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Kreativwirtschaftstag : Den Kreativen ist Frankfurt zu teuer

Da geht`s lang: Wirtschaftsminister Al-Wazir will die Kreativen der Region vernetzen – etwa im neuen Tech Quartier. Bild: Maximilian von Lachner

Der erste hessische Kreativwirtschaftstag soll die Branche stärken. Doch nicht wenige Werber sehen die Zukunft des Standorts Rhein-Main mit Sorge.

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          Das Statement von Jan Thomas ist knallhart, und es tut weh. Thomas stammt aus der Main-Taunus-Kreisstadt Hofheim vor den Toren Frankfurts, „und ich liebe Frankfurt“, sagt er zunächst. Doch als er 2011 ein Start-up gründen will, zieht die Liebe gegen die Vernunft den Kürzeren. Thomas erscheint es als „undenkbar, in Frankfurt zu gründen“ – und er geht nach Berlin. Jetzt steht Jan Thomas beim ersten Kreativwirtschaftstag in Hessen auf der Bühne und soll sich zum Standort Rhein-Main äußern.

          Daniel Schleidt
          Koordinator der Wirtschaftsredaktion in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der Mann ist Herausgeber eines Gründermagazins namens Berlin Valley, das in der Hauptstadt erscheint und sich in einer der letzten Ausgaben mit Frankfurt beschäftigt hat. Die Stadt habe Potential, findet der Gründer-Experte und nennt die klassischen Argumente pro Frankfurt: die zentrale Lage, der Weltflughafen, eine gigantische Bankenszene, Logistikunternehmen. Doch: Aus den Möglichkeiten werde zu wenig gemacht. Junge Unternehmen, zum Beispiel aus der Kreativbranche, seien die großen Konzerne von morgen. Aber für sie werde zu wenig getan, „das ist ein Desaster“, findet Thomas.

          „Das könnte man ein Imageproblem nennen“

          Tarek Al-Wazir (Die Grünen) dürfte das ganz anders sehen. Als der Wirtschaftsminister den Kreativwirtschaftstag eröffnet, bringt er den versammelten rund 500 Kreativen ein Geschenk mit: Das Land Hessen verdopple in diesem Jahr seine Fördermittel und stelle der Branche 400000 Euro zur Verfügung.

          Die Kreativwirtschaft in Hessen erwirtschaftet derzeit jährlich 11,7 Milliarden Euro, und wenn es nach dem Minister geht, werden die Umsätze weiter wachsen. Der Kreativwirtschaftstag soll nach innen als jährlicher Treffpunkt dazu beitragen, das Netzwerk zu stärken. Nach außen soll die Veranstaltung dafür sorgen, das Bundesland als Kreativstandort über seine Grenzen hinaus wahrzunehmen. Das sei bislang nur unzureichend der Fall, so Al-Wazir, „das könnte man ein Imageproblem nennen“. Wahr sei aber auch, dass sich Hessen selbst erst als Heimat von Kreativen begreifen müsse.

          Das fängt schon bei der Ausbildung an. In Hessen werde zu wenig guter kreativer Nachwuchs ausgebildet, findet Detlef Wildermuth, Leiter der European School of Design in Frankfurt. Und nicht nur das: „Es wird auch zu wenig dafür getan, den Nachwuchs zu halten.“ Doch das ist nicht so einfach, berichtet Ulrich Klenke, Deutschland-Chef der in Sachsenhausen ansässigen Werbeagentur Ogilvy&Mather. Bei den jungen Leuten gehe es nach dem Spargelprinzip: Es dauert lange und ist sehr mühsam, bis sie die Köpfe herausstrecken. Sobald das passiert, kommt jemand und holt sie raus. Man investiere viel, um junge Menschen auszubilden, doch sobald sie sich einen Namen gemacht hätten, würden sie von der großen Konkurrenz – meist aus Hamburg, manchmal aus Berlin, München und Düsseldorf – abgeworben. Seine Agentur zahle über dem üblichen Durchschnitt, hebt Klenke hervor, aber: „Die Leute können sich davon ein Leben mit Familie in Frankfurt trotzdem nicht leisten.“ In der Stadt müsse deshalb dringend Wohnraum für Kreative geschaffen werden, appelliert er, sonst drohe ein weiterer „Brain Drain“: Gute Leute verlassen die hiesigen Unternehmen und heuern an anderen Standorten an. Und mit ihnen verlassen zunehmend auch die Agenturen die Stadt.

          Al-Wazir: Branche für Offenheit, Internationalität und Modernität

          Diese Entwicklung hat Detlef Wildermuth in den vergangenen zwei Jahrzehnten bereits beobachtet. Damals sei Frankfurt noch eine Kreativ-Hochburg gewesen. „Doch davon ist nicht mehr viel übrig.“ Unter den fünfzehn größten Kreativagenturen Deutschlands seien nur noch drei aus Frankfurt gelistet. Eine Stadt wie Hamburg habe der Metropole am Main längst den Rang abgelaufen. Dort, weiß Wildermuth, sei es noch cool, in der Werbung zu arbeiten, „in Frankfurt gilt es eher als peinlich“. Die Hamburger seien auch beim Werben um Nachwuchskräfte aktiver, er habe manchmal das Gefühl, seine Schule bilde für Hamburger Agenturen aus, so Wildermuth.

          Werbe-Experte Klenke würde sich wünschen, dass die Kreativbranche künftig regionaler denkt. „Was spricht dagegen, wenn wachsende Frankfurter Unternehmen auch Frankfurter Agenturen beauftragen?“, fragt er – und nennt zwei Beispiele, in denen das nicht funktioniert. Die Frankfurter Commerzbank arbeitet mit der Berliner Agentur Think, der Rüsselsheimer Automobilhersteller Opel mit Scholz and Friends in Hamburg zusammen. Auch Sevinc Yerli würde sich einen engeren Austausch innerhalb der Region wünschen. Für die Inhaberin eines Modelabels sei es leichter, ihre Ware in Modehäusern in Hamburg als vor Ort in Frankfurt unterzubringen. „Aber wir sitzen alle in einem Boot“, mahnt sie.

          Tarek Al-Wazir setzt große Hoffnungen auf die Kreativwirtschaft in Hessen. Derzeit sind in der Branche landesweit etwa 70000 Menschen beschäftigt, und sie sei einer der bedeutendsten Wachstumsmärkte. Für ihn steht die Branche für Offenheit, Internationalität und Modernität, sagt er – und vertritt damit gegensätzliche Werte als in anderen Teilen der Welt, wo derzeit eher auf Abschottung gesetzt werde. „Wir sollten 2017 nicht anfangen, Mauern hochzuziehen“, hebt der Minister hervor. Der Kreativwirtschaftstag soll das Gegenteil erreichen: Er soll zusammenbringen, nicht trennen.

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