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Krise : Kion bleibt auf Gabelstaplern sitzen und muss sparen

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Die Krise trifft den Untermain stärker als andere Regionen: Mitarbeiter von Kion demonstrieren Bild: Rainer Wohlfahrt

Neue Sorgen am Untermain: Weil die Nachfrage nach Gabelstaplern sinkt, muss mit Kion einer der wichtigsten Arbeitgeber sparen. Immerhin: Kündigungen soll es nicht geben. Aber Ausgliederungen.

          Den Gabelstaplerhersteller Linde Material Handling, mit rund 3.500 Beschäftigten der größte Arbeitgeber am Bayerischen Untermain, hat die Krise voll erwischt. Für dieses Jahr erwartet die Geschäftsführung der Kion-Gruppe, zu der Linde Material Handling gehört, einen weltweiten Marktrückgang von 45 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das sei der mit Abstand größte Absatzeinbruch in der Geschichte der Flurförderzeugindustrie, teilte das Unternehmen mit. In der Sparte Mobilhydraulik ist die Nachfrage ebenfalls um mehr als 40 Prozent zurückgegangen.

          Die schlechte Nachricht traf die Linde-Mitarbeiter aus den Werken in Aschaffenburg, Kahl und Weilbach (Kreis Miltenberg) wie ein Schock. Sie waren zu einer Betriebsversammlung in die Frankenstolz-Arena eingeladen worden, wo Gordon Riske, Vorsitzender der Geschäftsführung der Kion-Gruppe, Kion-Finanzgeschäftsführer Harald Pinger und Theodor Maurer, Vorsitzender der Linde-Material-Handling-Geschäftsführung, die Belegschaft informierten. Nach ihren Angaben wird es keine betriebsbedingten Kündigungen geben und trotz einer dramatischen Überkapazität der bis August 2011 geltende Beschäftigungssicherungs-Tarifvertrag beibehalten.

          Standort gestärkt

          Allerdings seien „schmerzhafte Einschnitte“ unvermeidbar, meinte Maurer. Etwa 900 der 3.500 Mitarbeiter müssen sich darauf einstellen, in neu zu gründende Servicegesellschaften versetzt zu werden. Dort sollen sie sich weiterqualifizieren, bis der Aufschwung kommt und es wieder Arbeit im Unternehmen gibt. Kion rechnet allerdings nicht mit einer schnellen Erholung der Wirtschaft. Es werde bis mindestens 2014 dauern, um das Weltmarktniveau von 2007 zu erreichen. Im vergangenen Jahr hatte das Unternehmen Kion, das den Finanzinvestoren KKR und Goldman Sachs gehört, noch mit einem Gewinnplus von 7,1 Prozent auf 353 Millionen Euro ein Rekordergebnis erzielt.

          Einen derartigen Markteinbruch hatte noch vor kurzem niemand erwartet. Doch Aschaffenburg kommt mit einem blauen Auge davon und wird von der geplanten Umstrukturierung sogar profitieren. Die Produktion der Elektro- und Schubmaststapler, die bisher im britischen Basingstoke hergestellt werden, soll bis Mitte nächsten Jahres nach Aschaffenburg verlagert werden. Damit werde der Standort gestärkt, verkündete Riske. In Kahl dagegen wird die Fertigung von Hydraulikkomponenten eingestellt und zum Teil nach Tschechien verlagert oder an externe Partner abgegeben. Nur die Produktion von Getrieben, die nicht zum Kerngeschäft gehören, wird aufgegeben. Maurer versprach, das Kahler Werk werde nicht geschlossen. An dem Firmensitz solle das Zentrallager für Ersatzteile bleiben und sogar ausgebaut werden. Die Neuausrichtung des Unternehmens dient Maurer zufolge nicht nur dazu, die Krise zu meistern, sondern man wolle gestärkt aus ihr hervorgehen.

          „Gierige Banker“

          Gegen Mittag ist die Betriebsversammlung nach vier Stunden zu Ende. Die Mitarbeiter sehen nicht zufrieden, aber auch nicht verzweifelt aus. Die meisten wollen nicht reden. „Ich will meine Ruhe“, sagt ein junger Mann. Und ein anderer meint nur: „Ich sag’ nix.“ Es herrscht Unsicherheit. Viele wissen nicht, ob sie ihren Job behalten oder nicht. Zwar soll niemand entlassen werden, aber was es mit der Servicegesellschaft genau auf sich hat und wer dorthin versetzt wird, bleibt unklar. Die Rede ist davon, dass rund die Hälfte der 500 Linde-Mitarbeiter in Kahl davon betroffen sein wird. Der Bevollmächtigte der IG Metall, Herbert Reitz, betont: „Wir stehen ganz am Anfang.“ In der nächsten Wochen sollen die Verhandlungen zwischen Geschäftsführung, den Betriebsräten, der Gewerkschaft und der Bundesagentur über die Details dieser Qualifizierungsgesellschaft beginnen.

          Die ersten Plakate und Transparente tauchen auf. „Finanzhaie zur Rechenschaft ziehen“, „Wir sind Opfer der Krise“ und „Linde Kahl kämpft um Erhalt der Arbeitsplätze“ heißt es dort. Dann formiert sich ein Demonstrationszug. Vorneweg marschiert ein Trommler, und in den ersten Reihen sorgen die Menschen mit Trillerpfeifen für ohrenbetäubenden Lärm. Auf dem Stiftsplatz unterhalb des Gotteshauses fordert Reitz die Eigentümer Goldman Sachs und KRR sowie die Banken auf, Beiträge zur Restrukturierung zu leisten. Er spricht von einem dreistelligen Millionenbetrag, der erforderlich sein werde, um Linde und Kion abzusichern. Oberbürgermeister Klaus Herzog (SPD) erklärt den rund 1.500 Demonstranten, Stadt und Region stünden hinter ihnen. Betriebsratsvorsitzender Joachim Hartig betont, die Krise hätten weder die Belegschaft noch das Management zu verantworten, sondern „gierige, verantwortungslose Banker“. Linde habe in den vergangenen Jahren alles richtig gemacht, exzellente Produkte auf den Markt gebracht und ausreichend investiert. „Wir sind die Besten in der Branche und dennoch schwer bedroht“, ruft Hartig und wünscht den Teilnehmern dann artig noch einen „schönen Nachmittag“.

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