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Landwirtschaft : Das Eintagsküken soll nicht sterben

Männlein oder Weiblein? Eine Geschlechtsbestimmung im Ei soll das routinemäßige Töten von Küken verhindern. Bild: Lüdecke, Matthias

Für männliche Küken haben Brütereien keine Abnehmer und töten sie zuhauf. In einem südhessischen Betrieb soll damit nun Schluss sein, verlangt Hessens Umweltministerin Hinz.

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          Aus männlichen Küken werden niemals Legehennen. Weil aber die Kundschaft von professionellen Brütereien nur weiblichen Hühner-Nachwuchs will, werden männliche Tiere zuhauf routinemäßig getötet – gleich nach dem Schlupf. Das ist auch in Hessen bisher geschehen, in einer Brüterei im Landkreis Darmstadt-Dieburg. In Zukunft sollen in dem Betrieb aber keine männlichen Eintagsküken mehr den Tod finden, wenn es nach dem Willen der Behörden geht. Das Landratsamt hat der Brüterei LSL-Rhein-Main in Dieburg per Verfügung klare Vorgaben gemacht, wie es den Betriebsablauf zu ändern habe.

          Thorsten Winter
          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Derzeit läuft die Frist, in der sich das Unternehmen zu den Auflagen äußern kann. Aber für Hessens Landwirtschaftsministerin Priska Hinz (Die Grünen) ist der Fall schon klar: „Tierschutz darf nicht länger der reinen Wirtschaftlichkeit untergeordnet werden. Eine landwirtschaftliche Produktionsform, bei der die Hälfte der Jungtiere systembedingt getötet wird, ist völlig inakzeptabel.“

          40 Millionen Eintagsküken jährlich getötet

          Wie es in ihrem Ministerium heißt, hat die „extreme Leistungszucht“ in der Geflügelwirtschaft dazu geführt, dass Hühner mit hoher Legeleistung sowie Masttiere mit hohem Brustfleischanteil eingesetzt werden. Da die männlichen Küken der Legelinien nur wenig Fleisch ansetzten, argumentiere die Geflügelwirtschaft damit, dass sich deren Mast nicht lohne. Aus diesem Grund würden gesunde männliche Küken routinemäßig umgehend getötet. Nach Angaben des Ministeriums finden in Deutschland etwa 40 Millionen Eintagsküken nach dem Schlupf den Tod. „Früher wurden die Küken überwiegend wie Müll entsorgt, heute werden sie zu einem gewissen Teil verfüttert.“

          Die vom Landratsamt des Kreises Darmstadt-Dieburg nun ins Visier genommene Brüterei sei eine der größten in Deutschland. 15 Millionen Küken seien dort bisher jährlich getötet worden. Die hessische Tierschutzbeauftragte Madeleine Martin spricht von zwölf Millionen. Durch eine technische Alternative, mit der das Geschlecht schon vor dem Schlupf bestimmen werden kann, soll dies künftig nicht mehr geschehen, wie es in Wiesbaden weiter heißt. „Dafür muss das Unternehmen ein Konzept erarbeiten und den zuständigen Stellen vorlegen“, so Hinz. Die Brüterei ist nach eigenen Angaben interessiert daran, ein Verfahren zur Geschlechtsbestimmung zu entwickeln. Sie sei seit Jahren an einem Forschungsprojekt mit dem Land Hessen und den Universitäten Jena und Leipzig beteiligt, auch finanziell.

          Tierschutzbeauftragte Martin hatte sich schon in ihrem Jahresbericht 2013 in dieser Sache geäußert und die millionenfache Tötung angeprangert: Für dieses Vorgehen – die Küken würden meist mit Gas getötet – gebe es keinen vernünftigen Grund. Außerdem forderte sie die schwarz-grüne Landesregierung in Wiesbaden auf, dem Beispiel von Nordrhein-Westfalen zu folgen. Die Regierung in Düsseldorf hatte kurz vor Weihnachten vergangenen Jahres verboten, Eintagsküken durch den Einsatz von Gas zu töten. Anlass des Vorstoßes ist eine neue Rechtsauffassung der Staatsanwaltschaft Münster, die das Töten männlicher Eintagsküken als tierschutzwidrig ansieht. „Tiere sind Lebewesen und keine Abfallprodukte landwirtschaftlicher Produktionsprozesse“, sagte Landwirtschaftsminister Johannes Remmel (Die Grünen) zur Begründung des geplanten Verbots.

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