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Kundgebungen in der Region : Gewerkschafter warnen vor Spaltung der Gesellschaft

  • -Aktualisiert am

Rote Fahnen sieht man besser: Einmal im Jahr gehört der Frankfurter Römerberg ganz den Gewerkschaften und ihren Anhängern. Bild: Marcus Kaufhold

Am Tag der Arbeit mahnen die Gewerkschaften auf Kundgebungen in der Region: Ungerechtigkeit sei ein Nährboden für Hass. Sie forderten höhere Renten und Gehälter.

          Die Hattersheimer Aleviten haben zwei Stimmungskanonen mitgebracht. Die beiden Männer tröten und trommeln, was das Zeug hält, während ihre Kameraden sich an den Händen halten und im Kreis um sie herumtanzen. „Dadurch symbolisieren wir unsere Brüderlichkeit und bringen Leben in diese Demonstration“, sagt Muzaffer Akkus. Der Vorsitzende der Alevitischen Gemeinde Hattersheim ist mit 100 Glaubensgenossen zum Frankfurter Günthersburgpark gekommen, um am Tag der Arbeit für Solidarität und Toleranz zu demonstrieren. Akkus sagt: „Wenn jeder sich an die Grundwerte halten würde, brauchten wir keine Grenzen und Gesetze.“

          Ewald Hetrodt

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Wiesbaden.

          Die Aleviten schlossen sich gestern einem mehrere hundert Meter langen Demonstrationszug an und liefen durch den einsetzenden Regen vom Nordend zum Römerberg. 4000 Menschen hätten daran teilgenommen, schätzte später der Organisator, der Deutsche Gewerkschaftsbund, die Polizei kam auf 2000.

          Demokratie dürfe nicht an Betriebstüren enden

          „Die Ungerechtigkeiten bei der Einkommens- und Vermögensverteilung und die ungleichen Chancen auf ein besseres Leben sind der beste Nährboden für Hass und Spaltung“, sagte Gabriele Kailing, die Vorsitzende des DGB Hessen-Thüringen, bei der Kundgebung vor dem Frankfurter Rathaus. „Dem werden wir entgegentreten und fordern mehr Verteilungsgerechtigkeit.“ Kailing beanstandete das ihrer Ansicht nach niedrige Rentenniveau und die prekären Beschäftigungsverhältnisse in Deutschland: Minijobs, Leiharbeit, Werkvertrag und Scheinselbständigkeit führten zu niedriger Entlohnung, Altersarmut, einer Schwächung der Mitbestimmung und dem Abbau der Tarifbindung. „Das müssen wir bekämpfen.“

          Der Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) sicherte ihr seine Unterstützung zu und kündigte eine Initiative gegen Schwarzarbeit an. „Wir wollen den anständigen Unternehmen helfen, indem wir die schwarzen Schafe finden und zur Ordnung rufen“, sagte er und bedankte sich bei den Gewerkschaften für ihren Einsatz. Zugleich mahnte Feldmann zur Vorsicht. „Unsere Demokratie steht nicht vor dem Umkippen ins Totalitäre. Aber wir dürfen die Augen nicht verschließen vor den Tendenzen unserer Zeit.“ Demokratie dürfe nicht an Betriebstüren enden.

          Der Vorsitzende des Frankfurter DGB, Philipp Jacks, solidarisierte sich mit den vielen Gegnern des türkischen Präsidenten, die im Demonstrationszug mitliefen. Einige trugen ein mehrere Meter langes Banner mit der Aufschrift „Hayir“ vor sich her, das türkische Wort für „Nein“ gegen die Verfassungsreform. „Nur wenige Tage nach dem Referendum steigt der neue alte Diktator voll in den Krieg ein“, sagte Jacks. „Wir demonstrieren hier für internationale Solidarität, und da passt Erdogan nun mal nicht rein.“

          „Kann mir mal jemand verraten, wen wir ernsthaft wählen sollen?“

          Auch in Wiesbaden demonstrierten am Tag der Arbeit Gewerkschafter. „Es geht nicht gerecht zu in Deutschland.“ So sieht es Sascha Schmidt, der Kreisvorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Auf dem Wiesbadener Kranzplatz forderte er vor 250 Zuhörern, darunter zahlreichen Sozialdemokraten, die Stärkung der gesetzlichen Rente. Bei strömendem Regen kündigte er bis zur Bundestagswahl weitere Aktionen zu diesem Thema an.

          Altersarmut droht“, meinte Tamara Dittmann, Sprecherin der Jugend in der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. Sie beklagte, dass Rentner Pfandflaschen sammeln müssten, um über die Runden zu kommen. „Altersarmut ist weiblich“, hieß es in der Rede, die die Kreisvorstandsmitglieder Christiane Dietz und Manon Tuckfeld von der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft gemeinsam hielten. Sie beklagten, dass das Gehalt der Grundschullehrerinnen 13 Prozent unter den Bezügen aller anderen Lehrer lägen. Dass nun angesichts des Personalmangels pensionierte Gymnasiallehrer ohne pädagogische Eignung in Grundschulen unterrichten sollten, sei ein Armutszeugnis für die Landesregierung. Die Rednerinnen forderten eine Anhebung der Besoldung auf das Niveau von Studienräten: „A 13 für alle!“ Das wären mindestens 3700 bis 4800 Euro brutto monatlich, je nach Zahl der Berufsjahre.

          Der Wiesbadener Oberbürgermeister Sven Gerich (SPD) wurde dafür gelobt, dass er am „Girls’ Day“ zwölf Mädchen nach einem Besuch im Rathaus zu einer Pizza eingeladen habe. Doch habe er nicht verhindert, dass der hauptamtliche Magistrat der Landeshauptstadt „zu einhundert Prozent männlich“ sei. Allerdings seien die Frauen auch im Hauptvorstand der GEW unterrepräsentiert.

          Heiko Oberthür von der Industriegewerkschaft Bau beklagte, dass die Gesellschaft des Reinigungsgewerbes nicht die verdiente Wertschätzung entgegenbringe. „Kann mir mal jemand verraten, wen wir ernsthaft wählen sollen?“ Das entscheidende Kriterium sei: Wer hat den Mut, den Reichen zu nehmen und den Armen zu geben? Gegen „das hässliche trojanische Pferd der Arbeitgeberverbände“ und die „kurzfristige, gierige Profitsucht“ wetterte der Vertreter der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, Arno Enzmann.

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