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Main-Gastronomie : Der Mann mit dem Döner-Boot

  • -Aktualisiert am

Kundenmagnet: Ein Mitarbeiter von Ramirez Meral bedient Hungrige und Durstige am Frankfurter Mainufer Bild: Hannes Jung

Ramiz Meral kam vor dreißig Jahren aus der Türkei nach Frankfurt. Mit seinem Döner-Boot am Mainufer hat er es zu einiger Bekanntheit gebracht.

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          Auch wenn es hektisch zugeht, Ramiz Meral behält die Übersicht. Ein halbes Dutzend kleiner Gläser, bis zum Rand gefüllt mit türkischem Tee, balanciert er auf einem Tablett durch die Kajüte. Durch ein Fenster reicht er es zur Kundschaft nach draußen. Dann streicht er einen Löffel Joghurtsoße ins dampfende Fladenbrot und bedient zwei junge Frauen, die Döner ohne Tomaten bestellt haben. „Aber was habt ihr denn gegen Tomaten?“, fragt Meral mit einem Lächeln. Der Sechsundvierzigjährige hat immer einen Spruch oder ein freundliches „Merhaba“ parat.

          Das Geschäft am frühen Abend brummt. Die Schlangen vor Merals Döner-Boot sind am Mainufer ein gewohntes Bild in den Sommermonaten. Seit sechs Jahren liegt es zwischen Untermainbrücke und Eisernem Steg vor Anker. Das Imbissboot ist zum Anlaufpunkt für Spaziergänger und Nachtschwärmer geworden - und mittlerweile sogar über die Grenzen Frankfurts hinaus bekannt.

          „Meral ist mein Vorbild“

          Davon weiß auch Mehmet Arslan zu berichten, der mehrmals in der Woche bei Meral vorbeischaut. Er habe kürzlich im Urlaub in Holland einem Türken erzählt, dass er in Frankfurt lebe, sagt Arslan. „Frankfurt? Da gibt es doch das Döner-Boot“, habe dieser prompt geantwortet. Arslan ist auch Gastronom, doch er sucht noch nach der richtigen Geschäftsidee. Eine Zeitlang hat er versucht, Maiskolben unter die Leute zu bringen, nun verkauft er Würstchen vor einer Diskothek in Offenbach. „Meral ist mein Vorbild“, sagt Arslan. „Er hat es geschafft.“

          Spezialität des Schiffs: Fisch-Döner

          Dabei hat auch Meral klein angefangen. Mit fünfzehn ist er 1980 nach Deutschland gekommen. Nach einer Lehre als Elektriker zog es den jungen Meral in die Gastronomie - ganz in der Tradition des Vaters, der lange ein orientalisches Restaurant an der Moselstraße betrieben hat. So fing Meral mit zwanzig als Küchenhilfe bei einem Pizza-Service an. „Aber schon nach drei Jahren bin ich zum Restaurantmanager aufgestiegen.“Als Pizzabäcker hielt Meral es trotzdem nicht lange aus, stattdessen verdiente er in einer Kantine seinen Lebensunterhalt.

          An diese Zeit erinnert sich auch noch Roland Mayer, der mit den beiden Söhnen David und Julius auf einen kleinen Happen ans Mainufer gekommen ist. „Was der Meral damals schon für geniale Sachen gekocht hat.“ Auf den Besuch der Kantine in der Mittagspause habe er sich immer besonders gefreut, sagt Mayer. Als er im vergangenen Jahr mit einem Freund am Main spazieren gegangen sei, habe er dann das Dönerboot entdeckt. „Was ist denn das für ein Verrückter“, habe er sich gefragt, und plötzlich sei Meral hinter dem Fleischspieß aufgetaucht.

          6000 Euro in das Boot investiert

          Die Idee mit dem Boot hat Meral aus seiner Geburtsstadt Istanbul mitgebracht. Am Bosporus schaukeln unzählige kleine Imbissboote im Hafen. Diese Geschäftsidee auch in Frankfurt zu realisieren war nicht leicht. Er habe ziemlich schnell ein geeignetes Schiff gefunden, erzählt Meral, einen Marine-Kahn der deutschen Wehrmacht, Jahrgang 1942. Fast 6000 Euro hat das Boot gekostet, Umbau und Einrichtung haben dann noch einmal mit dem Fünffachen des Einkaufspreises zu Buche geschlagen. „Anfangs war ich wirklich unsicher, ob sich das Geschäft auch lohnt.“ Und die deutsche Bürokratie hat ihren Teil zu dieser Verunsicherung beigetragen: Sechs bis sieben Behörden hätten sich der Sache angenommen, erzählt Meral, ehe sein Antrag genehmigt worden sei und ihm die Stadt den Liegeplatz verpachtet habe.

          Inzwischen ist Merals schwimmender Dönerladen vom Mainufer nicht mehr wegzudenken. Auf dem Boot wird Meral von der Familie unterstützt. Selbst der 22 Jahre alte Sohn schenkt Tee aus und nimmt Bestellungen entgegen, wenn er nicht gerade im Hörsaal sitzt und Politikwissenschaften studiert. „Wir sind ein Familienunternehmen“, sagt Meral. Auch Freunde aus dem Fußballverein Türkgücu Frankfurt, wo Meral im Vorstand sitzt und die Jugendarbeit koordiniert, springen ab und zu ein.

          In der Sommersaison von April bis Oktober hat das Döner-Boot täglich von mittags bis spät in die Nacht geöffnet. Ein Arbeitstag habe bei ihm 14 bis 15 Stunden, sagt Meral. „Das ist wirklich hart. Aber die Arbeit macht Spaß.“ Ausruhen könne er sich schließlich im Winter, wenn nicht so viel zu tun ist. Um trotzdem Geld zu verdienen, betreibt Meral dann im kleinen Rahmen einen Catering-Service: „Meral Event“.

          „Besondere Urlaubsatmosphäre“

          Über dieses zweite Standbein hat er auch Michael Rubien kennengelernt. Der russischstämmige Unternehmensberater hat gerade mit seinem Motorboot angelegt und lässt sich und seinen Freunden aus Moskau über das kleine Fenster zur Wasserseite hin - Merals „Drive In“ - eine gemischte Salatplatte mit Makrelen und Shrimps servieren. Den Freunden habe er „das Wahrzeichen Frankfurts“ zeigen wollen, sagt Rubien. Er zählt zu den vielen Stammkunden von Meral. Als vor Jahren das Catering für eine Firmenveranstaltung ausgefallen sei, habe er zum ersten Mal Meral beauftragt, der dann in kürzester Zeit Leckereien aufgetischt habe. „Aus der geschäftlichen Beziehung ist eine echte Freundschaft entstanden“, sagt Rubien. Das Döner-Boot verkörpert für ihn eine „besondere Urlaubsatmosphäre“. Das sehen viele andere Gäste genauso. Meral habe den Flair Istanbuls nach Frankfurt gebracht, sagt ein Pärchen, das es sich auf der kleinen Rasenfläche am Ufer mit einer Decke bequem gemacht hat und die laue Abendbrise genießt.

          Als es langsam dunkel wird, knipst Meral die Lichterkette an seinem Holzschiff an. Auf dem Dach flattern eine türkische und eine deutsche Flagge im Wind. Urlaub in der Türkei mache er nur noch selten, sagt Meral. „Mein Urlaub ist hier auf dem Dönerboot. Hier kann ich nicht weg. Der Main macht süchtig.“

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