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Landwirtschaft : Eine Hiobsbotschaft für die Spargelbauern

Handarbeit: Vor allem aus Osteuropa kommen die Saisonarbeiter, die im hessischen Ried Spargel stechen Bild: ddp

Der Regionalbauernverband Starkenburg befürchtet, dass 30 Prozent der Saisonarbeiter nicht kommen. Die letzte Hoffnung ist die„bulgarische Karte“.

          3 Min.

          Immer weniger Saisonarbeiter aus dem Ausland wollen auf den südhessischen Spargel- und Obstfeldern arbeiten. Ihre Zahl geht nicht nur in der Anbaugebieten im hessischen Ried Südhessen, sondern in ganz Deutschland zurück. „Im vergangenen Jahr sind von 9980 angemeldeten Saisonarbeitern in Südhessen 2000 nicht erschienen“, sagt Peter Gheorgean, Geschäftsführer des Regionalbauernverbands Starkenburg und Geschäftsführer der Beschäftigungsgesellschaft für ländliche Räume in Griesheim. „Wir haben in den vergangenen Jahren eine total beschissene Situation gehabt.“

          Philip Eppelsheim

          Verantwortlicher Redakteur für die Frankfurter Allgemeine Woche.

          Die osteuropäischen Saisonarbeiter bleiben aus, da dort die Wirtschaft zunehmend floriert. „Das ist identisch bei Rumänen, Slowaken und Polen.“ Derzeit sei noch nicht abzusehen, wie die sich die Situation in diesem Jahr entwickle, allerdings habe es seit Januar schon 400 Stornierungen gegeben. „Es wird befürchtet, dass rund 30 Prozent der Saisonarbeiter ausbleiben.“

          Arbeiter fordern höheren Lohn

          Die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung wird aufgrund dieser angespannten Lage in den nächsten Tagen noch Gespräche in Polen führen, um Saisonarbeiter zu werben. Auch Gheorgean hat dort schon mehrere Gespräche geführt. Grundsätzlich seien sie positiv verlaufen, sagt er. Doch hätten die polnischen Saisonarbeiter Ansprüche, die nicht dem tariflichen Lohn entsprächen.

          „Fakt ist, dass wir mittlerweile übertariflich bezahlen müssen. Da kommen wir nicht drum herum.“ Auch bei „Spargel Merlau“ in Darmstadt erhalten die Saisonarbeiter Prämien für gute Leistung. Zudem stellt der Betrieb Unterkunft und Mahlzeiten. Daher habe man wenig Probleme, auch weil man nicht nur auf polnische Kräfte gesetzt habe. sondern seine Arbeiter aus vier Nationen beziehe. „Die Betriebe, die zu 90 Prozent ihre Arbeiter aus Polen holen, haben es schwer.“

          Dem Spargel fehlt die Sonne

          Auch Bauer Lipp in Weiterstadt kommt derzeit noch gut über die Runden. 30 Arbeiter aus Rumänien und aus der Slowakei sind bislang auf dem Hof, der auf 100 Hektar Spargel und auf 15 Hektar Erdbeeren anbaut. „Wir hungern nach Sonne. Bei den derzeitigen Verhältnissen ist wenig Spargel da. So kommen wir mit den vorhandenen Arbeitern gut aus“, sagt Stefan Lipp. 220 Saisonarbeiter sollen in diesem Jahr auf den Hof kommen, ob sie es wirklich machen, kann Lipp nicht sagen. „Wir haben einige Absagen gehabt. Wenn es in diesem Schnitt so weiter geht, dann könnte es eng werden.“

          Es gebe mehrere Arbeiter, die schon seit Jahren jede Saison kämen. „Auf die können wir uns verlassen.“ Problematisch seien die neuen Arbeiter. „Die sagen mal ja, mal nein.“ Sowohl in der Slowakei als auch in Rumänien sei die Wirtschaft in den vergangenen Jahren gewachsen. „Die Leute arbeiten lieber in ihrer Heimat zwölf Monate als für zwei Monate herzukommen.“

          Das Ausland als Konkurrenz

          Hinzu komme, dass viele Arbeiter von ihren Arbeitgebern in der Heimat nicht mehr freigestellt würden. „Man muss schließlich auch sehen, dass wir mit ganz Europa um die Arbeitskräfte buhlen. Die Polen scheinen lieber nach England zu gehen. Das wird auch in Zukunft mit Sicherheit nicht einfacher. „Aber bevor die Spargelernte richtig losgeht, können wir nur spekulieren.“

          Doch nicht nur die Spargelbauern sorgen sich, auch für Obstbauern wäre es ein großes Problem, wenn Saisonarbeiter fehlen. Der stellvertretende Vorsitzende des Regionalbauernverbands Starkenburg, Gerhard Jung, baut bei Gernsheim Erdbeeren und Rhabarber an. „Das mit einer Stornoquote von 30 Prozent gerechnet wird, ist eine Hiobsbotschaft. Aber damit muss ich leben.“ Jung hat Arbeitsverträge mit Rumänen und Polen abgeschlossen, rund 40 Saisonarbeiter erwartet er. Derzeit sind acht Arbeiter auf seinem Hof. „Das ist momentan ausreichend. Ein positives Glücksgefühl sozusagen.“

          Bulgaren als Hoffnungsträger

          Er wisse aber nicht, ob wirklich alle vierzig Arbeiter kommen. „Wenn dann letztendlich nur 28 kommen, dann wäre das wirklich schlimm.“ Daher habe er regelmäßig Kontakt mit den Rumänen, um die Lage abschätzen zu können. „Denn, wenn dann wirklich weniger auf dem Hof stehen, dann ist es schwierig, noch zu reagieren. Dann ist es eigentlich schon zu spät.“

          Gheorgean und der Bauernverband setzen nun vor allem auf die „bulgarische Karte“, um einen etwaigen Arbeitskräftemangel auf den südhessischen Feldern vorzubeugen. „Wir kratzen alles zusammen, was wir kriegen können. Die Bulgaren sind unsere Notkarte.“ Auch werde versucht, inländische Kräfte anzuheuern.

          500 Deutsche eingestellt

          In Südhessen haben die Spargelbetriebe rund 500 deutsche Arbeitskräfte eingestellt – die meisten jedoch gehen nicht auf die Felder, sondern sind für Sortierung, Logistik und Verkauf zuständig. „Zudem ist bei Anmeldungen noch lange nicht gesagt, dass die Arbeiter dann auch wirklich kommen“, sagt Gheorgean.

          Die Masse der Spargelstecher kommt am 1. Mai. Dann werden auch die Saisonarbeiter aus Bulgarien erwartet und es zeigt sich, wie viele der rund 10 000 Saisonarbeiter, die Verträge mit der Beschäftigungsgesellschaft für ländliche Räume abgeschlossen haben, tatsächlich kommen. „Bis dahin haben wir einen spannende Zeit.“ Und solange könne man auch noch hoffen.

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