ sieht, gemessen an dieser hehren Vision und im Vergleich zu den Residenzen von Pharmariesen, eher bescheiden aus. Dass es tatsächlich mittlerweile zu klein geworden ist, belegt eindrucksvoll die Entwicklung von Biontech. Im Eingangsbereich, in der eine Tischtennisplatte gerade so Platz finden würde, stehen die Menschen Schlange, der Parkplatz davor ist rappelvoll, in den Büros rücken die Mitarbeiter zusammen.

          „Wir platzen aus allen Nähten“

          Vorstand Sean Marett, der für das operative Geschäft zuständig ist, bestätigt den Eindruck: „Wir platzen aus allen Nähten.“ 350 Arbeitsplätze waren in dem Gebäude in der Mainzer Oberstadt, nicht weit entfernt von der Mainzer Universitätsklinik, ursprünglich vorgesehen. 650 Mitarbeiter zählt das 2008 gegründete Biotechnologie-Unternehmen inzwischen. Die Personalabteilung, so heißt es, habe alle Hände voll zu tun, die Bewerber geben sich die Klinke in die Hand. „Wir wachsen weiter“, sagt Marett und ergänzt nicht ohne Stolz, man sei schon jetzt das größte private Biotech-Unternehmen Europas. Bald schon sind 700 Menschen angestellt, und weil es dann endgültig zu eng wird, hat die Firmenleitung in der Nachbarschaft neue Gebäude angemietet. Für die Produktion wurde jüngst für 50 Millionen Euro ein Erweiterungsbau neben dem Hauptgebäude errichtet.

          Dabei hat das Lieblingskind der Mainzer Wirtschaft noch kein einziges Medikament auf den Markt gebracht, der neue Impfstoff soll im Jahr 2020 oder 2021 reif dafür sein. Doch erste Studien sind vielversprechend, wie Marett berichtet. Im Juli veröffentlichte Biontech im angesehenen Wissenschaftsmagazin „Nature“ die Ergebnisse einer klinischen Studie, in der der Impfstoff an Menschen getestet wurde. Das Ergebnis: Acht von 13 Teilnehmern der Studie waren 23 Monate nach dem Verfahren noch tumorfrei. Gelingt es, diese Ergebnisse zu bestätigen, könnte Biontech nicht nur für einen Paradigmenwechsel in der Behandlung von Krebs sorgen. Das Unternehmen könnte zu einem global bedeutsamen Spieler der Krebstherapie aufsteigen.

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          Der Vater des Unternehmens und seiner Visionen ist Ugur Sahin. Vor Biontech hatte er bereits mit seiner Frau Özlem Türeci das Biotech-Unternehmen Ganymed gegründet, das im selben Gebäude in Mainz beheimatet ist und Ende vergangenen Jahres für einen Milliardenbetrag an den japanischen Pharmahersteller Astellas verkauft worden ist.

          Die Geschichte von Biontech wird gerne erzählt in der 2000 Jahre alten Römerstadt am Rhein. Schließlich ist das Unternehmen ein Leuchtturm der Gesundheitsbranche in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt, die stark von der Gutenberg-Universität mit ihren derzeit rund 32 500 Studenten und vor allem der Uni-Klinik geprägt ist. Letztere ist mit 7800 Angestellten der größte Arbeitgeber der Stadt. Hinzu kommen acht Forschungsinstitute, in denen Angaben der Stadt Mainz zufolge rund 4000 Wissenschaftler beschäftigt sind. „Wir profitieren von diesem Netzwerk an hochqualifizierten Fachkräften“, sagt Marett: „und umgekehrt“. Der Standort Mainz sei bei der Suche nach neuen Experten aus der Branche keineswegs ein Nachteil. Die Stadt sei deshalb auch der richtige Standort für das Wachstum, „wir bleiben hier“.

          Mittelfristig an die Börse

          Da Biontech noch kein Geld verdient, braucht es finanzkräftige Investoren. Die nächste Finanzierungsrunde steht in wenigen Wochen an, 2019 ist Marett zufolge eine weitere geplant, mittelfristig fasst Biontech einen Börsengang ins Auge. Bis dahin wird sich „An der Goldgrube“ noch einiges tun, das weiß auch Marett. Für den Vorstand gilt es, neben der Forschung und einer funktionierenden Produktion auch das Wachstum zu händeln. Marett wünscht sich, die flachen Hierarchien und die Start-up-Kultur noch möglichst lange bewahren zu können.

          Das dürfte im Sinne von Firmenchef Ugur Sahin sein. Schließlich scheint der Forscher kein Interesse an Statussymbolen eines erfolgreichen Wissenschaftlers zu haben. Interviews etwa überlässt er lieber den Kollegen, um sich auf seine Forschung konzentrieren zu können. Und während andere Firmenlenker mit einem großen Auto gerne auf Parkplätze fahren, die für die Geschäftsführung direkt vor der Eingangstür reserviert sind, erkennt man Sahins Anwesenheit in dem Gebäude anhand seines ganz eigenen Erkennungszeichens: Dann nämlich steht sein einfaches, blaues Mountainbike vor der Tür.

          Schwarmstadt mit Charme

          Das Unternehmen Biontech ist nur eines von mehreren Beispiele dafür, wie sich der Wirtschaftsstandort Mainz verändert – mit welchen Folgen, das ist in der jetzt erhältlichen Ausgabe des regionalen Wirtschaftsmagazin „Frankfurter Allgemeine Metropol“ zu lesen. Die Titelgeschichte stellt Lizza vor, das erfolgreichste Start-up des Jahres – das nun allerdings Frankfurt verlassen muss. Zudem erzählen die Autoren, wie hiesige Buchverlage den Wegfall des Weihnachtsgeschäfts zu kompensieren versuchen, warum plötzlich so viele Co-Working-Büros entstehen, was der Chief Digital Officer eines Ventileherstellers macht  und was man jenen schenken kann, die schon alles haben.

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