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Nach Hitze und Trockenheit : Auch „Kiesköpfe“ mindern Getreideernte

Frühreif: Im Ried haben Bauern den Weizen schon von den Feldern geholt. Bild: dpa

Der Regen in diesen Tagen kommt für Gerste und Weizen zu spät. Wegen der Hitze stellen Bauern sich auf merklich geringere Erträge ein. Doch die Trockenheit wirkt sich in Hessen nicht überall gleich aus.

          Friedhelm Schneider kann über die Ackerböden im heimischen Gründau im Grunde nicht klagen. Im Main-Kinzig-Kreis liegen ertragsstarke Flächen. Wenn aber der hessische Bauernpräsident in die Wetterau kommt, gerät er ins Schwärmen. „Wenn Sie hier den Finger in den Boden stecken, müssen Sie aufpassen, dass er nicht anwächst“, sagt er während eines Besuchs auf dem Hof von Hendrik Emich nahe Bad Nauheim.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Wetterau gilt nicht von ungefähr als die Kornkammer Hessens. Im vergangenen Jahr ernteten die Bauern dort im Schnitt 8,94 Tonnen Weizen je Hektar – so viel wie nirgendwo sonst zwischen Kassel und dem Odenwald. Auch bei der als Viehfutter beliebten Wintergerste, dem Raps und den Zuckerrüben liegt die Gegend nördlich von Frankfurt meist ganz weit vorne in der Ertragsrangliste.

          Boden ausschlaggebend

          Das dürfte auch in diesem Jahr der Fall sein. Doch zeigen sich die Folgen der ungewöhnlichen Trockenheit auch in der Wetterau, aber nicht gleichmäßig verteilt. Bauer Emich, der auf 60 Hektar Weizen, Gerste, Raps und Zuckerrüben anbaut, muss nur auf die von ihm bewirtschafteten Äcker schauen. Lehm- und lößhaltiger Boden, der gut Wasser bindet und auch wieder an die Pflanzen abgibt, hat unweit seines Hofs den Weizen noch ganz gut gedeihen lassen. Nicht weit davon entfernt ist das Getreide nicht so gut gewachsen und früher gelb geworden, wie er berichtet.

          Der Grund: Zwar ist der obere Boden auch sehr fruchtbar, aber nicht so tief von Lehm und Löß geprägt wie sonst in der Wetterau üblich. Nicht weit unter der Oberfläche komme Kies zum Vorschein. Kies speichert nun einmal das von den Pflanzen benötigte Wasser nicht, anders als Lehm und Löß. „Kiesköpfe“ nennen die Landwirte solche Böden, erläutert ein Sprecher des Bauernverbands.

          Später dran: In der Wetterau haben Weizenpflanzen wegen der Trockenheit noch nicht alle Körner ausgebildet.

          Doch selbst wenn Getreidesorten auf gleich gutem Boden wachsen, müssen sie nicht unbedingt gleich gut gedeihen, wie Emich in diesen Tagen bemerkt. Die Wintergerste hat er schon von den Feldern geholt – und ist positiv überrascht worden. Statt der erwarteten sieben Tonnen je Hektar, der 10.000 Quadratmeter misst, konnte er 8,6 Tonnen ernten. Gleichwohl erwartet der Bauer beim Winterweizen nur sieben Tonnen je Hektar. So richtig erklären kann er sich die Ertragslücke nicht, wie er zugibt. Entscheidend könnte aber für den Unterschied sein, dass die Wintergerste etwas früher ausgesät wird als der Winterweizen. Und dann die Jungpflanzen der Gerste noch stärker von der Bodenfeuchtigkeit im Herbst und Winter profitiert haben als der Weizen.

          Das könnte auch dem Raps zupasskommen. Für die Ernte ist wichtig, wie gut die im Spätsommer ausgebrachte Ölsaat im Herbst wachsen kann, sagt Emich. Er hofft nun auf weitere Regenfälle. Schließlich brauchen die Zuckerrüben viel Feuchtigkeit.

          Extreme Spreizung der Erträge

          Dem Getreide nutzen die Regenfälle der vergangenen Tage indes nichts mehr: „Das ist durch.“ In wenigen Tagen soll auch die Weizenernte beginnen, dann wird Emich wissen, ob er auf sieben Tonnen kommt oder gar auf mehr.

          Bauernpräsident Schneider sieht derweil schon aufgrund erster Erfahrungen eine „extreme Spreizung der Erträge“ in den hessischen Regionen. Im Rheingau ist demnach von drei bis neun Tonnen Getreide je Hektar die Rede. Dabei ist der Rheingau-Taunus-Kreis im Schnitt merklich ertragsschwächer als etwa die Wetterau, der „Goldene Grund“ um Limburg, das Gießener Becken und die Schwalm im nördlichen Mittelhessen. So standen 2014 den gut 8,9 Tonnen Weizen aus der Wetterau und den 8,7 Tonnen aus dem Gießener Raum 8,1 Tonnen aus dem Rheingau-Taunus gegenüber. Auch bei der Wintergerste blieb diese Region fast eine Tonne hinter der Wetterau sowie dem Raum Kassel zurück. Ähnlich stellt sich das Verhältnis beim Silomais dar, wie das Statistische Landesamt ermittelt hat.

          Zuletzt erzielten die Bauern mit Silomais, Winterweizen, Sommergerste und dem Futtergetreide Triticale im Rheingau-Taunus-Kreis ähnliche Erträge wie ihre Kollegen im Odenwald, der im Vergleich der landwirtschaftlich genutzten Gebiete Hessens als benachteiligt gilt. So wie die meisten Mittelgebirgslagen wie etwa der Vogelsberg. In diesen Lagen lauert nicht weit unter der Oberfläche Gestein. Deshalb ist das Ertragspotential der Vogelsberg-Böden als gering eingestuft. Dort ist Grünland-Wirtschaft und Viehhaltung prägend.

          Dagegen gehört das hessische Ried zu den besten Ackerbaugebieten in Hessen. Bauern aus der Region sprechen vom „hessischen Kalifornien“, weil dort im Grunde alles wächst: Erdbeeren und Gemüse, Getreide und Kartoffeln. Die Böden bestehen vorwiegend aus kalkhaltigem Schlick, Ton und Sand. Wo Sand überwiegt, haben Bauern dieses Jahr gelitten. Weil es eben viel zu trocken gewesen ist – und davor zu kühl, um Erdbeeren und Spargel richtig wachsen zu lassen.

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