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Kraftwerk vor Inbetriebnahme : „Industriepark Höchst bei Strom bald unabhängig“

Der Industriepark Höchst, in dem gut 22.000 Menschen arbeiten Bild: Infraserv Höchst

Der Industriepark Höchst spürt die Folgen der Krise und verliert Stellen. Gleichzeitig gewinnt der Betreiber Infraserv neue Kunden und baut seine Energieversorgung aus. In wenigen Jahren will er außer Dampf auch Strom zu 100 Prozent produzieren.

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          Viele Nachrichten der vergangenen Tage und Wochen von Unternehmen im Industriepark Frankfurt-Höchst können Jürgen Vormann nicht gefallen: Der Spezialchemikalien-Hersteller Clariant will 129 Arbeitsplätze abbauen, nachdem auf dem Stammgelände der ehemaligen Hoechst AG schon Dutzende weggefallen sind. Auch das Chemieunternehmen Celanese will Stellen streichen. Die BASF gibt zum Jahresende ihren Brennstoffzellen-Betrieb auf und sucht „sozial verantwortliche Lösungen“ für die 43 Mitarbeiter. Der Textilfarbensteller Dystar hat Insolvenzantrag gestellt – 424 Arbeitsplätze stehen in Höchst auf dem Spiel. Im nächsten Jahr wird der Darmstädter Merck-Konzern seine im Westen Frankfurts angesiedelte Einheit, die sich mit organischen Leuchtdioden für hochmoderne Mobiltelefone und MP3-Spieler befasst, an seinen Stammsitz holen. Doch verbreitet Vormann keinerlei Nervosität.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Denn es wird, wie er sagt, immer wieder Veränderungen in den Unternehmen geben. Manche Firmen verabschiedeten sich, andere kämen dafür nach Höchst. So hat Infraserv in dieser Woche erst den südkoreanischen Elektronikkonzern Samsung als Kunden begrüßen können. Die europäische Chemiesparte habe Laborflächen für sein „Eurolab“ gemietet. Samsung wolle dort sogenannte Extrusion betreiben: Dabei werden unterschiedlichste Stoffe unter hohem Druck und hoher Temperatur gleichmäßig aus einer formgebenden Öffnung herausgepresst, in diesem Fall Handy-Gehäuse aus Kunststoff, wie es heißt. Samsung komme mit einer vergleichsweise kleinen Einheit. Überhaupt werde Infraserv eher „kleinere Aktivitäten“ an Land ziehen können als größere, so Vormann im Redaktionsgespräch bei der FAZ Rhein-Main-Zeitung.

          46 Hektar noch frei

          Sei doch gerade in der Chemieindustrie die Bereitschaft zu größeren Ansiedlungen derzeit nicht sehr stark ausgeprägt. Die Verlagerung der Kelsterbacher Produktion des Kunststoffherstellers Ticona in den Industriepark ist nach seinen Worten sogar europaweit eine Ausnahme. Und obwohl Infraserv noch 46 Hektar freie Flächen zu bieten hat, täte sich die Firma schwer, eine solch große Fabrik auf seinem Gelände unterzubringen, wie er freimütig zugibt.

          Offenheit zeigen: Infraserv-Chef Vormann beim Redaktionsgespräch bei der Rhein-Main-Zeitung

          Dies ist eine Folge milliardenschwerer Investitionen auf dem weitläufigen Areal links und rechts des Mains. So hat der Arzneimittelhersteller Sanofi-Aventis in den vergangenen Jahren ein Hochregallager und eine große Anlage zur Fertigung von Insulin-Pens, mit denen sich Zuckerkranke ihre Medikamente spritzen, gebaut. Zudem ist eine Anlage, in der monoklonale Antikörper hergestellt und womöglich einmal fertige Produkte in flüssiger Form abgefüllt werden, im Bau. Infraserv selbst ist im Begriff, seine Ersatzbrennstoff-Anlage in Betrieb zu nehmen. Im Dezember wird das Unternehmen den ersten von drei Öfen, in denen Gewerbe- und Restmüll in Energie verwandelt werden sollen, hochfahren – ungeachtet der nach wie vor laufenden Klage von Umweltschützern. Da das Unternehmen die ersten Instanzen erfolgreich überstanden hat, rechnet Vormann nicht mit bösen Überraschungen.

          Lehren aus der „bitteren Lektion“

          Die Ersatzbrennstoff-Anlage soll im Verbund mit zwei Gasturbinen dazu beitragen, bei Strom bald zu erreichen, was bei dem für die Produktion in der Chemie- und Pharmaindustrie so wichtigen Dampf schon der Fall sei: die Eigenversorgungsquote von derzeit unter 50 Prozent auf 100 Prozent zu steigern, dadurch von den Energieversorgern unabhängig zu werden und den Kunden wettbewerbsfähige Preise bieten zu können. Vormann macht kein Hehl daraus, dass Infraserv für den Heizstoff nicht nur nichts zahlen muss, sondern vielmehr Geld erhalten wird. Infraserv nehme Entsorgungsunternehmen Müll ab und damit ein Problem. „Dafür bekommen wir Geld“ – und dadurch rechne sich auch der Betrieb der gut 200 Millionen Euro teuren Anlage, für die Infraserv etwa bei Treffen in der Nachbarschaftsrunde geworben hat, mit unterschiedlichem Erfolg.

          Treffen mit Anlieferern und Offenheit nach außen sind nach seinen Worten eine Lehre aus der „bitteren Lektion“ infolge mehrerer Chemieunfälle in Höchst und Griesheim vor mehr als zehn Jahren und der „Wagenburg-Mentalität“, die die Hoechst AG als Verursacherin seinerzeit an den Tag gelegt habe. Grundsätzlich müsse sich die Industrie zu Ehrlichkeit und Offenheit bekennen, um ihre Akzeptanz in der Öffentlichkeit zu stärken.

          4000 Beschäftigte mehr als zur Hoechst-Endphase

          Mit Blick auf die Akzeptanz bei der Stadt Frankfurt mag er nicht klagen. Vielmehr sehe sich Infraserv gut unterstützt. Er hätte aber nichts gegen einen niedrigeren Gewerbesteuer-Hebesatz, um im Wettbewerb mit Standorten wie Leverkusen, Böhlen oder Leuna weiter zu punkten. Dessen ungeachtet preist Vormann die Entwicklung des Industrieparks als Erfolgsgeschichte. Denn derzeit arbeiten dort gut 22.000 Menschen – 4000 mehr als in der Endphase von Hoechst. Und die Investitionen waren in den vergangenen Jahren im Mittel doppelt so hoch wie zu den Spitzenzeiten des Weltkonzerns.

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