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Krisenmanagement bei Lufthansa : „Das war kein Angebot, sondern eine Provokation“

Eckhard Lieb, Lufthansa-Konzernbetriebsratschef, sieht gute und schlechte Beispiele für Krisenmanagement in Rhein-Main Bild: Frank Röth

Lufthansa-Konzernbetriebsratschef Eckhard Lieb weiß wohl, dass Krise und Konkurrenz an vielen Stellen im Konzern Ertrag und Jobs unter Druck gebracht haben. In Rhein-Main sieht er Beispiele für sehr gutes Krisenmanagement, aber auch welche für ein schlechtes.

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          Eckard Lieb neigt nicht zum raschen Urteil. Der Mann, gelernter Triebwerksmechaniker aus Hamburg, ist seit 36 Jahren bei der Lufthansa, hat schon etliche Krisen der Branche und der Kranichlinie im besonderen gesehen.

          Jochen Remmert

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, zuständig für Flughafen und Offenbach.

          Umso mehr kann sich Carsten Spohr, Vorstandsvorsitzender der Lufthansa Cargo AG, darüber freuen, dass Lieb das Krisenmanagement bei der Frankfurter Frachttochter des Luftfahrtkonzerns für hanseatische Verhältnisse fast euphorisch lobt: „Es ist schon bemerkenswert, wie beherzt der Vorstand und die Kollegen auf die Krise reagiert haben und in die Kurzarbeit gegangen sind. Sie haben es gemeinsam geschafft, in kürzester Zeit dem Umsatzeinbruch von rund einer Milliarde Euro Kosteneinsparungen von 750 Millionen Euro entgegenzusetzen“, beschreibt Lieb die Cargo-Krisenstrategie. „Das alles zeigt, wie professionell die Lufthansa Cargo mit der Krise umgeht“, fügt er hinzu.

          Mit Qualität erfolgreich

          Dass es der Frachtlinie in einem von Überkapazitäten und Dumpingpreisen gekennzeichneten Markt im letzten Quartal 2009 gelungen ist, eine Preiserhöhung durchzusetzen und den Negativtrend zu stoppen, wertet der Konzernbetriebsratschef als Beleg dafür, dass eine Airline auch im Frachtmarkt mit Qualität erfolgreich sein kann. Mehr Sorge als jede schwierige Marktlage und von Regierungen subventionierte Konkurrenz bereitet Lieb ein möglicherweise vollständiges Nachtflugverbot in Frankfurt: „Es darf nicht passieren, dass die Fracht am Ende der Verlierer einer Nachtflugbeschränkung in Frankfurt ist. Es ist klar, dass ein Flughafen auch Lärm verursacht, aber Frankfurt ist eben auch ein ganz großer Wirtschaftstreiber, ist sehr wichtig für Arbeitsplätze, letztlich für das Gemeinwohl insgesamt.“

          Lieb, dessen Lebensgefährtin unweit des Flughafens Frankfurt wohnt, bestreitet gleichwohl nicht, dass es notwendig ist, die Belastung für die Anrainer so gering wie möglich zu halten und einen Ausgleich zu schaffen. So weist der Triebwerksexperte darauf hin, dass die Belastung stark davon abhängt, welches Fluggerät eingesetzt wird.

          Schlechtes Krisenmanagement in Kassel

          Ein Beispiel für schlechtes Krisenmanagement bei der Lufthansa sieht Lieb dagegen im Fall des Service-Centers in Kassel. Es wird wohl zur Mitte dieses Jahres geschlossen werden. Zuvor hatte die Unternehmensleitung die Mitarbeiter wissen lassen, dass eine Schließung nur dann vielleicht zu verhindern sei, wenn die Personalkosten für die 180 dort beschäftigten Frauen und Männer um rund 40 Prozent gesenkt würden. „Das war kein Angebot, sondern eine Provokation, auf die kein Mitarbeiter, kein Betriebsrat und auch keine Gewerkschaft hätte eingehen können“, sagt Lieb und fügt an: „In der Analyse muss man sagen, dass die Unternehmensleitung von Beginn an entschlossen war, den Standort zu schließen.“ Anders seien die Forderungen letztlich nicht zu deuten. Genau so hatte das auch der bei der Gewerkschaft Verdi zuständige Bereichsleiter in Hessen, Gerold Schaub, im Gespräch mit dieser Zeitung interpretiert, als Affront und nicht verhandelbar.

          Für Lieb, ebenfalls Verdi-Mitglied, steht außer Frage, „dass wir die hohe Qualität von Kassel gut hätten nutzen können“. Gerade die Vielflieger und Businesskunden erwarteten von der Lufthansa sehr gut qualifiziertes Personal, gerade das sei in Kassel vorhanden. Abgesehen davon hätten die Kasseler Lufthanseaten vor gut fünf Jahren schon einmal auf Teile des Einkommens verzichtet, um den Standort zu sichern. Gleichwohl sieht Lieb kaum mehr eine realistische Chance für den Erhalt des Kasseler Centers: „Dort verhandelt man ja nun schon den Sozialplan“, sagt er.

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